Konservative Koalition mit Ex-Linker?

Merz verteilt Maulkorb vor Landtagswahl: CDU will sich Hintertür zu Wagenknecht-Koalition aufhalten

  • Laura May
    VonLaura May
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Friedrich Merz relativiert mit Blick auf die Landtagswahlen im Osten seine Ablehnung gegen das BSW. Die Union soll sich nicht zu Wagenknecht-Koalition äußern.

Berlin – CDU-Chef Friedrich Merz hat sich noch im Juni klar gegen eine Zusammenarbeit mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) ausgesprochen. Mit Blick auf die Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg scheint er seine Meinung nun spontan zu ändern.

Nach einem Treffen der CDU-Führungsriege verhängte Merz einen Maulkorb an seine Landesvorstände. Vor den Wahlen solle sich niemand zu möglichen Koalitionspartnern äußern. Grund dafür ist die verzwickte Ausgangslage vor den Landtagswahlen, bei denen der AfD laut Umfragen hohe Wahlergebnisse vorhergesagt werden. Wenn die Union regieren will, muss sie möglicherweise ungemütliche Koalitionen eingehen.

Vor Landtagswahl im Osten: Merz verhängt Maulkorb für CDU zu Koalition mit BSW

Und hier kommt das BSW ins Spiel. Etwa bei den Landtagswahlen in Sachsen wird die Wagenknecht-Partei laut Umfragen mit 15 Prozent drittstärkste Kraft hinter AfD und CDU. Wenn Merz also möchte, dass seine Partei mitregiert, muss er einer BSW-Koalition also möglicherweise zustimmen. Bereits nach der Europawahl hatte Merz erklärt, dass er eine Zusammenarbeit mit dem BSW nicht mehr ausschließt, darüber berichtete der MDR.

Friedrich Merz hat Sahra Wagenknecht eine Absage als Koalitionspartner erteilt.

Der CDU-Chef möchte den Ball bei dem Thema BSW-Koalition laut Bild allerdings flach halten und verhängte deshalb einen Maulkorb für seine Parteikollegen. Die Landesvorstände sollen sich nicht öffentlich über eine mögliche Zusammenarbeit äußern. Zu groß sei die Angst, dass treue CDU-Wähler Koalitionsideen mit einer ehemaligen Linken nicht verkraften würden. Außerdem könnten durch die Diskretion interne und öffentliche Debatten über eine CDU-Strategie nach der Wahl verschoben werden.

Merz bezeichnete BSW im Juni noch als „linksextrem und rechtsextrem“

Trotz allem ist die plötzliche Zurückhaltung von Friedrich Merz gegenüber dem BSW erstaunlich. Noch im Juni hatte er sich klipp und klar gegen eine Zusammenarbeit ausgesprochen. Merz hatte sich vor nicht einmal vier Wochen in einem ARD-„Brennpunkt“ ablehnend zu einer möglichen Koalition seiner Partei in einem Bundesland mit dem BSW geäußert.

Auf die Frage, ob er bereit sei, über eine Zusammenarbeit oder Koalition mit dem BSW nachzudenken, um AfD-Ministerpräsidenten im Osten zu verhindern, sagte Merz: „Das ist völlig klar, das haben wir auch immer gesagt. Wir arbeiten mit solchen rechtsextremen und linksextremen Parteien nicht zusammen.“ Er fügte hinzu, für Wagenknecht gelte beides: „Sie ist in einigen Themen rechtsextrem, in anderen wiederum linksextrem.“ Merz betonte: „Wir wollen Mehrheiten gewinnen.“

Lage in den Umfragen: Nach Landtagswahlen hat Merz auch Bundestagswahl im Blick

Wenn Merz als möglicher Kanzlerkandidat der Union bereits auf die Bundestagswahlen schielt, sieht das Bild nicht anders aus. Das BSW kann im aktuellen ARD-„Deutschlandtrend“ deutlich zulegen. Das BSW gewinnt in der am Donnerstag (4. Juli) veröffentlichten Umfrage drei Prozentpunkte hinzu und liegt nun bei acht Prozent.

Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ will die deutsche Politik prägen

Die Partei von Sahra Wagenknecht heißt wie sie. Das ist nur folgerichtig, denn der Name ist erst mal auch das Programm. Nach dem Eintritt in die DDR-Staatspartei SED 1989 war Wagenknecht über Jahrzehnte eines der bekanntesten Gesichter der Folgeparteien PDS und Die Linke. Die studierte Philosophin mit Doktortitel im Fach Wirtschaft ist ein gern gesehener Gast in den diversen Talkshows der TV-Sender. Nach jahrelangem Streit mit der Linken trat die Bestsellerautorin im Oktober 2023  aus und kündigte die Gründung einer eigenen Partei an.
Amira Mohamed Ali hat zusammen mit Sahra Wagenknecht den BSW-Vorsitz inne. Die Rechtsanwältin, die 1980 in Hamburg geboren wurde, ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages. Dort war sie von November 2019 bis Oktober 2023 zusammen mit Dietmar Bartsch Fraktionsvorsitzende der Linken. 2019 sprach sich die Tochter eines Ägypters und einer Deutschen in einem Interview für offene Grenzen aus und lehnte Abschiebungen grundsätzlich ab. Im Jahr 2023 plädierte sie dafür, die (Wirtschafts-)Migration nach Deutschland zu begrenzen. Zudem sprach sie sich dafür aus, Asylverfahren zu beschleunigen und diese an der Außengrenze oder sogar in Drittstaaten durchzuführen.
Ein Coup ist die Einbindung von Thomas Geisel in das „Bündnis Sahra Wagenknecht“. Am BSW-Gründungstag trat der frühere Oberbürgermeister von Düsseldorf aus der SPD aus. Von seiner Ex-Partei verabschiedete er sich mit den Worten, seine „sozialdemokratischen Grundsätze“ seien im BSW eher vertreten als in der SPD. Sein Wechsel sorgt bei seiner alten Partei für Kopfschütteln. Die NRW-SPD übte jedenfalls massive Kritik am Wechsel zur Wagenknecht-Partei. Geisel habe sich nach seiner Amtszeit verannt, sagte Generalsekretär Frederick Cordes dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Mit seiner Kandidatur stelle er sich selbst ins Abseits und lasse zu, dass auf seine erfolgreiche Amtszeit als Düsseldorfer Oberbürgermeister fortan ein Schatten liegen werde.
Neben Thomas Geisel ist Fabio De Masi einer der beiden BSW-Spitzenkandidat für die Europawahl 2024. De Masi, 1980 in Groß-Gerau geboren, ist das Kind eines italienischen Gewerkschaftsmitglieds und einer deutschen Sprachdozentin. Sein Großvater väterlicherseits war ein Partisan im Piemont, der für die Befreiung Italiens vom Faschismus kämpfte. Von 2005 bis 2014 war der Finanzpolitiker als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag tätig, unter anderem für Sahra Wagenknecht.
Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ will die deutsche Politik prägen

Rund ein halbes Jahr nach Parteigründung fänden es 38 Prozent der Deutschen gut, wenn das Bündnis Sahra Wagenknecht künftig an Landesregierungen beteiligt wäre; 46 Prozent fänden das nicht gut. In den ostdeutschen Bundesländern, wo im September drei Landtagswahlen anstehen, wird laut afp eine künftige Regierungsbeteiligung des BSW mehrheitlich von 55 Prozent unterstützt; 29 Prozent fänden eine solche Beteiligung hingegen nicht gut. (lm/afp/dpa)

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