Mächtige Panzerhaubitzen

Pistorius-Bumerang? Riesen-Lieferung für Ukraine dezimiert die Bundeswehr

  • Patrick Mayer
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Deutschland stellt der ukrainischen Armee die nächste Waffen-Lieferung in Aussicht. Viel deutet darauf hin, dass diese auf Kosten der Bundeswehr geht. Eine Analyse.

Berlin – Es ist die nächste große Waffenlieferung aus Berlin für Kiew im Ukraine-Krieg, um dem völkerrechtswidrigen Angriff des Moskau-Regimes aus Russland Einhalt zu gebieten.

Waffen für die Ukraine: Deutschland liefert mehr Panzerhaubitzen 2000

Konkret: Deutschland wird dem ukrainischen Militär zwölf weitere große Panzerhaubitzen 2000 liefern. Das hatte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) am 6. September angekündigt. Die Bundesrepublik hatte der Ukraine in der Vergangenheit bereits 14 PzH 2000 bereitgestellt, so die Abkürzung für die selbstfahrende, gepanzerte Kanonenhaubitze.

Sechs dieser Artilleriegeschütze sollen laut Pistorius noch in diesem Jahr geliefert werden, sechs weitere dann im kommenden Jahr. Es geht diesmal um ein Finanzvolumen von 150 Millionen Euro. Laut des Ministers stammen die zwölf Panzerhaubitzen 2000 aus Industriebeständen – sie werden demnach nicht der Truppe genommen. Aber: Die neuerlich umfangreiche Waffenlieferung geht wohl dennoch auf Kosten der deutschen Bundeswehr.

Eine Panzerhaubitze 2000 der Bundeswehr bei einer Nato-Übung in Litauen.

Waffen-Lieferungen im Ukraine-Krieg: Bundeswehr soll Ersatz für Panzerhaubitzen erhalten

Denn: Die deutschen Streitkräfte sollen absehbar eigentlich zwölf neue PzH 2000 für die im Frühjahr 2022 zur Verfügung gestellten 14 Stück erhalten. So beschlossen es die Ampel-Koalition und der Deutsche Bundestag im Mai 2023 und gaben die dafür notwendigen Gelder frei. Bereits im März 2023 hatte der Haushaltsausschuss dem Kauf von zehn Panzerhaubitzen 2000 als Ersatz für an die Ukraine abgegebene Exemplare zugestimmt.

Einzig die Beschaffung dieser ersten zehn Geschütze umfasst ein Finanzvolumen von circa 184 Millionen Euro. Laut einer Pressemitteilung des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr aus dem März 2023, sollen die „ersten vier Panzerhaubitzen der Truppe im Jahr 2025 zulaufen. 2026 soll die Beschaffung der Geschütze abgeschlossen sein“. Eigentlich. Doch: Ist das noch realisierbar?

Panzerhaubitze 2000 (PzH 2000):
Waffentypselbstfahrende, gepanzerte Kanonenhaubitze
HerstellerKrauss-Maffei Wegmann und Rheinmetall
Besatzung5 Soldaten
Hauptbewaffnung155-mm-Haubitze L/52 mit 60 Geschossen
Sekundärbewaffnung1 × Maschinengewehr MG3
Gewicht49 Tonnen
Länge / Breite:11,69 m / 3,50 m

Deutsche Rüstungsindustrie: KNDS und Rheinmetall bauen die Panzerhaubitze 2000

Die deutschen Rüstungshersteller Krauss-Maffei Wegmann (KNDS, München) und Rheinmetall (Düsseldorf), die die PzH 2000 gemeinsam bauen, hatten in der jüngeren Vergangenheit immer wieder auf begrenzte Produktionskapazitäten und eine hohe Auftragslage durch Mitgliedsstaaten der Verteidigungsallianz Nato verwiesen. Exemplarisch: KNDS-Geschäftsführer Ralf Ketzel hatte im April in der ARD-Dokumentation „Nato – wer wird Europa schützen?“ bemerkenswert offen und öffentlich erzählt, dass es vom Auftrag bis zur Auslieferung eines einzelnen Kampfpanzers Leopard 2 etwa zwei Jahre dauert.

Und: In den Produktionsstätten am Stadtrand Münchens können pro Jahr nur 40 bis 50 Panzer gebaut werden. Hier wird auch die PzH 2000 zusammengeschraubt. Anfang April 2024 hatte der Düsseldorfer Technologie- und Rüstungskonzern Rheinmetall bekannt gegeben, mit der Lieferung von Kernkomponenten für 22 Panzerhaubitzen 2000 beauftragt worden zu sein. Zur Einordnung: Rheinmetall liefert die Waffenanlagen mit der Hauptwaffe, einer 155-mm-Haubitze L/52, und die Fahrgestelle. Die ersten dieser Artilleriesysteme sollen noch im Sommer 2025 an die Bundeswehr ausgeliefert werden, hieß es damals in einer Pressemitteilung des rheinländischen Waffenbauers.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Waffen-Lieferungen an die Ukraine: Panzer-Bestand der Bundeswehr ist verringert

Die Ausführungen von Pistorius lassen jetzt zumindest darauf schließen, dass die durch das Moskau-Regime Wladimir Putins heimtückisch angegriffene Ukraine bei den Lieferungen der PzH 2000 Vorrang haben dürfte. Schließlich braucht die ukrainische Armee die schwere Waffe täglich für die Gefechte mit den Russen zwischen Charkiw, Donbass und Saporischschja. Damit nicht genug: Laut Bundesverteidigungsministerium sollen dem deutschen Heer zwischen 2025 und 2026 insgesamt 18 neu gefertigte und moderne Kampfpanzer Leopard 2 A8 übergeben werden. Und zwar (ebenfalls) als Ersatz für an die Ukrainer gelieferte Leopard 2 A6 aus Beständen der Bundeswehr. KNDS hat zudem Aufträge für neue „Leos“ durch die Streitkräfte der Nato-Partner Ungarn und Norwegen vorliegen.

Auch für die „Leoparden“ liefert Rheinmetall die Hauptwaffe, eine Glattrohrkanone im Kaliber 120 Millimeter. Beide deutsche Rüstungskonzerne sind demnach schwer beschäftigt. Das gilt zudem für den Maschinenbauer MTU aus Friedrichshafen am Bodensee, der sowohl die wuchtige Dieselmotoren für die „Leos“ als auch für die PzH 2000 produziert. Laut des Magazins für Europäische Sicherheit & Technik (esut) hatte die Bundeswehr vor dem Ukraine-Krieg im Jahr 2021 insgesamt 108 Panzerhaubitzen 2000 im Dienst. 14 Stück gingen seither an die Ukraine, die in den Kämpfen laut der Open-Source-Intelligence-Website Oryx mittlerweile (Stand 12. September) eine PzH 2000 verloren hat. Wird die Bundeswehr nun weiter dezimiert, weil es mit Nachschub zu lange dauert? (pm)

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