Nach Debakel im TV-Duell

Gerüchte um Joe Bidens Rückzug vor US-Wahl: Die Alternativen der Demokraten

  • VonKilian Beck
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Biden soll seinen Rückzug aus dem Wahlkampf gegen Trump erwägen. Wie würde ein Kandidatenwechsel bei den Demokraten aussehen und wer käme in Betracht?

Washington D.C. – US-Präsident Joe Biden erwägt laut einem Bericht der New York Times offenbar seinen Rückzug aus dem Präsidentschaftswahlkampf. Nach Bidens schwachem Auftritt im TV-Duell gegen Ex-Präsident Donald Trump forderten einige seiner Parteifreunde bereits den Rückzug des 81-Jährigen. Das Weiße Haus bestritt den Times-Bericht postwendend.

Am Mittwochabend (3. Juli) war unklar, wie ernsthaft Bidens Erwägungen zum Rückzug sind. Bis zur Nominierungsabstimmung der Demokraten im August könnte Biden noch eine Alternative benennen. Ein Überblick über mögliche Auswirkungen, die Bidens Rückzug von der Kandidatur hätte und welche alternativen Präsidentschaftskandidaten und -kandidatinnen der Demokratischen Partei im Gespräch sind.

Parteitag der Demokraten: Was passiert bei Joe Bidens Rückzug von Kandidatur bei US-Wahl 2024?

Joe Biden ist bisher lediglich designierter Spitzenkandidat der Demokraten. Da er allerdings die Vorwahlen seiner Partei haushoch gewann, verfügt er über beinahe alle Delegiertenstimmen auf dem Parteitag. Dafür, dass der Spitzenkandidat zurücktrete, habe die Partei kein festgelegtes Verfahren, erklärte der Hans Noel, Politologe an der Georgetown Universität in Washington D.C. gegenüber der Nachrichtenagentur Associated Press. Die etwa 3900 Delegierten dürften dann frei abstimmen.

Ersetzt sie vielleich bald US-Präsident Joe Biden im Wahlkampf? US-Vize Kamala Harris.

Elaine Kamarck, langjähriges Mitglied des Satzungsausschusses der Partei, meinte, dass eine etwaige Rückzugsrede, „möglicherweise eine Wahlempfehlung“ für eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger enthalten würde. Das wäre zwar nicht bindend, habe aber „sicherlich Einfluss“ auf die Entscheidung der Delegierten.

Spenden bei US-Wahl 2024: Bidens Team diskutiert bereits Optionen, Gelder umzuschichten

Weiteren Einfluss auf eine Entscheidung der Parteitags-Delegierten dürfte auch der Zugang zu Bidens Wahlkampfspenden haben. Laut der Transparenzplattform Open Secrets sammelte die Biden-Kampagne bisher etwa 230 Millionen US-Dollar an Spenden ein. Hinzukommen etwa 160 Millionen Dollar, die Gruppen, die Biden unterstützen, einwarben. Laut einem Bericht des Senders NBC, wurde bereits Ende Juni in Bidens Lager darüber diskutiert, was mit den Spenden geschehen würde, sollte es zum Rückzug Bidens von der Präsidentschaftskandidatur kommen. Die Gesetze zur Wahlkampffinanzierung verbieten nämlich grundsätzlich den direkten Transfer von Spendengeldern zwischen Kandidaten.

Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

Joe Biden gehört seit vielen Jahren zum Establishment der Demokratischen Partei und blickt auf eine lange politische Karriere zurück. Bei der US-Wahl 2020 ist es ihm im dritten Anlauf endlich gelungen, sein großes Ziel zu erreichen: Biden ist zum 46. Präsidenten der USA gewählt worden. Es war die Krönung eines jahrzehntelangen Politikerlebens, in dem er auch schwere Schicksalsschläge zu verkraften hatte.
Joseph „Joe“ Robinette Biden, Jr. wurde am 20. November 1942 in Scranton (Pennsylvania) geboren. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften begann der Jurist Ende der 60er-Jahre, sich politisch zu engagieren. Zunächst ließ er sich im US-Bundesstaat Delaware als Unabhängiger registrieren – weil er weder den republikanischen Präsidenten Richard Nixon noch den demokratischen Gouverneur Charles Terry ausstehen konnte. Um die Lage nach der Ermordung von Martin Luther King im April 1968 zu beruhigen, hatte Terry die Nationalgrade zu Hilfe gerufen. Für Biden wurde die Bürgerrechtsbewegung zum Auslöser seiner Politisierung.
Im Jahr 1972 trat Biden im Alter von nur 29 Jahren bei der Wahl zum US-Senat an. Er besiegte den langjährigen republikanischen Vertreter Cale Boggs und zog als einer der jüngsten Senatoren in den Kongress ein. Der Triumph wurde allerdings von einem schweren Autounfall am 18. Dezember 1972 überschattet, bei dem seine erste Ehefrau Neilia und Tochter Naomi ums Leben kamen. Die Söhne Beau und Hunter überlebten verletzt. Seinen Eid legte Biden im Januar 1973 am Krankenbett von Beau ab, dessen Bein immer noch im Streckverband war. 1977 heiratete Biden die Lehrerin Jill Tracy Jacobs. Aus dieser Ehe stammt Tochter Ashley.
Von 1973 bis 2009 saß Biden 36 Jahre lang als Vertreter des Bundesstaates Delaware im Senat. Er wohnte allerdings weiterhin in Wilmington (Delaware) und pendelte jeden Tag per Bahn nach Washington, D.C. 1994 war er maßgeblich an einem heute kontrovers diskutierten Gesetz zur Reform des Strafrechts und der Inneren Sicherheit beteiligt. Mitte der 90er sprach er sich für die Nato-Intervention in Bosnien-Herzegowina und die Bombardierung Serbiens im Kosovo-Krieg 1999 aus. Im Jahr 2002 stimmte er für die Irak-Resolution.
Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

