Doch nicht ausgeweckt

Kultunternehmen Weck aus Baden-Württemberg erlebt Boom nach Hiobsbotschaft

  • Julian Baumann
    VonJulian Baumann
    schließen

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist in Baden-Württemberg stark gestiegen. Dass die Zahlungsunfähigkeit nicht immer eine Hiobsbotschaft sein muss, zeigt der Fall Weck.

Stuttgart/Wehr-Öflingen - Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie, die hohen Energiepreise und die Inflation haben im bisherigen Jahr einige Unternehmen in eine gefährliche Schieflage gebracht. In Baden-Württemberg haben im ersten Halbjahr 2023 über 900 Unternehmen Insolvenz angemeldet. Eines davon war das Traditionsunternehmen J. Weck, das bundesweit für die beliebten Weck-Gläser bekannt ist, die es bereits seit über 120 Jahren gibt. Die Weck-Gruppe hatte Ende Juni Insolvenz angemeldet und das Landgericht Karlsruhe nahm das Verfahren auf.

Die Insolvenzanmeldung ist für ein Unternehmen und auch für die Belegschaft zunächst eine Hiobsbotschaft, muss aber nicht generell zur Einstellung des Geschäftsbetriebs führen, wie es beim Pforzheimer Versandhaus Klingel der Fall ist. Im Falle von Weck löste die Meldung zur Zahlungsunfähigkeit sogar einen regelrechten Hype auf die gewindelosen Gläser aus, die zur Haltbarmachung, Bevorratung und Herstellung von Speisen mittels Einkochen verwendet werden. Wie die WirtschaftsWoche berichtet, haben sich auch bereits mehr als zwei Dutzend Interessenten gemeldet.

Weck-Insolvenz löste Nachfrage-Boom aus – „Bestellungen sind regelrecht explodiert“

„Manche Dinge lernt man erst zu schätzen, wenn sie nicht mehr da sind“, lautet ein weit verbreitetes Sprichwort, das in verschiedenen Situationen Anwendung finden kann. Im Falle der Weck-Insolvenz, bei der unter anderem auch die Deutsche Presse-Agentur (dpa) in der Meldung erklärt hat, dass es die beliebten Gläser möglicherweise bald nicht mehr zu kaufen geben könnte, wollten viele offenbar vorher noch Weck-Gläser abgreifen. In den ersten Tagen nach der Bekanntgabe seien „die Bestellungen im Onlineshop regelrecht explodiert“, sagte Insolvenzverwalter Thilo Braun der WirtschaftsWoche. „An einzelnen Tagen hatten wir das 30-fache des üblichen Bestellvolumens, inzwischen verkaufen wir online immer noch doppelt so viel wie vor der Insolvenz.“

Name J. Weck GmbH u. Co. KG
Gründung 1. Januar 1900
Hauptsitz Wehr-Öflingen, Baden-Württemberg
Produkte Weck-Gläser (von Tochterunternehmen Weck Glaswerk GmbH in Bonn produziert), Weißglasverpackungen, Sammelbehälter
Mitarbeiter 375 (115 in Wehr-Ölfingen, 260 in Bonn)

Der plötzliche und wohl auch unverhoffte Auftragsboom war laut dem Juristen aus Freiburg für die Mitarbeiter der Weck-Gruppe ein regelrechter Kraftakt, sie hätten jedoch „voll mitgezogen und demonstriert, wie sehr sie für das Unternehmen kämpfen“. Nachdem die Weck-Gläser jahrzehntelang in den deutschen Vorratsräumen zu finden waren, ebbte die Nachfrage in jüngerer Zeit deutlich ab und die Kultmarke geriet womöglich auch aus dem Bewusstsein der Kunden. Mit der Insvolvenzverkündung und dem Aufgreifen der Nachricht in zahlreichen Medien war die Marke Weck aber wieder präsent.

Insolvenzverwalter zuversichtlich, dass Erhalt der Weck-Gruppe gelingt

Laut Insolvenzverwalter Braun hat sich das Geschäft seit dem Insolvenzantrag stabilisiert und die Suche nach einem Investor, der die Firma weiterführen könnte, gestaltet sich offenbar auch positiv. Demnach hätten sich bereits rund zwei Dutzend Interessenten mit unverbindlichen Angeboten gemeldet. „Darunter sind sowohl Finanzinvestoren als auch strategische Interessenten.“ Ziel sei nun, den Verkauf im November abzuschließen und die Weck-Gruppe an einen neuen Eigentümer zu übergeben. „Das Interesse der Investoren stimmt mich zuversichtlich, dass der Erhalt des Unternehmens gelingt“, sagte der Jurist.

Die Insolvenz von Weck hat einen regelrechten Hype um die bekannten Gläser ausgelöst.

Bei einem anderen traditionsreichen Unternehmen aus Baden-Württemberg, das in diesem Jahr in die Zahlungsunfähigkeit gerutscht ist, wurde am 1. September der Investorenprozess gestartet. Autozulieferer Allgaier hatte ebenfalls Ende Juni einen Insolvenzantrag gestellt, ein IG-Metall-Gewerkschafter bezeichnete diesen Schritt jedoch als „Chance“ für das Unternehmen. Wie die Insolvenzverwalter, die PLUTA-Anwaltskanzlei aus Stuttgart, in einer Pressemitteilung erklärte, hat sich der Betrieb bei Allgaier in den vergangenen Monaten stabilisiert.

Rubriklistenbild: © Andrea Warnecke/dpa