Lucas Fratzscher im Interview
Biathlon: DSV-Herren mit Ansage – „Werden es ihnen so schwer wie möglich machen“
VonTobias Rufschließen
Im Biathlon steht das Saisonhighlight an. Für Lucas Fratzscher war der Weg zu Olympia steinig. Im Interview mit chiemgau24.de spricht er über den Kampf um das Ticket, seine Rolle bei den Spielen und er schickt eine Kampfansage an die Konkurrenz.
Die Biathlon-Karriere von Lucas Fratzscher gleicht einer Achterbahn. 2019 debütierte er als vielversprechendes Talent im Weltcup, 2020 feierte er den Gesamtsieg im IBU-Cup. Im Sommer gewann er zahlreiche Medaillen bei Deutschen Meisterschaften, 2022 lief er im Weltcup mit der Staffel aufs Podest – in Antholz.
An jenem Ort werden ab dem 8. Februar die Biathlon-Wettbewerbe bei den Olympischen Winterspielen 2026 ausgetragen. Für Fratzscher ist es das erste Großereignis. Der Weg des 31-Jährigen zu Olympia war steinig, an den vielversprechenden Beginn der Karriere konnte der Thüringer nur selten anknüpfen. In der laufenden Saison verpasste er die offizielle Norm für Olympia, wurde dennoch vom Deutschen Olympischen Sportbund für die Spiele nominiert. Im Interview mit chiemgau24.de spricht er über den langen Weg zum Olympiaticket, seine Rolle im Team, die Medaillenchancen der deutschen Mannschaft und die rasante Entwicklung im Biathlon.
Biathlon: Lucas Fratzscher im Interview – Der lange Weg zu Olympia 2026
Wie groß ist Ihre Vorfreude auf Olympia?
Lucas Fratzscher: Es sind meine ersten Olympischen Spiele, entsprechend groß ist meine Vorfreude. Ich bin sehr stolz, dabei sein zu dürfen.
Wie sieht die unmittelbare Vorbereitung aus?
Fratzscher: Wir sind am vergangenen Montag nach Obertilliach gefahren und legen dort unser Trainingscamp für Olympia ein. Die Höhenlage ist ähnlich zu der in Antholz und die Bedingungen sind hervorragend. Am Dienstag geht es für uns dann nach Antholz.
Sie sind sehr spät auf den Olympiazug aufgesprungen. Wann haben Sie von Ihrer Nominierung erfahren?
Fratzscher: Das lief in zwei Etappen. Nach den Rennen in Ruhpolding am Sonntag wusste ich, dass mich der Deutsche Skiverband für den fünften Platz vorschlagen wird. Die finale Entscheidung lag aber beim Deutschen Olympischen Sportbund. Der hat dann am Dienstag meine Teilnahme bestätigt. Ich wusste, dass meine Chancen gut sind, aber sicher konnte ich mir nicht sein. Entsprechend groß war die Erleichterung, als ich am Dienstag im Aufgebot stand.
Klingt nach einem langen Montag . . .
Fratzscher: Ich hatte glücklicherweise Ablenkung. Es stand zur Debatte, dass das letzte Olympiaticket am Donnerstag beim Einzel in Nove Mesto ausgelaufen wird. Entsprechend musste ich am Montag eine mögliche Anreise nach Tschechien planen, was nicht ohne war. Da standen viele Telefonate an und die Zeit verging recht schnell.
Sie haben die vorgegebene Norm nicht erfüllt. Was hat den Ausschlag gegeben, dass Sie dennoch dabei sind?
Fratzscher: Ich habe in Oberhof den 16. Platz im Sprint belegt und damit nur um einen Platz die halbe Olympia-Norm verpasst. Auch meine Leistung in der Staffel war gut und in Ruhpolding habe ich solide Rennen abgeliefert. Das hat letztlich den Ausschlag gegeben.
Ausgerechnet Oberhof – Bei Ihrem Heimweltcup hatten Sie in der Vergangenheit oft Probleme und jetzt haben Sie dort den Grundstein für Olympia gelegt . . .
Fratzscher: Das klingt nach einem wilden Drehbuch (lacht). Im ersten Moment hatte ich mich nach dem Sprint geärgert, dass ich die halbe Olympia-Norm um einen Platz verfehlt hatte. Jetzt im Nachhinein bin ich umso glücklicher, dass es doch gereicht hat. Und in Summe hat mir mein Heimweltcup doch Selbstvertrauen gegeben. Neben dem guten Sprint bleibt mir die Staffel in Erinnerung, das war ein wirklich cooler Tag.
In welcher Position sehen Sie sich innerhalb des Teams?