Möglicher Rückzug Bidens: Vizepräsidentin Harris könnte wohl als einzige auf Biden-Spenden zugreifen

Bidens Team hätte drei Möglichkeiten, mit diesem Problem umzugehen: Das Geld könnte an sogenannte Political Action Committees, Lobbygruppen für Kandidaten, überwiesen werden, die jedoch nicht mit dem Wahlkampfteam zusammenarbeiten dürfen. Oder Bidens Team überzeugt im Falle seines Rücktritts von der Präsidentschaftskandidatur die Spender davon, die Gelder für eine andere Kandidatin oder Kandidaten freizugeben. Die dritte Option, um möglichst viel Geld zu behalten, die laut NBC bereits intern diskutiert wurde, hat einen Namen und ein Amt: Kamala Harris, Vizepräsidentin der USA und designierte demokratische Kandidatin für das Amt auf Joe Bidens Ticket.

Alternativen zu Joe Biden bei US-Wahl 2024: Vizepräsidentin Harris führt Umfrage an

Kamala Harris könnte, da sie bereits Teil der Kampagne ist, auf den Großteil der Wahlkampfspenden zugreifen, berichtete der Sender. Harris führte mit 39 Prozent auch bereits eine Blitzumfrage nach Alternativen zu Joe Biden im Falle seines Rückzuges an. In der Umfrage der Denkfabrik Data for Progress wurden zudem noch eine Reihe anderer Politikerinnen und Politiker der Demokraten abgefragt. Gavin Newsom, Gouverneur von Kalifornien, kam auf 18 und Verkehrsminister Pete Buttigieg auf zehn Prozent.

Eine mögliche Nachfolgerin oder ein Nachfolger müsste allerdings auf dem Parteitag der Demokraten gewählt werden. Sollte sich Biden zurückziehen, wären die knapp 3.900 Delegierten, die eigentlich für ihn stimmen sollten, primär ihrem Gewissen verpflichtet. Das Ergebnis einer solchen Abstimmung ist also schwer absehbar.

Alternative Kandidierende zu Joe BidenZustimmungswerte
Kamala Harris39 Prozent
Gavin Newsom18 Prozent
Pete Buttigieg10 Prozent
Cory Booker (Senator)7 Prozent
Gretchen Whitmer (Gov. von Michigan)6 Prozent
Amy Klobuchar (Senatorin)2 Prozent

(Schwankungsbreite: 3 Prozent, 1011 Befragte; Quelle: Data for Progress)

US-Wahl 2024: Joe Biden hat einen vollen Terminkalender trotz Rückzugs-Gerüchten

Für den Rest der ersten Juliwoche hat Biden einen vollen Kalender, noch am Mittwoch will er sich der Unterstützung der demokratischen Gouverneure versichern. Der Termin soll schon vor Aufkommen der Rückzugsgerüchte angesetzt worden sein. Darauf folgen diverse repräsentative Termine und am Freitag ein Interview mit dem Sender ABC. Am Wochenende wird Biden zu Wahlkampfauftritten in Wisconsin und Pennsylvania erwartet.

Am Mittwochabend, nach Veröffentlichung des Berichtes der New York Times, soll Biden mit Senats-Mehrheitsführer Chuck Schumer gesprochen haben. Der Zeitung zufolge blieb unklar, worüber genau die beiden Männer gesprochen haben. Es soll ihr erstes Gespräch seit Bidens Scheitern im TV-Duell gewesen sein. (kb)

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