Fleisch landet als Eigenmarke-Produkt im Regal

Tierquälerei-Vorwürfe gegen Lidl häufen sich: Brutale Videos aus Hühnerställen veröffentlicht

Erneut werden Tierquälerei-Vorwürfe gegen Lidl erhoben. Ein Whistleblower aus England hat belastendes Material aus einem Hühnerstall in England veröffentlicht.
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Erneut werden Tierquälerei-Vorwürfe gegen Lidl erhoben. Ein Whistleblower aus England hat belastendes Material aus einem Hühnerstall in England veröffentlicht.
  • Lisa Klein
    VonLisa Klein
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Die Tierquälerei-Vorwürfe gegen Lidl häufen sich. Ein Whistleblower aus England verrät, wie brutal es in Lidls Hühnerställen wirklich zugehen soll. Das Fleisch landet laut Bericht als Eigenmarke-Produkt in den Filialen.

Bereits im Jahr 2022 hat Lidl wegen Tierquälerei-Vorwürfen gleich zweimal Schlagzeilen gemacht. Inzwischen liegt Beweismaterial von Stall-Recherchen aus fünf Ländern für Tierquälerei vor: Deutschland, Österreich, Italien, Spanien und nun auch England. Ein Arbeiter aus einem englischen Hühnermastbetrieb hat brisantes Videomaterial an Tierschutzorganisationen geleakt. Die neuesten Aufnahmen zeigen unter anderem schwer verletzte oder tote Hühner.

Anzeige gegen Lidl-Lieferant wegen Tierquälerei – Fleisch landet als Eigenmarke-Produkt in der Filiale

Nun gibt es neue Anschuldigungen, wieder in einem Hühnerstall, diesmal aus Großbritannien: Arbeiter geben vor versteckter Kamera zu, dass der brutale Umgang mit den Tieren eben „Teil der Arbeit“ sei. Die Hühner seien zudem schwer gezeichnet durch Überzüchtung und miserable Haltung. Die dort gehaltenen Vögel landeten unter der Lidl-Eigenmarke „Birchwood“ im britischen Handel.

Die Organisation Open Cages hat Strafanzeige erstattet. Die Materialien sind von der „Albert Schweitzer Stiftung“ auf einer Webseite gesammelt und veröffentlicht worden. Alle Undercover-Aufnahmen und Laborergebnisse sind auf www.lidl-fleischskandal.de zu finden.

Albert Schweitzer Stiftung

Die Albert Schweitzer Stiftung ist eine Organisation, die sich für den Schutz und die Rechte von Tieren einsetzt. Schwerpunkt ist laut eigenen Angaben die Massentierhaltung. Die Albert Schweitzer Stiftung wurde im Jahr 2000 von einem Rechtsanwalt in München gegründet.

Tom Herok, von dem die Aufnahmen stammen, lehrt Philosophie an der Universität von Lancaster. In einem Video erklärt er, dass er im vergangenen Jahr fünf Monate lang in der britischen Hühnerindustrie beschäftigt war, um das Wohlergehen der schnell wachsenden „Frankenchickens“ zu untersuchen. Herok erzählt, dass die Arbeit in dem Mastbetrieb „eine der schlimmsten Erfahrungen“ seines Lebens war.

Das Brisante: Der Mastbetrieb, aus dem die Aufnahmen stammen, ist mit dem britischen Label „Red Tractor“ zertifiziert, das eigentlich bessere Haltungsbedingungen verspricht. Laboruntersuchungen von Lidl-Fleisch würden außerdem zeigen, dass diese Zustände eine Gesundheitsgefahr für Menschen sind.

Lidl äußert sich zu Tierquälerei-Vorwürfen in englischem Hühnermastbetrieb

Lidl hat sich zu den Tierquälerei-Vorwürfen auf echo24.de-Nachfrage geäußert. „Lidl in Deutschland wird von dem im Video gezeigten Betrieb und betreffenden Lieferanten nicht beliefert. Die im Video gezeigten Zustände verurteilen wir“, erklärt der Lebensmittelriese.

In der Pressemitteilung zu den aktuellen Vorwürfen schreibt die „Albert Schweitzer Stiftung“ in einem Update, Lidl hätte gegenüber dem „Daily Mirror“ gesagt, die Filialen würden nicht mehr von der entsprechenden Farm beliefert werden. Recherchen der „Albert Schweitzer Stiftung“ hätten jedoch ergeben, dass Codes auf Hühnerfleischpackungen belegen, dass „Lidl UK zum Zeitpunkt der gravierenden Tierschutz-Verstöße im September 2022 (und auch bis mindestens Dezember 2022) von der gezeigten Farm beliefert wurde“, heißt es. Bezüglich eines Lieferstopps an die Lidl-Filialen in Großbritannien wurde sich nicht geäußert.