Fratzscher: Ich bin mir bewusst, dass ich der Einzige bin, der die Norm nicht erreicht hat. Da kann ich keine großen Ansprüche stellen, hoffe aber natürlich auf einen Einsatz. Mein Fokus liegt klar darauf, mich bestmöglich vorzubereiten und dann da zu sein, wenn ich die Chance bekomme. Egal wie es kommt, ich werde für mich aus Olympia 2026 das Beste machen und will dazu beitragen, dass wir als Team erfolgreich sind.
Es ist ihr erstes Großereignis – mit 31 Jahren. Was macht das mit ihrer Anspannung?
Fratzscher: Ich spüre schon, dass es was anderes ist als gewöhnliche Weltcups oder Wochenenden im IBU-Cup. Viele Dinge sind neu für mich, gerade im organisatorischen Bereich. Aber die Basics bleiben zum Glück gleich, es geht letztlich um gute Leistungen und Freude am Sport.
Biathlon: Fratzscher bei Olympia – Ein Traum, den er nie hatte
War Olympia Ihr Kindheitstraum?
Fratzscher: Ehrlich gesagt nicht. Ich wollte als junger Sportler den Sprung in den Weltcup schaffen und hatte Olympia nicht in den Mittelpunkt gestellt. Aber klar, jetzt wo das Ereignis näher rückt und ich dabei sein darf, ist es eine Art Traum, auf den ich irgendwann mit Stolz zurückblicken werde.
Nach zwei Ausgaben in Fernost findet Olympia wieder in Europa statt. Ein Nachteil ist, dass die Distanzen zwischen den Wettkampfstätten enorm sind. Ist ein weinendes Auge mit dabei?
Fratzscher: Team Deutschland an einem Ort hätte schon einen gewissen Reiz. Aber ich konzentriere mich auf die positiven Aspekte. Biathlon in Antholz ist etwas ganz Besonderes und hat so viel Tradition, da sind olympische Wettkämpfe schon am richtigen Ort. Die Stimmung wird großartig sein, darauf können wir uns nur freuen.
Werden Sie vor Ort von der Familie oder von Freunden unterstützt?
Fratzscher: Meine Eltern wollen wahrscheinlich vorbeikommen, aber die genaue Planung ist noch offen.
Apropos privates Umfeld - Ihre Lebensgefährtin Marlene Fichtner erlebte einen bittersüßen Moment in Nove Mesto. Wie sehr leidet man als Freund da mit?
Fratzscher: Das war natürlich extrem ärgerlich, aber leider gab es da keinen Spielraum im Regelwerk. Was bleibt, ist die gute Leistung, und darauf können sie und Leo sehr stolz sein.
Zurück zu Olympia - Was ist möglich für die deutsche Mannschaft in Antholz?
Fratzscher: In den Staffeln haben wir sehr gute Chancen auf Medaillen. Auch in den Einzelrennen haben wir alle Möglichkeiten, wenn wir unsere Leistungen abrufen. Wir werden uns bestmöglich vorbereiten und alles reinhauen, was wir haben. Die Topfavoriten sind wir nicht, aber wir werden es den anderen so schwer wie möglich machen.
Schauen wir auf die internationale Szene. Wie hat sich das Niveau in den vergangenen Jahren entwickelt?
Fratzscher: Biathlon hat sich in vielen Bereichen stark verändert. Die Datenerfassung wird immer intensiver, entsprechend verändert sich die Trainingssteuerung. Klar muss man weiter hart trainieren, aber man muss richtig trainieren. Einfach nur alles in jede Einheit reinzuhauen, hilft nicht weiter. Zudem hat sich die Lauftechnik verändert. Wenn man sich die Bilder von vor 20 oder 30 Jahren anschaut, erkennt man klare Unterschiede. Außerdem hat sich die Anzahl an konkurrenzfähigen Nationen erhöht und auch das Material entwickelt sich immer weiter.
Klingt nach sehr viel Aufwand . . .
Fratzscher: Ist es auch, aber man muss die richtige Mischung finden. Dem Fortschritt darf man sich nicht verschließen, aber auch die Basics darf man nicht vergessen. Biathlon muss Spaß machen, und dazu gehört auch die nötige Lockerheit. Wenn man die nicht hat, helfen einem die anderen Dinge nur bedingt weiter.
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Wer hat das Potenzial, diese Olympischen Spiele zu prägen?
Fratzscher: Hoffentlich wir (lacht) – Aus internationaler Sicht hat sich die Lage mit dem Rücktritt von Johannes Thingnes Boe schon verändert. Er hat die letzten Großereignisse geprägt. Aktuell ist das Feld sehr breit und hochkarätig besetzt. Wir dürfen uns auf spannende Tage freuen, das ist sicher. (Quelle: chiemgau24.de, truf)
