Schwaben müssen weiter sparen
Trotz Gewinnsteigerung: ZF prüft Verkauf von Sparten – auch Standort nahe Stuttgart betroffen
VonJulian Baumannschließen
Autozulieferer ZF Friedrichshafen konnte den Gewinn im ersten Halbjahr steigern, muss angesichts der Transformation aber weiter sparen. Deshalb prüft der Konzern den Verkauf ganzer Sparten.
Friedrichshafen - Die groß angelegte Transformation zur E-Mobilität macht selbst den größten Unternehmen in der Autoindustrie zu schaffen. Der nach Bosch zweitgrößte deutsche Autozulieferer ZF Friedrichshafen hatte im vergangenen Jahr ein deutliches Umsatzminus zu verkraften und zehrt derzeit noch immer an hohen Schulden durch die Übernahme zweier Unternehmen. Im Rahmen des Wandels wurde bereits die Sorge vor einem Jobkahlschlag bei der ZF Friedrichshafen laut, für die deutschen Standorte gibt es aktuell jedoch eine Beschäftigungsgarantie bis 2025. Zudem ist auch der Nutzfahrzeugstandort am Hauptsitz der ZF in Friedrichshafen für die Zukunft gerüstet.
Wie der Stiftungskonzern vom Bodensee am Mittwoch (2. August) in einer Pressemitteilung erklärte, konnte die ZF Friedrichshafen den Umsatz trotz des weiterhin sehr herausfordernden Marktumfeldes steigern. Dennoch muss der große Autozulieferer aus Baden-Württemberg angesichts von Transformation, Digitalisierung und der anhaltenden Inflation weiter Kosten senken. Deshalb erwägt die ZF laut Angaben des Südwestrundfunks (SWR) den Verkauf des Bereichs „Passive Sicherheit“, was unter anderem auch einen Standort nahe Stuttgart betreffen könnte. Auch in Bezug auf einen Stellenabbau können die Mitarbeiter der deutschen Standorte noch nicht aufatmen.
ZF Friedrichshafen steigert Gewinn, muss angesichts der Transformation aber weiter Kosten sparen
Die Wirtschaft in ganz Deutschland hat derzeit noch immer mit der Inflation und den stark gestiegenen Preisen von Energie, Rohstoffen und auch Personal zu kämpfen. Bei Technologiekonzernen wie der ZF Friedrichshafen kommen zudem die hohen Ausgaben für Forschung und Entwicklung hinzu, der Konzern konnte den Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum dennoch steigern. „Trotz hoher Inflation und höherer Ausgaben für Forschung und Entwicklung konnten wir unser angestrebtes Ergebnis erreichen“, sagte Finanzvorstand Michael Frick. „Auch wenn wir mit dem Finanzergebnis noch nicht zufrieden sind und die kommenden sechs Monate nicht einfach werden, sind wir zuversichtlich, dass wir unsere im Frühjahr vorgestellten Jahresziele erreichen werden.“
| Name | ZF Friedrichshafen AG |
|---|---|
| Gründungsjahr | 1915 |
| Hauptsitz | Friedrichshafen, Baden-Württemberg |
| Branche | Automobilzulieferer, Mobilitätssysteme |
| Geschäftsbereiche | Automobilzulieferer, Antriebs- und Fahrwerktechnik, E-Mobilität, Automatisierungstechnik, Industrietechnik, Nutzfahrzeugtechnik |
| Mitarbeiterzahl | 164.869 (Stand: 2022) |
| Produktionsstandorte | 168 in 32 Staaten |
| Hauptentwicklungsstandorte\t | 19 in neun Ländern |
| Umsatz | 43,8 Milliarden Euro (2022) |
| Geschäftsführung\t | Holger Klein (Vorstandsvorsitzender), Heinrich Hiesinger (Aufsichtsratsvorsitzender) |
| Anteilseigner | 93,8 Prozent Zeppelin Stiftung (Stiftungsträger ist die Stadt Friedrichshafen), 6,2 Prozent Dr. Jürgen und Irmgard Ulderup Stiftung |
Um diese Ziele zu erreichen, heißt es aber auch beim Autozulieferer vom Bodensee: Kosten senken und Fixkosten einsparen. „Unser Jahresziel erreichen wir dadurch, dass wir unsere Kosten weiter senken, Inflationseffekte durch partnerschaftliche Gespräche mit Kunden mildern und unsere Bestände optimieren“, so Frick. Vor Medienvertretern erklärte der Finanzvorstand der ZF zudem, dass der Konzern, um die Herausforderungen der Zukunft stemmen zu können, den Verkauf des Bereichs passive Sicherheit – also vorrangig die Produktion von Airbags, bei denen die ZF die weltweite Nummer 2 ist – erwägt. Laut SWR soll davon auch ein Standort nahe Stuttgart betroffen sein, bei dem es sich mutmaßlich um den in Alfdorf (Rems-Murr-Kreis) handelt.
