Beispiel Ukraine zeigt, was nötig ist

Bundeswehr will 60.000 Reservisten bewaffnen: „Grundlage für Verteidigungsfall“

  • Christoph Gschoßmann
    VonChristoph Gschoßmann
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In der Ukraine und in Israel herrscht Krieg. Müsste die Bundeswehr kämpfen, müssten Reservisten Dienst leisten. Von ihnen soll es bald mehr geben.

Bremen – Mehr Personal für die Bundeswehr im Fall der Fälle: Im Verteidigungsministerium laufen Planungen für eine deutlich verstärkte Reserve der Bundeswehr. Wie im Kalten Krieg soll diese so ausgebildet und ausgerüstet sein, dass sie die aktive Truppe im Kampf verstärken oder ersetzen kann. Dies äußerte Generalleutnant Andreas Hoppe, Stellvertreter des Generalinspekteurs und Beauftragter für Reservistenangelegenheiten, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. 

Bis zu 60.000 neue Reservisten für Deutschland

Bis zu 60.000 Männer und Frauen wollen die Militärplaner als Reservisten in einer sogenannten Grundbeorderung zu haben, die in diesem Status für eine feste Aufgabe eingeplant und befähigt sind. Hoppe sei „der Überzeugung, dass wir die Reserve ganz den aktuellen sicherheitspolitischen Herausforderungen anpassen müssen, damit sie die Bundeswehr bei der Wahrnehmung der Aufgabe Landes- und Bündnisverteidigung vernünftig unterstützen kann.“

Soldaten der Reserve stehen bei ihrer Gelöbnisfeier für freiwillige Rekruten und Rekrutinnen ohne Bundeswehrerfahrung.

Das Militär rechnet durch den neuen Schub mit gut 10.000 ausscheidenden Zeit- oder Berufssoldaten pro Jahr, die für diese Grundbeorderung gewonnen werden könnten. Rund 44.000 grundbeorderte Männer und Frauen gibt es bisher. Im Jahr seien 14 Tage Übung nötig, um die Fähigkeiten zu erhalten. Die Bundeswehr leidet unter erheblichem Personalmangel, viele Dienstposten sind derzeit unbesetzt.

„Ohne Reserve geht es nicht. Das sehen wir in der Ukraine“

„Ohne Reserve geht es nicht. Das sehen wir in der Ukraine“, sagte Hoppe. Das müsse in die Köpfe von allen. Die Strukturen müssten so sein, dass diese Reserve-Einheiten in die aktive Truppe integriert werden könnten. „Das gab es alles im Kalten Krieg, aber es ist eben seit 30 Jahren vernachlässigt worden und einfach nicht mehr existent. Es gibt noch ein paar ganz wenige, die das noch wissen. Die zapfen wir gerade ab, um die Fähigkeiten noch abzubilden“, sagt er.

Geprüft werde im Ministerium außerdem, wie groß die Zahl derer ist, die grundsätzlich im Verteidigungsfall zum Dienst („unbeorderte Reservistentätigkeit“) herangezogen und geeignet sein könnten. Dabei geht es um die Bürger, die Dienst in der Bundeswehr geleistet haben, aber nicht beordert sind. Diese Gruppe ist groß, doch schrumpft sie, seit die Wehrpflicht 2011 ausgesetzt wurde. 

Bundeswehr-Reserve schmilzt: „Wir müssen gegensteuern“

Es gebe dazu „unterschiedliche Zahlen. Wir gehen davon aus, dass es etwa 800.000 sind, die noch wehrrechtlich herangezogen werden können. Das sind im Prinzip alle, die irgendwann mal Dienst in der Bundeswehr geleistet haben und ausgeschieden sind und in den Altersgrenzen liegen, also auch die letzten Jahrgänge der Wehrpflichtigen“, sagte Hoppe dazu.

Die Fregatten der Bundeswehr – Kriegsschiffe im aktiven Einsatz

Baden-Württemberg-Klasse: Fregatten „Baden-Württemberg“ (Foto), „Nordrhein-Westfalen“, Sachsen-Anhalt“ und „Rheinland-Pfalz“
Fregatten der Sachsen-Klasse: „Sachsen“, „Hamburg“ und „Hessen“ (Foto).
Fregatten der „Brandenburg“-Klasse: „Brandenburg“, „Schleswig-Holstein“, „Bayern“ (Foto) und die „Mecklenburg-Vorpommern“
Die „Köln“-Klasse besteht aus den Fregatten „Köln“, „Emden“, „Augsburg“ (Foto), „Karlsruhe“, „Lübeck“ und „Braunschweig“.
Die Fregatten der Bundeswehr – Kriegsschiffe im aktiven Einsatz

Hoppe weiter: „Wenn man sich aber die Altersproblematik vor Augen führt, dann weiß man auch, dass das jedes Jahr weniger werden. Es schmilzt jedes Jahr ab. Das heißt, wir müssen gegensteuern und auch zusätzlich Personal finden und gewinnen für die Reserve. Und das machen wir auch. Stichwort Heimatschutzregimenter: Die werden im Wesentlichen aus Ungedienten gebildet, die sich da melden und eine entsprechende Ausbildung bekommen.“

Ambitionierte Nato-Pläne für die Verteidigung – Pistorius erwägt Rückkehr zur Wehrpflicht

Die Reserve kann angesichts der Nato-Pläne nur ein Baustein sein. Für die überarbeiteten Verteidigungspläne des Bündnisses muss die Bundeswehr, die trotz einer sogenannten Personaloffensive im vergangenen Jahr auf 181.500 Soldatinnen und Soldaten geschrumpft ist, allerdings sogar deutlich wachsen. Die Nato-Planungen bedeuteten absehbar eine Erhöhung des Personalziels von bisher 203.000 Soldaten auf „tendenziell deutlich über 272.000“ Männer und Frauen in den Streitkräften, berichtete der Spiegel am Freitag.

Verteidigungsminister Boris Pistorius bei einem Besuch bei der Bundeswehr.

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) will am Mittwoch (12. Juni 2024) seinen Vorschlag für ein Modell der Wehrpflicht erläutern. „Wir brauchen einen Wehrdienst als Grundlage für einen schnellen Aufwuchs und die Durchhaltekraft unserer Bundeswehr im Verteidigungsfall“, sagte Pistorius am Freitag bei einer Veranstaltung des Branchenverbands der Familienunternehmen in Berlin.

Hoppe: „Militärische Gegner auf dem Gefechtsfeld schlagen“

„Wir sind gut beraten, unsere Bundeswehr so vorzubereiten, dass sie in der Lage ist, einen militärischen Gegner auf dem Gefechtsfeld zu schlagen und zu besiegen. Allein die Wortwahl zeigt ja schon, dass wir in einer anderen Welt jetzt unterwegs sind“, sagte Hoppe im bei einer Reservisten-Ernstfallprobe im Mai.

Der deutsche Reservistenverband hatte jüngst den Vorschlag der FDP-Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann begrüßt, angesichts der sicherheitspolitischen Lage durch den russischen Angriffskrieg 900.000 Reservisten zu aktivieren. „Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses greift die Idee des Reservistenverbandes auf, und das ist gut so“, sagte dessen Vorsitzender Patrick Sensburg dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Strack-Zimmermann hatte sich alarmiert über mögliche Angriffspläne Russlands gegen den Westen gezeigt. (cgsc mit dpa)

Rubriklistenbild: © Ole Spata/dpa/Archivbild

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