Wehrbeauftragte schlägt Alarm

Wenig Lust auf Bundeswehr-Karriere: Junge Deutsche lassen Pistorius im Stich

  • Jens Kiffmeier
    VonJens Kiffmeier
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Waffen und Rekruten – die Bundeswehr braucht von allem mehr. Doch junge Leute scheuen dort eine Karriere. Kommt die Wehrpflicht deswegen zurück?

Berlin – Der Ukraine-Krieg dient als Abschreckung: Die Bundeswehr steuert auf ein ernsthaftes Personalproblem zu. So schlug die Wehrbeauftragte Eva Högl (SPD) jetzt Alarm und warnte vor einem Mangel an Rekruten. Es sei „fraglich“, ob die bisherigen Maßnahmen ausreichten, um in Zukunft genügend Soldatinnen und Soldaten für einen Dienst an der Waffe zu verpflichten, sagte die Politikerin dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Der Reservistenverband forderte deswegen die Rückkehr der Wehrpflicht. Doch wie realistisch ist das?

Zu wenig Rekruten für die Bundeswehr: Wehrbeauftragte Högl warnt vor Nachwuchsproblem

Bis zum Jahr 2030 soll die Bundeswehr wieder auf 203.000 Soldatinnen und Soldaten anwachsen. Dieses Ziel hatte das Verteidigungsministerium von Boris Pistorius (SPD) im vergangenen Jahr ausgegeben. Nachdem der von Russland entfachte Ukraine-Krieg die Schwächen und Mängel der deutschen Streitkräfte schonungslos offengelegt hatte, soll die Ausrüstung verbessert und die Personalstärke wieder erhöht werden. Dafür pumpt die Bundesregierung ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro in die Armee.

Karriere bei der Bundeswehr: Viele junge Leute scheuen Ausbildung

Doch insbesondere die Rekrutierung stellt die Bundeswehr offenbar vor eine schwere Aufgabe. Um die Zielmarke zu erreichen, brauche es noch eine enorme Kraftanstrengung, sagte Högl. Um eine Karriere bei der Bundeswehr attraktiv zu machen, müssten die Rahmenbedingungen verbessert werden. „Das bedeutet in erster Linie schlanke Prozesse und Strukturen, ausreichend Material – von der persönlichen Ausrüstung bis zum großen Gerät – sowie eine moderne Infrastruktur“, erklärte sie. Man müsse dem Nachwuchs außerdem ein realistisches Bild vom Dienst und der Ausbildung in der Bundeswehr zeichnen.

Sucht Rekruten für die Bundeswehr: Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD).

Die Bundeswehr ist auf jeden Fall auf den Nachwuchs angewiesen. Durch die neue Bedrohungslage kommen auf die Truppe neue Herausforderungen und Anforderungen zu. So will die Nato unbedingt die Ostflanke stärken, weswegen die Bundeswehr ebenfalls Bataillone entsenden und im Baltikum dauerhaft stationieren soll – ohne die eigene Landesverteidigung zu vernachlässigen.

Vor diesem Hintergrund hält der Reservistenverband die ausgegebene Zielmarke von 203.000 Soldatinnen und Soldaten ohnehin für nicht ausreichend. Man müsse schauen, welche Personalstärke die Bundeswehr brauche, um Deutschland im Bündnis verteidigen zu können, sagte Verbandspräsident Patrick Sensburg im ARD-Morgenmagazin. „Ob da die 203.000 reichen, darf bezweifelt werden. Wir gehen von deutlich mehr aus.“ Die Bundeswehr sei in den vergangenen 30 Jahren „verkleinert worden, sie ist geschrumpft worden, Einheiten sind abgebaut worden“, sagte Sensburg. Das jetzt wieder rückgängig zu machen, dauere.

Rekrutierungsproblem: Verband fordert die Wiedereinführung der Wehrpflicht

Die Aussetzung der Wehrpflicht bezeichnete Sensburg deswegen als Fehler und plädierte für eine Wiedereinführung. Deutschland brauche eine entsprechende Personalstärke von Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr, um verteidigungsfähig zu sein. Durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gebe es wieder ein erhöhtes Interesse für die Bundeswehr. „Junge Menschen kommen und wollen dienen, weil Landesverteidigung eben eine nachvollziehbare Aufgabe ist“, sagte Sensburg. Doch es sei auch wichtig, dass die Rekrutinnen und Rekruten spürten, dass sie einen „wertvollen Dienst für die Bevölkerung, für die Menschen unseres Landes leisten“, sagte Sensburg. Doch da gebe es weiterhin einen großen Nachbesserungsbedarf.

Wehrpflicht abgeschafft?

Eine Abschaffung der Wehrpflicht wurde in Deutschland nicht vorgenommen. Rein rechtlich ist die Wehrpflicht nur ausgesetzt worden. 2011 hatte der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) diesen Schritt gewagt. Auch wenn die Wehrpflicht offiziell damit nicht abgeschafft worden ist, gilt der Wehr- oder Zivildienst in der Praxis als nicht mehr vorhanden. Eine Wiedereinführung wäre dadurch aber durchaus möglich.

Wiedereinführung der Wehrpflicht: Boris Pistorius ist eher skeptisch

In der Bundesregierung weiß man um das Problem. Doch wie soll man es lösen? Die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht erscheint vielen als logische Konsequenz. Doch sowohl Kanzler Olaf Scholz als auch Verteidigungsminister Boris Pistorius zeigten sich zuletzt skeptisch gegenüber diesem Vorschlag. Dies sei einerseits rechtlich schwierig, zum anderen habe man dazu gar nicht mehr die Infrastruktur, hieß es zuletzt. Denn allein für die Musterung gibt es keine Kreiswehrersatzämter mehr. Auch diese müssten erst einmal wieder aufgebaut werden, hieß es. Schnelle Lösungen seien damit eben auch nicht in Sicht.

Schleudersitz ade? Von Scharping bis Pistorius – wer im Bendlerblock das Sagen hat

Rudolf Scharping (1998 bis 2002): Als die Ehrenformation der polnischen Armee den Minister im Februar 1999 im polnischen Krakau begrüßte, war Scharpings Welt noch in Ordnung. Doch dann stolperte er über zwei verhängnisvolle Affären. Während nämlich die Bundeswehr kurz vor einem Einsatz in Mazedonien stand, ließ er sich quietschvergnügt mit seiner Lebensgefährtin im Swimmingpool fotografieren. Und auch die dubiosen Deals mit PR-Mann Moritz Hunzinger stießen der SPD sauer auf. Im Juli 2002 wurde Scharping schließlich entlassen.
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In der Opposition sieht man das ähnlich. Dennoch preschte CDU-Parteichef Friedrich Merz erst vor wenigen Tagen mit einem ungewöhnlichen Vorschlag nach vorne. Angesichts des großen Nachwuchsproblems pochte er darauf, dass die Bundeswehr mehr an Schulen und Universitäten um junge Leute werben sollte – um ihnen eine Ausbildung und Karriere in der Truppe schmackhaft zu machen. (jkf/dpa)

Rubriklistenbild: © Stefan Sauer/Alessandro Della Valle/dpa/Montage

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