Ukraine-Krieg
„Eintopf aus Granaten“: Ukraine-Soldaten schildern Drama um Verlust von Awdijiwka
- VonBettina Menzelschließen
Zu wenig Munition, zu später Rückzug: Das berichten ukrainische Soldaten über den Kampf um Awdijiwka. Auch von einem plötzlich verschwundenen Kommandeur ist die Rede.
Awdijiwka – Der Mangel an Artilleriemunition der Ukraine macht sich immer deutlicher an der Front bemerkbar: Die Industriestadt Awdijiwka fiel am 17. Februar 2024 – es war die größte militärische Niederlage Kiews seit rund einem Jahr. Ukrainische Truppen hatten den Ort monatelang kontinuierlich verteidigt, eine Brigade fast seit Beginn des Ukraine-Krieges. Sie seien müde bis auf die Knochen gewesen, berichten ukrainische Soldaten der Nachrichtenagentur Associated Press (AP). In einigen Brigaden war offenbar wegen Personalmangels keine Rotation an der Front möglich.
Der Fall von Awdijiwka im Ukraine-Krieg: Himmel voller Gleitbomben
Die Stadt in der Oblast Donezk galt als Symbol des Widerstandes. Viktor Biliak, einer der Infanteristen der 110. Brigade, verteidigte Awdijiwka mit seiner Truppe seit März 2022. „Wir waren nicht so sehr körperlich erschöpft als vielmehr psychisch, weil wir an diesen Ort gekettet waren“, erklärte er im Interview mit AP. Seine Einheit sei zunächst am südlichen Stadtrand von Awdijiwka stationiert gewesen. Mitte Oktober kam dann der Soldat Oleh der 47. Brigade in der Stadt an. Zu Beginn seien die Russen schlecht vorbereitet und ein leichtes Ziel gewesen, so der Ukrainer zu AP. Doch Ende November, sei klargeworden, dass sich etwas verändert hatte: Der Himmel füllte sich mit Gleitbomben.
Awdijiwka fiel, weil Russland über mehr Munition und über mehr Soldaten verfügte. Hinzu kam die Luftüberlegenheit: Moskaus Truppen feuerten hunderte Gleitbomben von Flugzeugen aus sicherer Entfernung ab – etwa 70 Kilometer hinter der Front. Das geht aus einem Bericht der US-Kriegsexperten des Institute for the Studie of War (ISW) hervor. „Innerhalb von 24 Stunden wurden 250 [der Gleitbomben]“ in Awdijiwka eingesetzt, bestätigte der ukrainische Luftwaffensprecher Juri Ihnat Mitte März gegenüber CNN. Nicht nur die zerstörerische Kraft der rund 1,5 Tonnen schweren Bomben sei um ein Vielfaches größer als von Artilleriemunition, „auch die Wirkung auf die Psyche ist größer“, erklärte der Soldat Oleh der 47. Brigade AP.
Darüber hinaus brachte Russland bei Awdijiwka auch Sprengstoffdrohnen mit Bewegungssensoren zum Einsatz, die Personen in Gebäuden verfolgen konnten, so der AP-Bericht. Die Munition der Ukraine wurde indes immer weniger. Auf jede ukrainische Artilleriegranate hätten die Russen acht oder neun abgefeuert, hieß es von den Soldaten. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig verifizieren. Das Problem sei nicht nur die Übermacht an Munition gewesen, sondern auch der Mix. „Wenn man verschiedene Arten von Granaten hat, haben sie unterschiedliche Flugbahnen, und man muss berechnen, [...] wo sie einschlagen werden“, erklärte der Soldat Oleh. Gegenüber AP beschrieb er die Situation als „Chaos“ und einen „Eintopf aus Granaten.“
Ukraine-Krieg: Kommandeur verschwand kurz vor dem Fall von Awdijiwka spurlos
Am 8. Februar wechselte der ukrainische Präsident die Militärführung aus und ersetzte den Generalstabschef Walery Saluschny mit Oleksandr Syrskyj. Am nächsten Tag führten Offiziere in einem Gefechtsstand unweit von Awdijiwka offenbar hitzige Diskussionen. Ein Bataillonskommandeurs, der für Hunderte von Soldaten verantwortlich war, sei daraufhin mit zwei Soldaten in ein Auto gestiegen und verschwunden, berichtete AP. Einer der zwei Soldaten sei später tot aufgefunden worden. Vom Kommandeur und dem zweiten Soldaten fehle indes jede Spur. Geheime Informationen sollen die Männer laut ukrainischen Angaben nicht mitgeführt haben.
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Angesichts des konstanten Drucks und der fehlenden Hilfe habe man über einen Rückzug nachgedacht, berichtete der Soldat Oleh. In der zweiten Februarwoche kam die 3. Sturmbrigade zu Hilfe, die als Elitetruppe gilt. Bis zur letzten Minute verlegte der neue Oberbefehlshaber der Armee noch Truppen in die Stadt, um die Russen aufzuhalten. Am 15. Februar erhielt Olehs Brigade dann den Befehl des Rückzugs. „Es wäre schön gewesen, wenn es früher passiert wäre“, so der Soldat. Die 3. Brigade erhielt den Rückzugsbefehl einen Tag später und am 17. Februar erklärte Moskau, Awdijiwka eingenommen zu haben. „Meiner Meinung nach hätte der Befehl zum Rückzug früher gegeben werden müssen“, hatte zuvor auch der 20-jährige Soldat Kawkaz der Washington Post gesagt. „Selbst fünf Stunden früher hätten einen Unterschied gemacht.“