Unmoralisches Angebot
Im Austausch gegen Nawalny? Putin will Tiergarten-Mörder freipressen – USA wittern wohl Chance
VonBona Hyunschließen
Putin fordert die Freilassung des russischen Auftragsmörders Krassikow. Im Gegenzug will Moskau prominente Kreml-Gegner überstellen. Gibt der Westen nach?
Moskau – Moskau will unbedingt Auftrags-Killer Wadim Krassikow zurück. Vorstellbar wäre laut Beamten ein Austausch russischer Gefangener gegen inhaftierte Dissidenten wie Alexej Nawalny. Der angestrebte Deal setzt den Westen, besonders Deutschland, unter Druck. Denn Krassikow wurde 2021 wegen Mordes an einem ehemaligen tschetschenischen Kommandeur im Berliner Tiergarten zu lebenslanger Haft verurteilt.
Putin will Tiergarten-Mörder freipressen – offenbar im Austausch gegen Nawalny
Schon kurz bevor Krassikow 2021 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, soll Wladimir Putin seinen obersten Sicherheitsberater Nikolai Patruschew angewiesen haben, einen Gefangenenaustausch zur Freilassung von Krassikow zu prüfen. Das berichtet das Wall Street Journal (WSJ) und beruft sich auf Quellen anonymer Beamter.
Den westlichen Beamten zufolge ist Krassikow von zentraler Bedeutung für die USA, die Freilassung von Personen zu erreichen, die von Russland festgehalten werden. Kandidaten für einen Gefangenenaustausch mit Russland wären möglicherweise der US-Marine-Veteran Paul Whelan und der Wall Street Journal-Reporter Evan Gershkovich. Beide werden von russischer Seite der Spionage beschuldigt und wurden in Russland festgenommen.
Kommt Nawalny frei? Gefangenen-Deal aus Expertensicht nicht umsetzbar
Noch ist nicht absehbar, ob der Westen sich auf den Gefangenenaustausch einlassen wird. US-Präsident Joe Biden erklärte im Juli, dass er einen Gefangenenaustausch für Gershkovich mit dem Kreml ernsthaft anstrebe, nannte aber keine Einzelheiten. Berlin hat sich nicht dazu geäußert, ob man einen Austausch von Krassikow in Betracht ziehen würde. Ein solcher Austausch könnte in Deutschland auf Hindernisse stoßen, da die Juristen der Regierung im vergangenen Jahr ein Rechtsgutachten veröffentlicht haben, wonach ein verurteilter Mörder nicht ausgetauscht werden kann, schreibt das WSJ – Belege eines solches Gutachtens sind jedoch nicht bekannt.
„Selbst, wenn die Bundesregierung es wollte: Sie kann nicht anordnen, dass der Tiergarten-Mörder entlassen wird. Hier herrscht Gewaltenteilung. Der Tiergarten-Mörder soll daher nur den Preis für die zwei gefangenen US-Amerikaner in die Höhe treiben“, sagte Diplomat Hans-Jakob Schindler 2022 gegenüber Web.de. Auch die Beamten betonten gegenüber WSJ, dass jegliche Gespräche mit Moskau über den Tiergarten-Mörder angesichts der Schwere seines Verbrechens heikel und unberechenbar wären.
Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten




Kreml will Autrags-Killer zurück: Wer ist Wadim Krassikow?
Putin hat sich laut dem WSJ bislang stets um die Rückkehr von Agenten bemüht, die bei anderen geheimen Operationen im Ausland verhaftet wurden. So auch in Krassikows Fall. Krassikow erschoss am 23. August 2019 den georgischen Staatsbürger tschetschenischer Herkunft Selimchan Changoschwili im Kleinen Tiergarten (Berlin) am helllichten Tag. Ein Zeuge identifizierte Krassikow als Täter, der sich zunächst als Wadim Sokolow ausgegeben hatte. Das Berliner Kammergericht sah es als erwiesen an, dass der russische Staat Krassikow den Mord in Auftrag gegeben hatte.
Changoschwili hatte im Zweiten Tschetschenien-Krieg auf der Seite der Aufständischen gegen Russland gekämpft. Er war in Russland per Haftbefehl gesucht worden und nur knapp einem Mordanschlag in der georgischen Hauptstadt Tiflis entgangen. Er lebte in Berlin als Tornike K.
Putins Auftragsmörder verschärft Beziehung zwischen Russland und Deutschland
Der Tiergartenmord hatte zu diplomatischen Verwerfungen zwischen Deutschland und Russland geführt. Bis heute beteuert der Kreml die Unschuld Krassikows. Der russische Botschafter in Deutschland, Sergej Netschajew, hat das Urteil zum Tiergartenmord als „politisch motiviert“ kritisiert. Als Konsequenz aus dem Berliner Mordurteil gegen einen Russen erklärte die Bundesregierung zwei Mitarbeiter der russischen Botschaft in Deutschland zu „unerwünschten Personen“. (bohy)
Transparenzhinweis: Sehr geehrte Leser*innen, in einer früheren Version dieses Artikels hatten wir geschrieben, dass die Regierung ein Rechtsgutachten veröffentlicht hat, wonach ein verurteilter Mörder nicht ausgetauscht werden kann. Wir haben die Stelle entsprechend angepasst und bitten, den Fehler zu entschuldigen.
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