„Ihr könnt mähen“
Drei Tierbabys totgemäht: Geldstrafe und Freisprüche im Rehkitz-Prozess
VonJosefine Lenzschließen
Am Dienstag stehen vier Männer vor Gericht und müssen sich wegen der Tötung von drei Rehkitzen verantworten. Die Angeklagten sollen gemäht haben, obwohl sie um die Rehbabys wussten.
Drei Rehkitze kommen bei einer Mähaktion blutig ums Leben - ein Mann ist deswegen am Dienstag vor dem Amtsgericht Weinheim zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Die Richterin befand ihn der „vorsätzlichen Tötung von Wirbeltieren“ für schuldig. Nach ihrer Überzeugung hatte er die Informationen darüber, dass sich hilflose Rehbabys in den Wiesen in Laudenbach (Rhein-Neckar-Kreis) befunden hatten, nicht weitergegeben.
Der 35-Jährige, einer der Pächter der Wiesen, muss 70 Tagessätze à 50 Euro zahlen. Drei Mitangeklagte wurden vom Vorwurf der rohen Tiermisshandlung freigesprochen. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.
Rehkitze durch Mähdrescher getötet: Bauern weisen Schuld von sich
Zwei der Männer hatten die beiden Wiesen im Juni 2021 gemäht und bestritten am Dienstag vehement, von den Kitzen gewusste zu haben - sehr glaubhaft, sagte die Richterin in der Urteilsbegründung und sprach die 54 und 31 Jahre alten Männer frei. Die beiden seien selbst in der Rehkitzrettung aktiv und hätten zudem keinen Grund gehabt, dem nun verurteilten Pächter nicht zu glauben. Dieser hatte den Männern lediglich von zwei erwachsenen Rehen berichtet, die die vorher hinzugerufene Rehkitzrettung in den Feldern entdeckt hatte. Dann habe er gesagt: „Ihr könnt mähen.“
Auch ein 64-Jähriger, der Vater des 35-Jährigen, blieb straffrei. Ihm war zu Last gelegt worden, die drei schwer verletzten Kitze abends nach dem Ende der Mäharbeiten erschlagen zu haben. Beweise dafür fanden sich nicht. Die vermeintliche Tat war von niemandem beobachtet worden. Zeugen hatten lediglich gehört, wie der Sohn gesagt hatte, der Vater habe drei Kitze „totgemacht“.
Zur Gerichtsverhandlung kam es, weil alle Angeklagten die zuvor von der Staatsanwaltschaft verhängten Strafbefehle nicht akzeptiert hatten. Die Männer hätten je nach Einkommen zwischen 4500 und 10 000 Euro zahlen müssen und dann dagegen Einspruch eingelegt.
Tierbabys auf Wiese getötet: Rehkitzrettung hatte vor dem Mähen gewarnt
Die Richterin betonte, dass die Kitze ohne Not gestorben seien. Die vom verurteilten 35-Jährigen selbst beauftragte Rehkitzrettung Weinheim habe die Wiesen frühmorgens abgesucht und eindringlich vor dem Mähen gewarnt, nachdem neben erwachsenen Rehen auch bis zu fünf Kitze darin entdeckt worden waren. Die Mähaktion hätte problemlos verschoben werden können - zumal die Rehkitzretter auch angeboten hatten, bei der Rettung der Kitze zu helfen und abends nochmals das Feld abzusuchen. Warum der Mann auf „Teufel komm‘ raus“ noch am gleichen Tag habe mähen lassen wollen, sei nicht nachvollziehbar.
Den Mähern muss sich ein verstörender und schlimmer Anblick geboten haben. Mitten in den Mäharbeiten hatten ihre Maschinen die kleinen Kitze erfasst - eins auf der einen Wiese und zwei auf der anderen. Die Tiere seien blutüberströmt und schon tot gewesen und dann von ihnen am Rand abgelegt worden, sagten sie. Ob die Tiere tatsächlich sofort tot waren oder später von dem 64-Jährigen erschlagen wurden, ließ sich nicht klären. Ein am nächsten Tag hinzugerufener Jagdpächter konnte die Tierkadaver nicht mehr bergen. Sie seien verschwunden gewesen und mutmaßlich von Raubtieren wie einem Fuchs gefressen worden.
Angeklagte zeigen sich bestürzt: „Hätten nie gemäht, wenn wir von den Kitzen gewusst hätten“
Wenige Tage alte Rehkitze haben noch keinen Fluchtinstinkt und drücken sich bei Gefahr bewegungslos auf den Boden. Auch wenn der Fluchtinstinkt etwas später dann einsetzt, können sie nicht schnell genug vor Mähfahrzeugen fliehen, sagte Michael Ehlers von der Rehkitzrettung. In der Region hatte der Vorfall für großes Aufsehen und auch für Anfeindungen gesorgt. Bis auf den verurteilten 35-Jährigen äußerten alle Angeklagten im Schlusswort großes Bedauern. „Wir hätten nie gemäht, wenn wir von den Kitzen gewusst hätten“, sagte der 31-Jährige.
Im Amtsgericht Calw muss sich am Dienstag eine Frau verantworten, die für den Tod von zwölf Huskys verantwortlich sein soll. Sie habe die Tiere in Transportboxen gesperrt und den Tod der Tiere billigend in Kauf genommen.
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