Standorte der ZF Friedrichshafen in Baden-Württemberg:
| Standort | Gesellschaft |
|---|---|
| Friedrichshafen (Bodenseekreis) | ZF-Forum (Konzernzentrale und Hauptverwaltung) |
| ZF Friedrichshafen Werke 1, 2, 4, 14, 15, 32 | |
| ZF RACE Engineering GmbH Werk 1 | |
| ZF Ventures GmbH Werke 1, 4 | |
| doubleSlash Net-Business GmbH | |
| Alfdorf (Rems-Murr-Kreis) | ZF Automotive Germany GmbH |
| Fellbach (Rems-Murr-Kreis) | ZF CV Distribution Germany GmbH & Co. KG |
| Mannheim (Stadtkreis) | WABCO Radbremsen GmbH |
| Pfullendorf (Kreis Sigmaringen) | ZF Friedrichshafen AG Alno Werk 4 |
| Radolfzell am Bodensee (Kreis Konstanz) | ZF Automotive Germany GmbH |
| Ravensburg (Kreis Ravensburg) | ZF Micro Mobility GmbH |
| Tübingen (Kreis Tübingen) | Brake Force One GmbH |
| Urbach (Rems-Murr-Kreis) | ZF Friedrichshafen AG/ZF Services Stuttgart |
ZF stellt Standorte auf den Prüfstand und will nach 2025 „gute Lösungen“ für die Mitarbeiter finden
Doch auch unabhängig davon will die ZF Friedrichshafen nach Angaben des Finanzvorstands alle Standorte auf den Prüfstand stellen. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Konzern angekündigt, den ZF-Standort in Eitdorf schließen zu wollen, inzwischen heißt es jedoch, man suche nach einem Käufer, um die Arbeitsplätze zu bewahren. Deutlich düsterer sieht es allerdings für den Standort in Brandenburg an der Havel aus, der derzeit Doppelkupplungsgetriebe – unter anderem für Porsche – produziert und dadurch deutlich von der Transformation betroffen sein könnte. Bis 2025 sind die Arbeitsplätze an den deutschen Standorten der ZF jedoch sicher, danach müsse man gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern „gute Lösungen“ finden, so Frick.
Obwohl der zweitgrößte deutsche und drittgrößte globale Autozulieferer demnach weiterhin Kosten einsparen muss und alles auf den Prüfstand stellt, stimmen die Zahlen des ersten Halbjahres zuversichtlich. Laut Mitteilung rechnet der Konzern trotz Rückgang der Nachfrage nach Pkw mit einem moderaten Wachstum für das Gesamtjahr 2023 und hat in diesem Jahr auch bereits einige Weichen für die Zukunft gestellt. „Damit bestätigen wir unsere Jahresprognose und verfolgen weiter planvoll das im Frühjahr vorgestellte Maßnahmenprogramm“, sagte Finanzchef Michael Frick. „Insgesamt danke ich den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen von ZF für ihren Einsatz in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld.“
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