Ukraine-Krieg

„Um abschrecken zu können“: Geheimpapier enthüllt Pistorius‘ Bundeswehr-Plan

Carsten Breuer, Generalinspekteur  Bundeswehr Boris Pistorius (SPD) verteidigungsminister
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Boris Pistorius (SPD), Bundesminister der Verteidigung, mit Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr, im Dezember 2023.
  • VonBettina Menzel
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Die Bundeswehr soll „kriegstüchtig“ werden. Dafür müssen auch unklare Verantwortlichkeiten minimiert werden. Der Verteidigungsminister will im April über Strukturänderungen in der Truppe entscheiden.

Berlin – Kurz nach seinem Amtsantritt als Verteidigungsminister hatte Boris Pistorius (SPD) eine Umstrukturierung in seinem Haus angekündigt. Auch die Bundeswehr sollte eine neue Struktur bekommen. Erste Details zu den Reformplänen sickerten nun durch. Die Wiedereinführung einer Wehrpflicht ist demnach wohl nicht ganz ausgeschlossen. Zumindest sind laut einem Experten entsprechende Strukturen zu einer möglichen Wiederaufnahme vorgesehen. Im April will der Verteidigungsminister über die Strukturänderungen entscheiden.

Bundeswehr auf Landesverteidigung ausrichten: Pistorius plant Strukturreform

Der Umbau des Verteidigungsministeriums gilt als abgeschlossen, ging allerdings nicht ohne Kritik über die Bühne. Nun ist die Bundeswehr dran. Jahrelang war die Truppe auf das internationale Krisenmanagement ausgerichtet, angesichts des Ukraine-Kriegs soll der Fokus wieder zurück auf die Landesverteidigung gehen. Deutschland müsse sich an den Gedanken gewöhnen, „dass wir vielleicht einmal einen Verteidigungskrieg führen müssen“, hatte der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, im vergangenen Jahr betont und kritisiert, dass es Strukturen in der Bundeswehr gebe, „die schnelle und zielgerichtete Entscheidungen fast unmöglich machen.“

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Pistorius hatte unlängst einer Projektgruppe den Auftrag erteilt, Vorschläge für eine Strukturreform der Bundeswehr vorzulegen. Der 34 Seiten umfassende Bericht liegt Business Insider vor, wie das Portal am Freitag (8. März) berichtete. Das Ziel ist laut Papier, „kriegstüchtig sein, um abschrecken zu können“. Der Kritik des Generalinspekteurs wird offenbar Rechnung getragen: Überschneidungen von Verantwortungsbereichen sollen damit auf ein Minimum reduziert werden und damit auch die „Gefahr zeitintensiver Abstimmungen, Fehlsteuerungen und von Verantwortungsdiffusion“, heißt es in dem Papier. Damit sollen Entscheidungsprozesse beschleunigt werden.

Strukturänderungen in der Bundeswehr: Das steht im Bericht der Projektgruppe

  • Vierte Teilstreitkraft „Cyber- und Informationsraum“ (CIR): Zusätzlich zu den bislang bestehenden drei Teilstreitkräften Marine, Luftwaffe und Heer
  • Ein operatives Führungskommando der Bundeswehr: Die beiden Führungskommandos für Einsätze im Aus- und Inland werden zusammengelegt, um die Leitung aus einer Hand zu ermöglichen
  • Formung eines „Kommando Unterstützung“: Das „Kommando Unterstützung“ soll unter anderem durch die Zusammenlegung der bislang eigenständigen Streitkräftebasis sowie des Sanitätsdienstes entstehen. Führen soll die Sanität ein „Chief Medical Officer“
  • Luftfahrtamt der Bundeswehr: wird der Luftwaffe als Teilstreitkraft unterstellt
  • Gründung von vier regionalen Personalzentren: Im Personalwesen sollen die regionalen Personalzentren dem Personalamt der Bundeswehr unterstellt werden, um die Reaktionsfähigkeit im Ernstfall zu erhöhen
  • Mobile Verwaltungselemente in militärischen Strukturen: Sogenannte „Embedded Support Organisations“ (ESO) sollen die Wehrverwaltung und die Truppe besser verzahnen
  • Gründung „Abteilung Fachaufgaben Bundeswehr“: um die Streitkräfte von sogenannten bundeswehrgemeinsamen Aufgaben zu entlasten
  • Nun dem Heer unterstellt: Die Truppengattungen Feldjäger und ABC-Abwehr sollen dem Heer unterstellt werden. Ebenso das Kommando für die Zivil-Militärische Zusammenarbeit (CIMIC) sowie das Wachbataillon in Berlin, das dem Feldjägerwesen zugeordnet wird. Auch die Heimatschutzkräfte werden dem Heer unterstellt.

Quelle: Business Insider unter Bezugnahme auf das Bundeswehr-Dokument der Projektgruppe

Neustrukturierung der Bundeswehr: Möglichkeit zur Wiedereinführung der Wehrpflicht?

Das Beschaffungsamt bleibt indes in seiner Struktur unverändert, soll durch 70 Einzelmaßnahmen jedoch schneller handlungsfähig gemacht werden. Und auch im zivilen Organisationsbereich will man den Fokus auf Kriegstüchtigkeit legen: Demnach habe man den Aufbau von „Strukturen zur Wiederaufnahme der verpflichtenden Einberufung zum Grundwehrdienst“ geschaffen, also die grundsätzliche Möglichkeit, eine eventuell wieder eingeführte Wehrpflicht auch umzusetzen, wie der Experte Thomas Wiegold in seinem Blog Augen geradeaus analysiert.

Deutschland hat die Wehrpflicht nicht abgeschafft, sondern ausgesetzt. „Im Spannungs- und Verteidigungsfall tritt sie automatisch wieder in Kraft“, erklärte der frühere Nato-General Erhard Bühler in seinem Podcast „Was tun, Herr General?“ In Deutschland habe man alle Strukturen abgeschafft, die für eine Durchführung der Wehrpflicht im Spannungsfall notwendig seien – genau diese sollen mit den Reformen geschaffen werden, so Bühler. Der Experte betont auch, dass dies keine Präjudiz sei für eine mögliche Wiedereinführung der generellen Wehrpflicht.

Die Entscheidung des Verteidigungsministers über die Neustrukturierung der Bundeswehr soll bis Anfang April stehen. Im Anschluss sollen Konzepte mit konkreten Zeitlinien erarbeitet werden, die bis 1. Oktober 2024 an den Generalinspekteur Breuer und Verteidigungs-Staatssekretär Nils Hilmer gehen. Pistorius steht indes künftig noch vor weiteren Herausforderungen. Wie interne Berechnungen des Verteidigungsministeriums zeigen, klafft in der Bundeswehr in vier Jahren eine Finanzlücke von 56 Milliarden Euro.