Nach den Landtagswahlen

Keine „Brombeer-Regierung“ in Sachsen: CDU, BSW und SPD erklären Aus der Sondierungsgespräche

  • Sandra Kathe
    VonSandra Kathe
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Die sächsischen Landtagswahlen sind nun schon mehr als zwei Monate her, doch eine Mehrheitsbildung scheint nach wie vor unerreichbar.

Dresden – Für den Versuch einer Regierungsbildung nach der Landtagswahl in Sachsen hatten CDU, BSW und SPD schon vor mehreren Wochen Sondierungsgespräche gestartet. Diese haben die Parteien nun für gescheitert erklärt. Agenturberichten zufolge war diese Information am Mittwoch zunächst aus Verhandlungskreisen an die Öffentlichkeit gelangt, danach wurde die Mitteilung aus den Kreisen der BSW offiziell bestätigt. Am Nachmittag traten Vertreter der Parteien vor die Presse.

Zur Begründung seitens des BSW hieß es, dass es in wichtigen Kernthemen, „bei der Friedensformel, der Migrationspolitik und dem Thema Finanzen“, keine Einigung gegeben hätte und Koalitionsgespräche für die sogenannte Brombeer-Koalition somit gar nicht erst beginnen würden. Zuvor hatte vorige Woche auch schon die SPD einen Stopp der Sondierungsgespräche gefordert, sich dann jedoch wieder für die Fortsetzung entschieden. Anlass dafür war eine Abstimmung im Landtag gewesen, bei der etliche Abgeordnete des BSW für einen AfD-Antrag zur Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zur Coronapandemie gestimmt hatten.

Nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche zwischen CDU, BSW und SPD hat Sachsens Ministerpräsident Kretschmer ein Zeitproblem.

Differenzen zwischen CDU, BSW und SPD: Parteien erklären Gespräche für gescheitert

Hauptauslöser des erneuten Abbruchs der Gespräche sei nun, wie die dpa berichtete, dass das BSW bei den potenziellen Koalitionspartnern ein „Bekenntnis zum Frieden“ vermisse. Dazu zitierte die Agentur die BSW-Landesvorsitzende Sabine Zimmermann: „Dieser furchtbare und völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands in der Ukraine beunruhigt so viele auch bei uns in Sachsen, dass eine neue Landesregierung diese Sorgen und Ängste aufgreifen muss.“ Generell positioniert sich das erst im Januar gegründete „linkskonservative“ Bündnis Sahra Wagenknecht gegen „militärische Konfliktlösungen“ und fordert so etwa ein Ende der Waffenlieferungen in die Ukraine.

Für Sachsen bedeuten die neuen Entwicklungen nun, dass die ohnehin schon schwierige Regierungsbildung wieder am Anfang steht. Bei den Landtagswahlen war die CDU unter dem bisherigen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer zwar knapp vor der AfD gelandet, es gibt allerdings dank des schlechten Abschneidens vieler anderer Parteien nur wenige Möglichkeiten für eine Koalitionsmehrheit ohne Beteiligung der Rechtspopulisten. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur AFP hatte Kretschmer bereits vor dem Beginn der Gespräche vor zu großen Erwartungen gewarnt und betont, dass „sehr anstrengende und auch schwierige Gespräche“ vor den Beteiligten lägen.

Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ will die deutsche Politik prägen

