Julija Tymoschenko und Petro Poroschenko

Details zu Geheimgesprächen mit den USA: Selenskyjs Rivalen äußern sich

  • VonMax Nebel
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Trumps Unterstützung für Selenskyjs Rivalen könnte das Schicksal der Ukraine bestimmen. Welche Strategien verfolgen Poroschenko und Tymoschenko?

Kiew – Inmitten der Unsicherheit über die politische Zukunft der Ukraine und während des anhaltenden Ukraine-Kriegs, machen brisante Berichte die Runde. Offenbar sollen geheime Gespräche zwischen Mitgliedern des inneren Zirkels von Donald Trump und führenden politischen Gegnern von Präsident Wolodymyr Selenskyj stattgefunden haben.

Geheimgespräche mit den USA: Selenskyjs Rivalen äußern

Laut Informationen von Politico haben vier hochrangige Berater von Trump mit der ehemaligen Premierministerin und oppositionellen Führerin Julija Tymoschenko sowie mit führenden Mitgliedern der Europäische Solidaritätspartei von Petro Poroschenko, dem Vorgänger von Selenskyj, gesprochen.

Die Diskussionen drehten sich angeblich um die Möglichkeit vorzeitiger Präsidentschaftswahlen in der Ukraine. Diese waren aufgrund des im Jahr 2022 verhängten Kriegsrechts, welches keine Wahlen in Kriegszeiten zulässt, ausgesetzt worden. Trump und seine Berater scheinen überzeugt davon zu sein, dass Selenskyj in einem schnell anberaumten Wahlprozess verlieren würde, was sie auf eine zunehmende Kriegs- und Korruptionsmüdigkeit in der Bevölkerung zurückführen.

In der Ukrainischen Politik stehen entscheidende Veränderungen an: Gespräche zwischen Trumps Team und Selenskyjs Rivalen, Julija Tymoschenko sowie Petro Poroschenko, könnten den Kurs bestimmen.

Selenskyj in Umfragen immer noch weit vor der Konkurrenz

Die Ergebnisse einer Umfrage des britischen Unternehmens Survation, die nach dem skandalträchtigen Eklat Trumps gegenüber Selenskyj im Weißen Haus durchgeführt wurde, zeigen, dass Selenskyj mit 44 Prozent der Stimmen nach wie vor in Führung liegt.

Seine Rivalen, wie der ehemalige Kommandant der ukrainischen Streitkräfte, Walerij Saluschnyj, und Poroschenko, bleiben jedoch weit hinter ihm zurück, wobei Poroschenko nur zehn Prozent und Tymoschenko lediglich 5,7 Prozent der Stimmen erhält, berichtet die Kyiv Independent.

Trotz dieser Umfrageergebnisse haben die Spekulationen über die Möglichkeit vorzeitiger Wahlen bereits begonnen, und fördern den Druck auf Selenskyj. Trump und seine Unterstützer drängen auf ein Ende des Konflikts und stellten Selenskyjs Legitimität zuletzt in Frage. Der US-Präsident selbst hat Selenskyj als „Diktator ohne Wahlen“ bezeichnet und angedeutet, dass Selenskyj „nicht mehr lange im Amt sein wird“, falls er sich nicht auf einen Deal mit Russland einlasse.

Wolodymyr Selenskyj – Vom Komödianten zum Symbol des Widerstands

Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion. Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland.
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj kandidiert in der Ukraine
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig. Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland.
Wolodymyr Selenskyj – Vom Komödianten zum Symbol des Widerstands

Poroschenko betont Transparenz in Gesprächen mit US-Vertretern

Unabhängig ihrer öffentlichen Ablehnung von Wahlen während des Krieges haben sowohl Tymoschenko als auch Poroschenko allem Anschein nach inoffizielle Gespräche mit Trumps Team geführt. Ein anonymer republikanischer außenpolitischer Experte äußerte sich dazu gegenüber Politico: „Poroschenkos Leute und Julija, sie alle reden mit der Trump-Welt und positionieren sich als die, die einfacher zu handhaben sind. Und die bereit wären, vielen der Dinge zuzustimmen, mit denen Selenskyj nicht einverstanden ist.“

Auf seinem Facebook-Profil betonte Poroschenko indes, dass er und seine Partei öffentlich und transparent mit den amerikanischen Partnern arbeiten, um die Unterstützung für die Ukraine aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig stellt er gemäß Newsweek auch die Prinzipien der Gespräche mit den US-Vertretern dar: „Die Essenz unserer Gespräche mit Vertretern der amerikanischen Seite bestand darin, dass Sicherheit an erster Stelle steht und Frieden durch Stärke erreicht werden muss.“

Tymoschenko gestand ebenfalls Dialoge mit US-Vertretern. Sie ließ jedoch keine Zweifel daran aufkommen, dass gegenwärtig keine Wahlen in der Ukraine vorgesehen sind, so die Kyiv Independent. Dies sei erst nach der russischen Invasion möglich.

