Hunger- und Armutsschwelle

Armut in der Türkei wächst – Mindestlohn fällt unter „Hungerschwelle“

  • Erkan Pehlivan
    VonErkan Pehlivan
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Die Armut in der Türkei nimmt zu. Bisher kann Präsident Erdogan nichts dagegen unternehmen. Jetzt soll es mit „Gottes Erlaubnis“ besser werden.

Ankara – In der Türkei finden am Sonntag Kommunalwahlen statt. Präsident Recep Tayyip Erdogan und auch die Minister stecken mitten im Wahlkampf. In den Reden spricht Erdogan von einer starken Wirtschaft und dass alles noch viel besser wird. „Unser Land wird zu den zehn stärksten Wirtschaftsmächten der Welt gehören“, versprach Erdogan bei einer Rede am 26. März in Aksaray. Bislang sei die Wirtschaft in seiner Zeit um das Dreifache gewachsen und werde in der kommenden Periode um das Doppelte wachsen.

Die Realität sieht allerdings anders aus. Von Monat zu Monat verarmen die Menschen in der Türkei immer mehr. Die offizielle Inflation liegt bei über 67 Prozent und die Türkische Lira (TL) befindet sich weiterhin im freien Fall. Inzwischen kostet ein US-Dollar über 32 TL. Vor einem Jahr lag der Preis noch bei 19 Lira und vor fünf Jahren sogar bei 5,63. Dadurch wird alles in dem Land teurer. Die sogenannte Hungerschwelle und Armutsschwelle müssen daher praktisch monatlich korrigiert werden.

Präsident Recep Tayyip Erdogan will die wirtschaftlichen Probleme jetzt mit „Erlaubnis Gottes“ bekämpfen.

Mindestlohn in der Türkei reicht nicht für Lebensmittel einer Familie

Gerade Geringverdiener haben es besonders schwer. Wer den Mindestlohn von 17.000 TL (487 Euro) bekommt, kann jetzt nicht einmal eine vierköpfige Familie ausgewogen ernähren, so die Konföderationen der Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes, „Birlesik Kamu-is Konfederasyonu“.

„Die Hungergrenze, die wegen des seit vier Jahren ununterbrochenen Anstiegs der Lebensmittelpreise in der Türkei rapide ansteigt, während sie weltweit im Allgemeinen sinkt, überstieg im März zum ersten Mal mit 20.098 TL die 20.000 Lira-Grenze. Gleichzeitig stieg die Armutsschwelle auf 57.280 Türkische Lira. Alleine im März stieg die Hungerschwelle um 5,9 Prozent und die Armutsschwelle um 11 Prozent“, teilte der Gewerkschaftsverband mit.

Viele Renten in der Türkei liegen sogar unter dem Mindestlohn

Die sogenannte Hungerschwelle beschreibt die Minimumausgaben für Lebensmittel einer vierköpfigen Familie, wenn sie sich ausgewogen ernähren will. Die Armutsschwelle hingegen beschreibt die Minimalausgaben einer vierköpfigen Familie. Dazu zählen neben Lebensmittelkosten auch Miete, Energie und auch Transportkosten.

Rentner sind besonders von Armut betroffen, weil viele Renten sogar unter dem Mindestlohn liegen. Der Gewerkschaftsverband DISK hat die Lage der türkischen Rentner berechnet. Demnach liegt die Durchschnittsrente in der Türkei bei einem Sechstel der Renten in den zentraleuropäischen Ländern. Lag die Durchschnittsrente in der Türkei 2002 rund 22 Prozent über dem Mindestlohn, lag er 2023 rund 26 Prozent darunter.

Recep Tayyip Erdoğan: Der Weg zur Macht des türkischen Präsidenten

Armut, Haft, absolute Macht: Der Sohn eines Küstenschiffers wird in einer politischen Karriere vom eifrigen Koranschüler zum absoluten Machthaber in der Türkei. Recep Tayyip Erdogans Weg kann getrost unüblich genannt werden. Aufgewachsen in einem religiösen, doch armen Vorort von Istanbul macht er als talentierter Fußballer auf sich aufmerksam. Der religiöse Vater verbietet den Traum vom Fußball und schickt ihn auf eine Religionsschule, auf welcher er ein neues Talent entdeckt. Die freie Rede ist damals eines der wichtigsten Fächer und der junge Recep macht schon damals mit seinem Redetalent auf sich aufmerksam und konnte aufgrund des ISKI-Skandals als Außenseiter Bürgermeister Istanbuls werden.
Es folgte ein großer Wahlerfolg seiner Partei bei den Parlamentsgutswahlen 2002. Zwar durfte Erdogan aufgrund eines Gedichtes, für welches er zu einem Politikverbot und einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, nicht das Amt des Ministerpräsidenten nicht einnehmen. Dafür installierte er seinen Parteikollegen Abdullah Gül in dem Amt, welcher kurzerhand die Gesetze änderte, um das Vergehen, welches Erdogan ein Politikverbot einbrachte, umschrieb.
Nachdem Gül die Verfassungsänderung durchgebracht hatte, und eine Annullierung der Wahl in der Provinz Siirt stattfand, konnte er nachträglich als Abgeordneter ins Parlament einziehen. Somit war er erneut offiziell Politiker und in der Lage, Ämter innezuhaben. Er wurde am 12. März 2003 Ministerpräsident und Gül übernahm den Posten des Außenministers. Hier auf diesem Foto wird Erdogan als Parlamentsabgeordneter vereidigt.
Erdogan wurde am 12. März 2003 Ministerpräsident, Abdullah Gül übernahm den Posten des Außenministers. Zunächst öffnete sich die Türkei dem Westen und schuf etwa die Todesstrafe ab. Außenpolitisch verfolgte Erdogan zudem anfangs eine Annäherung an die EU, sodass ein möglicher Beitritt im Raum stand. Auch verbesserte sich das Verhältnis der Türkei zu ihren östlichen Nachbarn deutlich.
Recep Tayyip Erdoğan: Der Weg zur Macht des türkischen Präsidenten

Erdogan will mit „Gottes Erlaubnis“ Inflation bekämpfen

Auf seiner Rede sprach Erdogan zwar von einer starken Wirtschaft, die noch stärker werden soll. Allerdings räumte er auch ein, dass die weltweite Inflation auch die Türkei getroffen habe. Deswegen habe man den Rentnern einmalig 5000 TL (143 Euro) gezahlt. Erdogan räumte ein, dass auch das den Rentnern nicht viel bringe. „Egal, was wir in einem inflationären Umfeld geben, es verschwindet wie in einem Fass ohne Boden“.

Mit Gottes Erlaubnis werde er aber die Inflation bald kontrollieren können. Sein Wirtschaftsprogramm hat bislang nicht gefruchtet. Hafize Gaye Erkan an der Spitze der Zentralbank wurde inzwischen wieder entlassen. Die Unzufriedenheit ist auf den Straßen der Türkei deutlich zu spüren. Bei den anstehenden Kommunalwahlen am Sonntag könnte das für Erdogan und seine AKP zum Problem werden. (erpe)

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