„Sandwicheffekt“

Pflegebedürftigen-Zahl steigt „explosionsartig“ – und Lauterbach hat keine Erklärung

  • Michael Kister
    VonMichael Kister
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Etwa siebenmal mehr Leute als erwartet sind 2023 pflegebedürftig geworden. Das stellt die Pflegeversicherung vor große Herausforderungen.

Berlin – 50.000 neue Pflegebedürftige habe man für das Jahr 2023 erwartet, doch es seien stattdessen 360.000 geworden, so der Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Woran das liegt, verstehen wir noch nicht genau“, kommentierte Lauterbach die Zahlen. Er nannte den Anstieg „geradezu explosionsartig“ und stellte mehrere Hypothesen über die Ursachen darüber in den Raum.

Es werde geprüft, ob es sich um einen Nachhol­effekt nach der Corona-Pandemie handeln könnte, so Lauterbach. Dem liegt die Vermutung zugrunde, dass aus Angst, sich bei der Begutachtung anzustecken, womöglich weniger Menschen einen Pflegegrad beantragt hatten. „Ich glaube aber nicht, dass der Nachhol­effekt einen Aufwuchs in dieser Größen­ordnung erklärt“, sagte der Gesundheitsminister.

Bundesgesundheitsminister Lauterbach kann sich auch nicht erklären, wieso die Zahl der Pflegebedürftigen so rapide angestiegen ist.

Lauterbach ratlos – 2023 vielmehr neue Pflegebedürftige als erwartet

Er gehe dagegen eher von einem „Sandwicheffekt“ aus: „Zu den sehr alten, pflegebedürftigen Menschen kommen die ersten Babyboomer, die nun ebenfalls pflegebedürftig werden“, erklärte Lauterbach. Deswegen gebe es „erstmals zwei Generationen, die gleichzeitig auf Pflege angewiesen sind: die Babyboomer und deren Eltern.“ Das sei auch deshalb der Fall, weil immer mehr „Menschen mit schweren Behinderungen oder Unfallopfer mit massiven bleibenden Schäden“ dank der Fortschritte in der Medizin überlebten, aber eben früh pflegebedürftig würden.

In der rapide steigenden Zahl von Pflegebedürftigen sieht Lauterbach einen Faktor, der das Problem der Pflegeversicherung verschlimmert: „Klar ist, dass wir mittel- und längerfristig eine solidere Form der Finanzierung der Pflege benötigen“, so der Gesundheitsminister. Weil man mit dem jetzigen Beitragssystem das Leistungsniveau der Pflege nicht erhalten könne, „müssen die Leistungen dynamisiert, also regelmäßig erhöht werden“, fügte er hinzu.

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Lauterbach hält Pflegereform in dieser Legislatur­periode nicht für durchführbar

Trotzdem hält der SPD-Politiker eine umfassende Pflegereform noch „in dieser Legislatur­periode“ nicht für durchführbar, da darüber in der Koalition „die Ansichten zu weit auseinander“ lägen. Er schlug für eine solche Reform in der Zukunft allerdings vor, die alte Idee einer Pflege-Bürger­versicherung, in die alle einzahlen, zu reaktivieren und einen höheren Steuer­zuschuss für die Pflege zu leisten. „Erstmals“, so Lauterbach, „stellt sich die Frage, wie lange die Pflege­versicherung überhaupt noch bezahlbar bleibt.“

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