Russland mit fatalem Fauxpas
Beschämender operativer Fehltritt: Putin vernachlässigte Warnung vor Kurs-Offensive
- VonSimon Schröderschließen
Der unvorhergesehene Angriff der Ukraine auf die Kursk-Region war ein Erfolg für Kiew. Trotzdem gab es für Russland bereits Vorwarnungen.
Kursk – Laut einer Recherche des Guardian sollen Russlands Kommandeure bereits Monate vor der Kursk-Offensive Moskau über eine mögliche Invasion alarmiert haben. Das soll aus zurückgelassenen Dokumenten hervorgehen, die bei der Kursk-Offensive von den ukrainischen Truppen erobert wurde. Was die Dokumente auch enthüllen: Russland war über die Moral der Soldaten in Kursk besorgt, nachdem sich ein Soldat an der Ukraine-Front das Leben genommen hatte.
Die Kommandeure der russischen Einheiten sind dazu angehalten, sicherzustellen, dass die Soldaten täglich russische Medien konsumieren, um deren „psychologische Verfassung“ aufrechtzuerhalten, wie es in den Dokumenten wohl heißt. Zwar konnte der Guardian die Dokumente nicht unabhängig auf ihre Authentizität prüfen, jedoch geht man davon aus, dass sie echt sind.
Russland hätte auf Kursk-Offensive früher reagieren können
In einem Eintrag vom 4. Januar heißt es beispielsweise, die Ukraine könne die Staatsgrenze möglicherweise durchbrechen. Weiter wurde am 19. Februar vor einem „schnellen Angriff aus der Sumy-Region in russisches Territorium“ gewarnt. Kiew könne bis zu 80 Kilometer tief vorstoßen und einen Korridor errichten, wie es in den Dokumenten heißt. Mitte Juni warnten die Kommandeure in Kursk erneut, die Ukraine hätte Pläne, Richtung Junakiwka und Sudscha anzugreifen. Mittlerweile ist die russische Kleinstadt Sudscha unter ukrainischer Kontrolle. Die Warnungen der Kommandeure stießen in Moskau offenbar auf taube Ohren.
Wir beurteilen die Situation schon so, dass es schwieriger geworden ist für die Russen, auch die Rüstungsindustrie mit ihren komplexen Komponentenzulieferungen weiter am Laufen zu halten, aber es gelingt eben immer noch.
Den ukrainischen Streitkräften hat ihr Überraschungsangriff auf das russische Grenzgebiet bei Kursk bisher jedoch keine Entlastung für die heftig unter Druck geratenen Verteidiger im Donbass gebracht. Russland habe Personalersatz, Kampfunterstützung statt in den Donbass nun in Richtung Kursk verlegt und Truppenteile aus Kaliningrad und Zentralrussland herangezogen, sagte der militärische Chefkoordinator der deutschen Ukraine-Hilfe, Christian Freuding, der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Aber wir haben nicht beobachten können, dass signifikante Kampftruppe aus dem Bereich Donbass abgezogen und in Richtung Kursk verlegt wurde“, sagte der Generalmajor.
Abnutzung der russischen Streitkräfte aufgrund der Kursk-Offensive
„Aufgegangen ist die Rechnung der Ukrainer beim Überraschungseffekt, bei der Möglichkeit, ein Faustpfand in die Hände zu bekommen. Die russischen Streitkräfte sind in diesem Bereich stark abgenutzt worden“, sagte Freuding, der vor einigen Tagen zu Gesprächen in der Ukraine war. „Jetzt wird es für die Ukrainer sehr darauf ankommen, diesen Raum auch weiter zu behaupten, zu halten, zu verteidigen.“ Die Ukrainer seien bei Kursk „ein bewusst hohes Risiko“ eingegangen.
Freuding betonte die Bedeutung der weiteren Militärhilfe für das von Russland angegriffene Land. Deutschland habe dabei eine Führungsrolle und einen hohen Eigenanspruch. „Die eine Komponente ist natürlich, voranzugehen, bei dem, was wir selber leisten. Die zweite Komponente ist, Partner zu ermuntern, ihnen Wege aufzuzeigen, wie wir auch durch gemeinsame Initiativen und Projekte diese Unterstützung noch verstärken können“, sagte er.
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hatte am Vortag für den Abwehrkampf der Ukraine weitere Waffenhilfe im Wert von 1,4 Milliarden Euro noch in diesem Jahr angekündigt. Rund 400 Millionen Euro sollen demnach aus dem Verteidigungshaushalt finanziert werden, eine Milliarde Euro steht durch sogenannte Partnerbeteiligungen zur Verfügung – also Mittel, die Deutschland von Partnern eingeworben hat. Zudem sollen durch Zahlungsmechanismen auf Ebene der EU und der G7 künftig international weitere erhebliche Gelder im mittleren zweistelligen Milliardenbereich bereitgestellt werden.
Sanktionen gegen Russland: Nutzen Schlupflöcher, um Waffen für den Ukraine-Krieg zu produzieren
Freuding sagte mit Blick auf die Waffenproduktion Russlands: „Wir beurteilen die Situation schon so, dass es schwieriger geworden ist für die Russen, auch die Rüstungsindustrie mit ihren komplexen Komponentenzulieferungen weiter am Laufen zu halten, aber es gelingt eben immer noch. Es gelingt ihnen, indem sie Umwege gehen, und es gelingt ihnen dadurch, dass sie auf die Unterstützung von Partnern wie China, Nordkorea und Iran zählen können.“ Zwar sei zu erkennen, dass Sanktionen greifen, doch gebe es Möglichkeiten, „Schlupflöcher zu finden oder auch ganz legale Umgehungsmöglichkeiten“.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine




Eher skeptisch äußerte er sich zu Aussichten, dass die Fortsetzung des Ukraine-Krieges noch am Widerstand aus der russischen Bevölkerung scheitern könne. „Wenn wir mit unserer westlichen Einstellung, mit unserem westlichen Blick immer gedacht haben, die russische Gesellschaft erträgt auch nur eine bestimmte Anzahl an Opfern, dann müssen wir jetzt erkennen, dass Russland seine eigene Mathematik hat“, so Freuding. „Was wir von unseren gesellschaftlichen Verhältnissen ableiten, ist auf Russland so nicht übertragbar.“ Dieser gesellschaftliche Aspekt finde „seine Umsetzung unter den ganz besonderen Bedingungen eines diktatorischen Regimes“. (dpa/sischr)
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