Krieg gegen Russland

Kollaps der Frontlinien? Ukrainische Generäle zeichnen düsteres Bild im Krieg

  • Natascha Berger
    VonNatascha Berger
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Ukrainische Streitkräfte geraten im Krieg gegen Russland immer mehr unter Druck. Hochrangige Generäle befürchten einen Zusammenbruch der Front und sprechen ihre Enttäuschung über den Westen aus.

Kiew – Die Ukraine kämpft seit über zwei Jahren gegen die russische Invasion. In den letzten Wochen vermeldeten die ukrainischen Streitkräfte immer wieder Verluste auf russischer Seite durch erfolgreiche Gegenangriffe, etwa am Fluss Dnipro. Diverse Angriffe auf russischem Territorium schwächten außerdem die Wirtschaft unter Präsident Wladimir Putin.

Doch trotz innovativer Drohnen-Technologie und Kampfgeist zeichnen hochrangige Generäle aus der ukrainischen Armee nun ein düsteres Bild vom Ukraine-Krieg – und kritisieren mangelnde Unterstützung aus den USA und Europa.

Ukrainische Militäroffiziere prophezeien Kollaps an Frontlinien

Den ukrainischen Streitkräften mangelt es im Krieg gegen Russland bereits seit längerem an Artilleriemunition. Doch militärische Hilfen aus den USA werden von den Republikanern weiterhin im Kongress blockiert, auch EU-Versprechen wurden nicht eingehalten. Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte bereits vor einigen Tagen: ohne die US-Unterstützung werden sich die ukrainischen Streitkräfte zurückziehen müssen. Doch wie nun hochrangige ukrainische Offiziere anonym bei Politico verlauten lassen, würden auch Militärhilfen der Vereinigten Staaten die Situation an den Fronten nicht mehr verändern.

Ukrainische Militäroffiziere zeichnen ein düsteres Bild, was die Situation an der Front anbelangt. Droht ein Kollaps?

„Es gibt nichts, was der Ukraine jetzt helfen kann“, so das düstere Szenario. Die Raketen- und Drohnenangriffe Russlands haben in den vergangenen Wochen stark zugenommen. Aufgrund der vielen Schauplätze ließe sich nur schwer erraten, wo der Hauptangriff der im Sommer erwarteten Offensive einschlagen wird. Wo auch immer die russischen Soldaten angreifen würden, bestehe die Gefahr, dass die Frontlinien zusammenbrechen würden. Die höhere Anzahl an russischer Streitkräfte sowie die militärische Ausrüstung der Aggressoren ermögliche es Russland, „die Frontlinie zu durchbrechen und sie an einigen Stellen zu zerstören“. Die ukrainischen Generäle gegenüber Politico: Das einzige, was nun die Dynamik noch verändern könne, sei „ukrainischer Mut und Widerstandsfähigkeit sowie Fehler russischer Kommandeure“.

Düsteres Szenario für ukrainische Front: Westliche Unterstützung im Kampf gegen Russland kam zu spät

Neben dem düsteren Bild eines Kollapses der Frontlinien kritisieren die Militäroffiziere in der US-Tageszeitung auch das Zögern des Westens. Lieferungen seien zu spät und in unzureichender Anzahl geliefert worden. Obwohl beispielsweise Marschflugkörper, Storm Shadow oder SCALP, erfolgreich eingesetzt worden waren, hätten die russischen Streitkräfte schnell die eigene Taktik verfeinert. Waffensysteme kommen laut den hochrangigen Generälen erst dann, „wenn sie nicht mehr relevant sind“. Als Beispiel nennt der die F-16-Kampfflugzeuge, die bereits 2023 notwendig gewesen wären, aber nun in diesem Sommer kommen sollen.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die ukrainischen Offiziere betonen, dass die Kriegsführung Russlands nicht unterschätzt werden sollte. Dass Putin „einfach Truppen in den Fleischwolf“ werfe, stimme nur bedingt. Russland lerne schnell dazu und überhole Waffensysteme sehr schnell. „Wir haben unseren westlichen Partnern die ganze Zeit gesagt, dass wir die Kampferfahrung haben, dass wir das Kampfverständnis dieses Krieges haben. Sie haben die Ressourcen und müssen uns geben, was wir brauchen“, urteilt einer der Offiziere. (nbe)

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