Wirtschaftskrise

Erdogans „Jahrhundert der Türkei“ endgültig gescheitert - Wirtschaftskrise weitet sich aus

  • Erkan Pehlivan
    VonErkan Pehlivan
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Erdogan verspricht in seinem Wahlkampf ein „Jahrhundert der Türkei“. Die Realität sieht ganz anders aus. Die Preise explodieren, die Menschen leiden Hunger.

Ankara - Während die Gehälter in der Türkei praktisch unverändert bleiben, steigen die Kosten für den Lebensunterhalt ununterbrochen. Nach den Untersuchungen der Gewerkschaft BISAM liegt die sogenannte Armutsgrenze inzwischen bei 41.626 Türkischen Lira (TL). Die Armutsgrenze berechnet die Kosten für Miete, Lebensmittel, Transport, Energie, Kleidung für eine vierköpfige Familie. Die sogenannte Hungergrenze liegt bei 12.034 TL. Im August hatte die BISAM die Armutsgrenze noch mit 39.886 TL berechnet. Bedenkt man, dass der Mindestlohn bei nur 15.000 TL liegt, sieht man die Misere in dem Land noch deutlicher.

Dass sich die Armutsgrenze immer weiter nach oben verschiebt, liegt vor allem an der Inflation und dem Währungsverfall. Die Inflation liegt nach Angaben des staatlichen Statistikamtes TÜIK bei 58,94 Prozent. Das unabhängige Wirtschaftsinstitut „Ena Grup“ berechnet diese sogar mit 128,05 Prozent. Ähnlich sieht es auch mit der Türkischen Lira aus. Der US-Dollar kostet inzwischen 27 TL. Ein Jahr zuvor kostete der US-Dollar noch 18,30 TL und fünf Jahre zuvor sogar 6,06 TL.

Lebensmittelpreise in der Türkei in zwei Jahren vervierfacht

Fachleute schlagen angesichts der Entwicklungen Alarm. „In unserem Land haben sich die Lebensmittelpreise in den letzten zwei Jahren vervierfacht. Alleine zwischen Januar und Juli 2023 stiegen die Preise um 50 Prozent“, sagt Ugur Toprak, der Vorsitzende der Lebensmittelingenieure TMMOB in Izmir im Gespräch mit der Zeitung Cumhuriyet. Toprak zufolge leiden vor allem Kinder unter der massiven Teuerung im Land.

Die Türkische Lira verliert immer mehr an Wert.

Viele Kinder in der Türkei gehen hungrig zur Schule

Es gibt 23 Millionen Kinder und Jugendliche in der Türkei. Das sind 27 Prozent der Bevölkerung. Dreiviertel von ihnen sind im schulfähigen Alter. Die Beobachtungen der letzten Jahre zeigen laut Toprak, dass mindestens ein Viertel von ihnen hungrig zur Schule geht. Auch eine ausgewogene Ernährung ist für viele Kinder kaum mehr möglich.

Präsident Recep Tayyip Erdogan will mit einem „mittelfristigen Wirtschaftsprogramm“ die Wirtschaftskrise in den Griff bekommen. Mit einer neuen Geldpolitik, Steuerpolitik und Strukturreformen soll das dem mächtigen Mann aus Ankara gelingen. Er hoffe, „dass unser mittelfristiges Programm, die Wunden des Erdbebens heilt, die Inflation wieder auf eine einstellige Zahl senkt, Wachstum und Beschäftigung fördert und die soziale Gerechtigkeit und den Wohlstand verbessert. Und damit auch unsere Vision von einem Jahrhundert der Türkei beschleunigt“, sagte Erdogan bei der Vorstellung seines Programms.

Experten glauben nicht an Erfolg von Erdogans Wirtschaftspolitik

Fachleute hingegen zweifeln daran und sehen das Programm fehlerhaft an. „Die Zentralbank gab ihre Inflationsprognose für 2023 mit 58 % bekannt (27. Juli 2023). Die Regierung gab die Inflationsprognose für 2023 im mittelfristigen Programm mit 65 % an (6. September 2023). Wenn die Inflationsprognose nach etwa 40 Tagen geändert wird, wie realistisch sind dann die 3-Jahres-Ziele der Regierung“, schreibt der Wirtschaftsexperte Prof. Senol Babuşcu auf „X“.

Recep Tayyip Erdoğan: Der Weg zur Macht des türkischen Präsidenten

Armut, Haft, absolute Macht: Der Sohn eines Küstenschiffers wird in einer politischen Karriere vom eifrigen Koranschüler zum absoluten Machthaber in der Türkei. Recep Tayyip Erdogans Weg kann getrost unüblich genannt werden. Aufgewachsen in einem religiösen, doch armen Vorort von Istanbul macht er als talentierter Fußballer auf sich aufmerksam. Der religiöse Vater verbietet den Traum vom Fußball und schickt ihn auf eine Religionsschule, auf welcher er ein neues Talent entdeckt. Die freie Rede ist damals eines der wichtigsten Fächer und der junge Recep macht schon damals mit seinem Redetalent auf sich aufmerksam und konnte aufgrund des ISKI-Skandals als Außenseiter Bürgermeister Istanbuls werden.
Es folgte ein großer Wahlerfolg seiner Partei bei den Parlamentsgutswahlen 2002. Zwar durfte Erdogan aufgrund eines Gedichtes, für welches er zu einem Politikverbot und einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, nicht das Amt des Ministerpräsidenten nicht einnehmen. Dafür installierte er seinen Parteikollegen Abdullah Gül in dem Amt, welcher kurzerhand die Gesetze änderte, um das Vergehen, welches Erdogan ein Politikverbot einbrachte, umschrieb.
Nachdem Gül die Verfassungsänderung durchgebracht hatte, und eine Annullierung der Wahl in der Provinz Siirt stattfand, konnte er nachträglich als Abgeordneter ins Parlament einziehen. Somit war er erneut offiziell Politiker und in der Lage, Ämter innezuhaben. Er wurde am 12. März 2003 Ministerpräsident und Gül übernahm den Posten des Außenministers. Hier auf diesem Foto wird Erdogan als Parlamentsabgeordneter vereidigt.
Erdogan wurde am 12. März 2003 Ministerpräsident, Abdullah Gül übernahm den Posten des Außenministers. Zunächst öffnete sich die Türkei dem Westen und schuf etwa die Todesstrafe ab. Außenpolitisch verfolgte Erdogan zudem anfangs eine Annäherung an die EU, sodass ein möglicher Beitritt im Raum stand. Auch verbesserte sich das Verhältnis der Türkei zu ihren östlichen Nachbarn deutlich.
Recep Tayyip Erdoğan: Der Weg zur Macht des türkischen Präsidenten

„Es gibt keine Frist, es gibt keinen Plan. Pläne basieren auf Modelle. In jeder Phase kann man sehen, wie sich das Modell anhand von Daten ändert. Ihr werdet angelogen“, schreibt Professor Veysel Ulusoy ebenfalls auf X. Starökonom Daron Acemoğlu hatte Ende August seine Meinung über die türkische Wirtschaft in den sozialen Medien mitgeteilt. „Die Türkei und den Türken stehen schwierige Tage bevor“, schrieb der Professor an der US-Eliteuniversität MIT.

Erdogan hatte in seinem Wahlkampf zur Türkei-Wahl im Mai ein „Jahrhundert der Türkei“ versprochen. Davon ist das Land aber noch weit entfernt. Für die Menschen im Land bedeutet das explodierende Preise bei Lebensmitteln, Energie und Mieten. Fleisch ist für viele Menschen bereits Luxus geworden. (erpe)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Mustafa Kaya