Verheerende Gefahr für Soldaten

Auch für Raketenwerfer aus Deutschland? USA kurz vor Lieferung von besonderer Streumunition

  • Patrick Mayer
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Laut Ukraine stehen die USA kurz vor der Lieferung von Langstrecken-Streumunition. Die Raketen passen theoretisch auch in die gelieferten Mehrfachraketenwerfer aus Deutschland.

Washington, D.C. - Kann Kiew bei seiner Offensive im Ukraine-Krieg bald auf eine besondere Waffe zurückgreifen? Wie das ukrainische Nachrichtenportal Defense Express berichtet, steht die US-Regierung angeblich kurz davor, „die Lieferung von mit Streubomben beladenen Langstreckenraketen in die Ukraine zu genehmigen“.

Ukraine-Krieg: USA erwägen Lieferung von Streumunition für HIMARS

Medien zufolge könnte es sich dabei um Raketen mit sogenannten Cluster-Sprengköpfen handeln, heißt es in dem Bericht. So soll das Weiße Haus die Möglichkeit erwägen, einen oder zwei Raketentypen mit Clusterausrüstung vom Typ GMLRS oder ATACMS zu liefern.

Diese Raketen können vom „High Mobility Artillery Rocket System“, kurz HIMARS, verschossen werden. Seit diesem Sommer haben die ukrainischen Truppen die international höchst umstrittene Streumunition in 155-mm-Granaten für die M777-Feldhaubitze im Einsatz. HIMARS-Raketen mit Cluster-Bomblets würden die Angriffsmöglichkeiten der ukrainischen Armee dagegen deutlich ausweiten - und den Kampf noch gnadenloser machen.

Von der russischen Armee gefürchtet: HIMARS-Mehrfachraketenwerfer. (Symbolfoto)

Defense Express, das den ukrainischen Streitkräften nahesteht, beruft sich in seinem Bericht auf die Nachrichtenagentur Reuters. Zur Verteidigung gegen die russische Invasion hatten die USA Kiew nach Angaben des amerikanischen Verteidigungsministeriums bis Mitte September 2023 insgesamt 38 HIMARS-Mehrfachraketenwerfer bereitgestellt. Die Waffe gilt als hochgradig präzise. Sie fügte der Invasionsarmee von Kreml-Machthaber Wladimir Putin erhebliche Verluste zu.

Ukraine-Offensive: Kiew lässt gegen russische Armee Streumunition einsetzen

Am 20. Juli hatte der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrats der US-Regierung die Lieferung amerikanischer Streumunition bestätigt. John Kirby erklärte damals: „Sie setzen sie angemessen ein, sie setzen sie effektiv ein.“ Kirby erzählte weiter, dass sich der Einsatz der Cluster-Munition bereits auf russische Verteidigungsstellungen auswirke.

Denn: Weil die Minibomben eine große unvorhersehbare Reichweite haben und zeitverzögert nach der Explosion der eigentlichen Trägergranate oder -rakete explodieren, eignen sie sich militärisch für den Angriff gegen tiefe Schützengräben und befestigte Stellungen, wie sie durch die russische Armee sowohl im Donbass im Osten als auch in der Region Saporischschja im Süden errichtet wurden. Vereinfacht: Die Schrapnelle und Granatsplitter kommen auch in den letzten Winkel. Mit verheerender Wirkung für die Soldaten.

Übereinkommen über Streumunition

Die Streubomben-Konvention (Übereinkommen über Streumunition) ist ein am 1. August 2010 in Kraft getretener völkerrechtlicher Vertrag über ein Verbot des Einsatzes, der Herstellung und der Weitergabe von konventioneller Streumunition. Streu- oder Clustermunition bezeichnet Granaten und andere Gefechtsköpfe, die nicht als Ganzes explodieren, sondern eine Vielzahl an kleineren Sprengkörpern (Bomblets) freisetzen, die teils weit verstreut explodieren. Deutschland hat das Abkommen am 8. Juli 2009 unterzeichnet. Die USA, Russland und die Ukraine sind nicht Teil der Konvention.

Streumunition für die Ukraine: Raketen passen in HIMARS und MLRS-Mehrfachraketenwerfer

Mit HIMARS-Raketen könnten die Ukrainer die Streumunition viel tiefer im durch Russland besetzten Gebiet einsetzen. Denn: Die M777 hat in der Regel eine Reichweite von etwa 15 Kilometern, die Mehrfachraketenwerfer können dagegen deutlich weiter schießen. Wie Defence Express schreibt, handelt es sich bei den erwogenen GMLRS-Raketen wahrscheinlich um die M26-Rakete, die demnach eine Reichweite von 45 Kilometern hat. Mehr noch: Eine einzelne M26-227-mm-Artillerierakete für die HIMARS-Systeme enthält laut Kyiv Post 644 Submunitionen (Bomblets), die demnach über einer Fläche von fast 30.000 Quadratmetern detonieren können.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Cluster-Munition könnte demnach theoretisch auch von den fünf Mehrfachraketenwerfern MARS II abgeschossen werden, die Deutschland der ukrainischen Armee aus Beständen der Bundeswehr geliefert hatte. Hier wird es interessant. Im Gegensatz zu den USA, der Ukraine und Russland hatte die Bundesrepublik 2009 das Übereinkommen über Streumunition unterzeichnet, das den Einsatz verbietet. Wahrscheinlich ist deshalb aus politischen Gründen, dass ausschließlich die amerikanischen HIMARS-Mehrfachraketenwerfer die Raketen verschießen würden. Aus Berlin gab es dazu bislang keine Stellungnahme. (pm)

Rubriklistenbild: © IMAGO/U.S. Army