Hohentengen in Baden-Württemberg betroffen

Atommüll-Endlager an deutscher Grenze: Schweiz erklärt umstrittene Entscheidung

  • Melissa Sperber
    VonMelissa Sperber
    schließen

Die Schweiz will ein Atommüll-Endlager nahe der deutschen Grenze bauen – zum Entsetzen der dort betroffenen Gemeinde Hohentengen. Doch es soll gute Gründe für diese Entscheidung geben.

Für die Gemeinde Hohentengen in Baden-Württemberg ist es ein Schock: In unmittelbarer Nähe zur deutschen Grenze plant die Schweiz ein Atommüll-Endlager. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) will erklären, warum sie sich für die Region Nördlich Lägern in unmittelbarer Nachbarschaft von Hohentengen in Baden-Württemberg entscheiden hat und nicht für die beiden anderen Standorte, die zur Auswahl standen. Auch sie liegen nahe der deutschen Grenze.

Der Grund: Der geplante Standort für das Schweizer Atommüllendlager weist nach Überzeugung von Experten die besten geologischen Voraussetzungen auf – das berichtet die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Die Region Nördlich Lägern unweit der Grenze zu Hohentengen in Baden-Württemberg sei eindeutig die sicherste Wahl unter den zuletzt drei untersuchten möglichen Standorten, sagte Matthias Braun, Chef der Nagra.

Verpackungsanlage für Atommüll soll in Würenlingen entstehen – Bau beginnt frühestens 2031

Die nötige Gesteinsschicht von Opalinuston liege dort am tiefsten unter der Erdoberfläche, die Schicht sei am dicksten und der mögliche Bereich für das geplante Endlager am größten. Braun: „Es ist ein eindeutiger Entscheid. Die Geologie hat gesprochen.“ Bei Bohrungen in Nördlich Lägern seien in der Schicht aus Opalinuston so alte Wasserspuren gefunden worden wie nirgends anders. 

Das Wasser dort sei 175 Millionen Jahre alt. „Hier steht die Zeit praktisch still“, sagte Braun. Das zeige, wie gut das Gestein Feuchtigkeit einbinde. Zudem binde das Gestein radioaktives Material und könne Risse selbst kitten. Die Opalinuston in Nördlich Lägern sei 100 Meter dick.

Die Verpackungsanlage soll an dem jetzigen Zwischenlager in Würenlingen entstehen, weil dort bereits Bauten vorhanden seien, die genutzt werden können, sagte Braun. In dem Lager sollen die radioaktiven Abfälle aus Atomkraftwerken, Industrie und Forschung in Hunderten Metern Tiefe eingebettet werden. Der Bau des Lagers muss noch Genehmigungsverfahren durchlaufen und dürfte frühestens 2031 beginnen, die Einlagerung 2050.

Entscheidung für Atommüll-Endlager an deutscher Grenze umstritten

Die Entscheidung für den Standort des Atommüll-Endlagers ist umstritten, besonders in Hohentengen.  „Der Bahnhof, der für An- und Abtransporte benutzt werden könnte, liegt ein paar Hundert Meter von unseren Wohngebieten entfernt. Wenn der Atommülltransport über die Straße kommt: die ist auch nur 850 Meter weg“, erklärt Bürgermeister Martin Benz.

Doch vor dem Hintergrund einer Energiekrise und immer weiter steigenden Preisen erhält das Thema Atomkraft so viel Aufmerksamkeit wie schon lange nicht mehr. Und das nicht nur in der Schweiz: Auch Deutschland diskutiert darüber, wie nachhaltig Atomkraft sein kann – und wie sicher die verbleibenden Atomkraftwerke wirklich sind.

Rubriklistenbild: © Sebastian Kahnert/dpa/Symbolbild