Tierquälerei-Vorwürfe gegen Lidl häufen sich: Brutale Videos aus Hühnerställen veröffentlicht

Im Sommer 2022 wurde Lidl bereits scharf kritisiert, damals ebenfalls aufgrund von Videos aus einem Hühnermastbetrieb aus Österreich. Der Vorwurf: Lidl würde Produkte eines Zulieferers an Kunden verkaufen, die das Fleisch von gequälten Hühnern erhalten. Die Videos sind bei verdeckten Ermittlungen entstanden und zeigten überfüllte Ställe und Tiere, die vor sich „hinvegetieren“ und Probleme haben „sich auf den Beinen zu halten“. Auf echo24.de-Nachfrage äußerte sich Lidl zu den Tierquälerei-Vorwürfen.

Gegenüber echo24.de sagte der Lebensmittelkonzern zu den damaligen Anschuldigungen: „Lidl spricht sich in aller Deutlichkeit gegen Tierquälerei aus. Wir nehmen jegliche Vorwürfe sehr ernst.“ Lidl wies die Anschuldigungen zurück – interne Überprüfungen hätten keine Auffälligkeiten ergeben.

Im Oktober erfolgten weitere Beschuldigungen – diesmal zu Tierquälerei im Hühnermaststall des spanischen Lidl-Lieferanten „Sada“. Auf Videos ist zu sehen wie Mitarbeiter brutal mit den Tieren umgehen.

Stall-Recherche in England: Whistleblower packt aus – so sieht es in Lidls Hühnerställen aus

Whistleblower Tom Herok war zwischen Juli und September 2022 in dem englischen Betrieb angestellt, in dem zwischen 300.000 und 400.000 Tiere pro Mastdurchgang (etwa sechs Wochen lang) leben, verteilt auf zehn Ställe. Herok dokumentierte seine Beobachtungen mit einer versteckten Kamera. Die Albert Schweitzer Stiftung fasst zusammen:

  • Er wurde bereits am ersten Arbeitstag gewarnt, dass er erleben werde, wie Hühner überfahren werden. Ein Kollege erklärt, das gehöre halt dazu und könne nicht vermieden werden.
  • Die Aufnahmen zeigen unter anderem ein Huhn mit gebrochenen Beinen, das sich wegzuschleppen versucht. Ein anderes liegt schwer verwundet und keuchend am Boden. Ein weiteres Huhn hat eine klaffende Wunde, die seine Organe freilegt.
  • Mehrere Stapel toter Tiere sind zu sehen.
  • Der Betriebsleiter bestätigt vor versteckter Kamera, dass der Mastbetrieb Lidl beliefert.
  • Ein Arbeiter gibt zu, dass die schnell wachsenden Rassen an gebrochenen Beinen, Herzinfarkten, Erstickungsanfällen, Arthritis und Missbildungen leiden.
  • Durch die hohe Fäkalienkonzentration im Stall erleiden sie zudem Ammoniakverbrennungen an den Füßen.
  • Die Person erzählt, dass die Vögel sich unter den beengten Bedingungen in den Ställen „nicht wirklich gut bewegen können“, was die Gesundheitsprobleme verschlimmert.

Tierquälerei in Lidls Hühnerställen: Beweismaterial aus fünf Ländern

Inzwischen liegt Beweismaterial aus fünf Ländern für Tierquälerei vor. Unter anderem sind folgende Szenen dokumentiert worden:

  • Wie ein Arbeiter in einen Stall in Deutschland uriniert.
  • Arbeiter erschlagen Küken unsachgemäß in Spanien und Italien.
  • Hühner werden mit dem Traktor überfahren.
  • Eine Laboruntersuchung zeigte zudem, dass von 51 Proben aus acht deutschen Lidl-Märkten 71 Prozent mit antibiotikaresistenten Keimen belastet waren. Diese Erreger können sich unter den gezeigten Bedingungen vortrefflich vermehren.

„Lidl versagt katastrophal beim Tierschutz“: Tierquälerischer Massentierhaltung und Qualzucht in fünf Ländern

Die Tierschutzorganisationen um Open Cages und die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt fordern Lidl auf, seine Tierschutzstandards mit der Europäischen Masthuhn-Initiative anzuheben.

Mahi Klosterhalfen, Präsident der Albert Schweitzer Stiftung: „Lidl will 2026 immer noch 70 Prozent seines Fleischs aus garantiert tierquälerischer Massentierhaltung und Qualzucht verkaufen. Wie das aussieht, haben wir inzwischen in fünf Ländern dokumentiert. Im gleichen Zeitraum stellen Aldi und andere beim gesamten Hühnerfleischsortiment auf die Tierschutzstandards der Europäischen Masthuhn-Initiative um. Lidl versagt katastrophal beim Tierschutz.“

Lidls Konkurrenten Aldi, Bünting, Globus, Norma und Tegut haben sich der Europäischen Masthuhn-Initiative bereits angeschlossen und wollen zu 100 Prozent auf die höheren Standards umsteigen. Lidl hat sich immerhin in Frankreich und in den Niederlanden angeschlossen.

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