Poroschenkos Leute und Julija, sie alle reden mit der Trump-Welt und positionieren sich als die, die einfacher zu handhaben sind.

Anonymer außenpolitischer Experte der US-Republikaner gegenüber „Politico“.

Ukraine-Krieg: Schock bei den Eliten sitzt nach US-Richtungsänderung tief

Der ukrainische Politologe Ruslan Bortnik stellte derweil fest, dass die politischen Fraktionen im Land versuchen, informelle Verbindungen zu Trumps Lager aufzubauen. Gleichzeitig signalisierten sie durch öffentliche Äußerungen, ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Bortnik merkte wiederum gegenüber Politico an: „Die Eliten fühlen sich sehr desorientiert und geschockt. Sie verstehen sehr gut, dass ohne die Unterstützung der Vereinigten Staaten die Ukraine besiegt wird.“

Selenskyjs politische Gegner und sogar einige ehemalige Verbündete versuchen, sich in dieser turbulenten politischen Landschaft neu zu orientieren und eine Beziehung zu Trump herzustellen. Mehrere Führer der politischen Fraktionen haben in dieser Woche betont, berichtet Politico, dass die Priorität für die Ukraine die Reparatur der Beziehungen zu den USA sein sollte. Dazu gehören unter anderem Ruslan Stefantschuk, der Sprecher des Parlaments, und Dmytro Rasumkow, der als unabhängiger Abgeordneter tätig ist. Sie fordern, dass eine dringende parlamentarische Sitzung einberufen wird, um eine spezielle legislative Gruppe zu bilden, die die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten überwachen soll.

Dieser Prozess wird von einer wachsenden politischen Besorgnis begleitet. Nicht nur, dass Trump die militärische Unterstützung für die Ukraine vorübergehend ausgesetzt hat, auch der Druck auf Selenskyj, sich mit den Vorstellungen Washingtons über Frieden und die Kriegsführung auseinanderzusetzen, nimmt zu. Trump selbst äußerte, dass Selenskyj „nicht mehr lange“ im Amt sein wird, wenn kein Fortschritt in Richtung eines umfassenden Friedensplans erzielt werde, der möglicherweise große Zugeständnisse seitens der Ukraine mit sich bringen könnte.

Ukraine-Krieg: Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung bereit zu Zugeständnissen

Die politische Luft in der Ukraine bleibt äußerst dünn. Die öffentliche Meinung über den Krieg zeigt dabei Anzeichen eines Wandels. Während ungefähr ein Viertel der Bevölkerung, vor allem bestehend aus Militärangehörigen und deren Angehörigen, darauf besteht, dass der Krieg bis zum vollständigen Rückzug der russischen Truppen fortgesetzt wird, wünschen sich zwei Drittel eine Beendigung des Konflikts, so die Newsweek. Diese Mehrheit ist entweder bereit, große Zugeständnisse zu machen oder verlangt einen sofortigen Waffenstillstand. Dies hat sich in den letzten Monaten geändert und belastet die Handlungsfähigkeit des ukrainischen Präsidenten.

Politische Beobachter bemerken, dass die Dynamik im Land möglicherweise zu einer Umverteilung der politischen Macht führen könnte. Tymoschenko und Poroschenko scheinen sich vermehrt als alternative Führungspersönlichkeiten zu präsentieren, die von den USA leichter unterstützt werden können.

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Selenskyjs Herausforderungen wachsen

Inmitten all dieser Entwicklungen wirkt Selenskyj zunehmend unter Druck. Trotz der zunächst überwältigenden Unterstützung, die er während des Krieges genoss, scheinen die Herausforderungen, vor denen er steht, zu wachsen.

Die Konfrontation mit Trump und den stark kritischen Äußerungen aus Washington sowie der Verlust von Rückhalt im Inland könnten bedeuten, dass er sich stärker anpassen muss, um die Unterstützung der westlichen Verbündeten und der ukrainischen Öffentlichkeit zu gewinnen.

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