Die Partei von Sahra Wagenknecht heißt wie sie. Das ist nur folgerichtig, denn der Name ist erst mal auch das Programm. Nach dem Eintritt in die DDR-Staatspartei SED 1989 war Wagenknecht über Jahrzehnte eines der bekanntesten Gesichter der Folgeparteien PDS und Die Linke. Die studierte Philosophin mit Doktortitel im Fach Wirtschaft ist ein gern gesehener Gast in den diversen Talkshows der TV-Sender. Nach jahrelangem Streit mit der Linken trat die Bestsellerautorin im Oktober 2023  aus und kündigte die Gründung einer eigenen Partei an.
Amira Mohamed Ali hat zusammen mit Sahra Wagenknecht den BSW-Vorsitz inne. Die Rechtsanwältin, die 1980 in Hamburg geboren wurde, ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages. Dort war sie von November 2019 bis Oktober 2023 zusammen mit Dietmar Bartsch Fraktionsvorsitzende der Linken. 2019 sprach sich die Tochter eines Ägypters und einer Deutschen in einem Interview für offene Grenzen aus und lehnte Abschiebungen grundsätzlich ab. Im Jahr 2023 plädierte sie dafür, die (Wirtschafts-)Migration nach Deutschland zu begrenzen. Zudem sprach sie sich dafür aus, Asylverfahren zu beschleunigen und diese an der Außengrenze oder sogar in Drittstaaten durchzuführen.
Ein Coup ist die Einbindung von Thomas Geisel in das „Bündnis Sahra Wagenknecht“. Am BSW-Gründungstag trat der frühere Oberbürgermeister von Düsseldorf aus der SPD aus. Von seiner Ex-Partei verabschiedete er sich mit den Worten, seine „sozialdemokratischen Grundsätze“ seien im BSW eher vertreten als in der SPD. Sein Wechsel sorgt bei seiner alten Partei für Kopfschütteln. Die NRW-SPD übte jedenfalls massive Kritik am Wechsel zur Wagenknecht-Partei. Geisel habe sich nach seiner Amtszeit verannt, sagte Generalsekretär Frederick Cordes dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Mit seiner Kandidatur stelle er sich selbst ins Abseits und lasse zu, dass auf seine erfolgreiche Amtszeit als Düsseldorfer Oberbürgermeister fortan ein Schatten liegen werde.
Neben Thomas Geisel ist Fabio De Masi einer der beiden BSW-Spitzenkandidat für die Europawahl 2024. De Masi, 1980 in Groß-Gerau geboren, ist das Kind eines italienischen Gewerkschaftsmitglieds und einer deutschen Sprachdozentin. Sein Großvater väterlicherseits war ein Partisan im Piemont, der für die Befreiung Italiens vom Faschismus kämpfte. Von 2005 bis 2014 war der Finanzpolitiker als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag tätig, unter anderem für Sahra Wagenknecht.
Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ will die deutsche Politik prägen

Schwierige Regierungsbildung in Sachsen: Kretschmer bleibt nicht viel Zeit

Der Grund hinter dem Scheitern der Gespräche in Dresden sei laut Kretschmers erster Stellungnahme vor der Presse nun jedoch vor allem Parteichefin Wagenknecht, die ihren Parteimitgliedern in Sachsen „die Beine gestellt“ habe. Kretschmer kritisierte diese Entwicklung und betonte, dass die BSW die anderen Beteiligten der Sondierungsgespräche überrascht hätte. Laut seiner Einschätzung sei die Entscheidung der Partei, der Brombeer-Koalition eine Absage zu erteilen, nicht in Dresden gefallen, sondern in Berlin.

Das Problem: Kretschmer bleiben kaum Alternativen. So lag die CDU bei der Landtagswahl am 1. September zwar als stärkste Kraft bei 31,9 Prozentpunkten, die AfD landete im amtlichen Endergebnis jedoch nur knapp dahinter bei 30,6 Prozent. Drittstärkste Kraft war bereits mit nur 11,8 Prozent das BSW, SPD und Grüne verloren mit je 7,3 und 5,1 Prozent massiv an Wählerstimmen. Unter der Fünf-Prozent-Hürde blieb neben der geschwächten Linken auch die FDP, von den Linken zogen allerdings dennoch mehrere Parlamentarier aufgrund gewonnener Direktmandate in den Landtag ein.

Eine Lösung, die viele in Sachsens konservativen Reihen schon seit Längerem fordern, ist laut dpa eine Minderheitsregierung unter Kretschmer, die dieser jedoch bislang abgelehnt hat. Sein Argument: Bei einer solchen Regierung sei man jeden Tag in Verhandlungen, was unglaublich viel Kraft binde. Doch für eine Alternativlösung bliebt Kretschmer auch nicht mehr viel Zeit: Laut sächsischer Verfassung ist der Ministerpräsident innerhalb von vier Monaten nach Konstituierung des neuen Landtags zu wählen, was bedeutet, dass Kretschmer bis Anfang Februar 2025 eine Lösung finden muss. Alternativ wird das frisch gewählte sächsische Parlament wieder aufgelöst und es stehen Neuwahlen an. (saka mit dpa/AFP)

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