Kolumne vom Meteorologen Dominik Jung

Erste Wetterprognose für den Winter: Polarwirbel-Kollaps droht – mit drastischen Folgen für Deutschland

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Die Kombination aus drei Faktoren könnte das Winter-Wetter enorm beeinflussen – Kälte und Schnee in Europa als mögliche Folge. Eine Wetter-Kolumne von Dominik Jung.

Hamm – Schon jetzt deuten Langfristdaten auf einen potenziell schwachen Polarwirbel im Winter 2025/2026 hin – ein Zustand, der kalte Winter und gestörte Wetterlagen begünstigt. Der Polarwirbel ist ein großräumiges Zirkulationssystem in der Stratosphäre, das eng mit dem Jetstream und dem Wettergeschehen in den mittleren Breiten verknüpft ist.

In einem starken Zustand hält er kalte Luftmassen am Pol zurück, während ein geschwächter Polarwirbel die Kaltluft leichter nach Süden entweichen lässt. Derzeit sprechen drei globale Faktoren für eine mögliche Instabilität.

Wie wird der Winter 2025/26? Sicher weiß das noch niemand, doch es gibt bereits erste Tendenzen.

Enormer Einfluss auf Winter-Wetter: Drei Schlüsselprozesse begünstigen eine Schwächung des Polarwirbels

Erstens ein möglicher Übergang zu einer schwachen La Niña, die erfahrungsgemäß das Risiko für plötzliche Stratosphärenerwärmungen (SSW) erhöht. Zweitens eine sich etablierende östliche Phase der Quasi-Biennalen Oszillation (QBO), die vertikale Wellenbewegungen in die Stratosphäre fördert. Und drittens ein bemerkenswerter Rückgang des arktischen Meereises, insbesondere in der Barents-Kara-See – ein Muster, das mit schwächeren Polarwirbeln korreliert.

Warmes Wetter kann Polarwirbel aufspalten

Besonders relevant ist die derzeit einsetzende negative Phase der QBO, bei der Stratosphärenwinde in östlicher Richtung verlaufen. Diese Phase erleichtert es Rossby-Wellen aus der Troposphäre, bis in die Stratosphäre vorzudringen und dort den Polarwirbel zu stören. Kombiniert mit dem niedrigen Meereisstand in der Barents-Kara-Region – bei gleichzeitig fast überdurchschnittlicher Eisbedeckung im Ochotskischen Meer – ergibt sich ein geradezu „lehrbuchmäßiges“ Szenario für eine Destabilisierung des Stratosphärenwirbels.

Studien zeigen zudem: Die dämpfende Wirkung von Meereisverlust auf den Polarwirbel ist während einer östlichen QBO besonders ausgeprägt. Erste Modellrechnungen für Herbst und Frühwinter 2025 signalisieren bereits leicht erhöhte Temperaturen und Druckanomalien in der Stratosphäre – Frühindikatoren für ein mögliches SSW-Ereignis. Dabei kann eine plötzliche Erwärmung den Polarwirbel in zwei Teile spalten und seine Zirkulation zum Erliegen bringen – wie zuletzt im März 2025 beobachtet.

Kälte, Schnee, Chaos? Was ein Polarwirbel-Kollaps für das Wetter in Deutschland bedeutet

Die Folgen eines Zusammenbruchs des Polarwirbels zeigen sich typischerweise 10 bis 30 Tage später im Wettergeschehen. Der aufsteigende Druck in der Stratosphäre setzt sich nach unten fort, verändert den Jetstream und erlaubt arktischer Kaltluft, bis weit in die mittleren Breiten vorzudringen. Statistische Auswertungen zeigen: Nach einem SSW-Ereignis ist die Wahrscheinlichkeit für unterdurchschnittliche Temperaturen in Nordamerika, Mitteleuropa und Teilen Osteuropas signifikant erhöht. Auch Schneefälle sind in diesen Regionen häufiger – insbesondere durch blockierende Hochdrucklagen und verstärkte Tiefdruckentwicklung in südlicheren Breiten.

Wichtig: Nicht jedes SSW führt automatisch zu einem „Schneewinter“. Doch mit den aktuellen Konstellationen – La Niña, QBO-Ostphase, Eisrückgang – steigt die Eintrittswahrscheinlichkeit deutlich. Meteorologen und Klimaforscher beobachten daher die Entwicklung der oberen Atmosphäre sehr genau. Sollte sich die Schwäche des Polarwirbels bestätigen, könnten weite Teile der Nordhalbkugel einen ungewöhnlich kalten, dynamischen Winter erleben.

Rubriklistenbild: © Jochen Tack/IMAGO

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