Militärexperte befürchtet Dominoeffekt

Lässt Putin Charkiw links liegen? Selenskyj nennt neues „Hauptziel“ Pokrowsk

  • Michael Kister
    VonMichael Kister
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Nach Aussage von Präsident Selenskyj ist der russische Angriff auf Charkiw gescheitert. Aber Putins Truppen bewegen sich auffallend zügig auf Pokrowsk zu.

Charkiw – Die ersten sechs F-16 aus den Niederlanden sollen in der Ukraine eingetroffen sein, doch die militärische Initiative liegt im Ukraine-Krieg aktuell eindeutig bei Russland. Seit Jahresbeginn haben die Streitkräfte von Wladimir Putin 1.246 Quadratkilometer Boden eingenommen, was mehr als doppelt so viel ist wie im gesamten Jahr 2023. Im Mai begannen sie eine neue Offensive gegen Charkiw, um die zweitgrößte ukrainische Stadt in Reichweite ihrer Rohrartillerie zu bringen. Dieser Vorstoß scheint allerdings vergeblich gewesen zu sein und ihre größten Geländegewinne machen die Russen nun anderswo.

Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte am Donnerstag (1. August) in einem Gespräch mit französischen Journalisten, dass die Einnahme Charkiws durch russische Truppen gescheitert und seines Wissens „nicht mehr möglich“ sei. Stattdessen habe „sich das Hauptziel verlagert“, denn „ihr Hauptaugenmerk liegt nicht mehr auf dem gesamten Osten.“ Stattdessen, so Selenskyj weiter, seien „die Pokrowsker Front und die Stadt Pokrowsk“ heute „ihre Hauptziele“.

Wolodymyr Selenskyj zufolge liege das russische Hauptaugenmerk nun auf der Pokrowsker Front. Militärexperten bestätigen das.

Selenskyj: Charkiw-Offensive gescheitert – russisches „Hauptziel“ nun Pokrowsk

Ähnlich äußerte sich auch der Militärexperte Franz-Stefan Gady gegenüber dem Spiegel. Die Offensive bei Charkiw diene aktuell nur noch dazu, ukrainische Einheiten zu binden, wobei der Hauptfokus der Russen Gady zufolge mittlerweile auf der Achse zwischen Tschassiw Jar und Pokrowsk liege. An die 400 Quadratkilometer, etwa ein Drittel der bisherigen Jahresgewinne, eroberten Putins Truppen laut der Süddeutschen Zeitung an diesem Frontabschnitt in den vergangenen Wochen.

Das schwer umkämpfte Gebiet befindet sich in der Oblast Donezk, die Russland eigentlich bereits vollständig annektiert hat. Putin würde seinem Minimal-Kriegsziel, den Donbass zu kontrollieren, einen entscheidenden Schritt näher kommen, wenn seine Truppen hier weiter erfolgreich Boden gut machen. Alleine in den letzten zwei Wochen stießen sie acht Kilometer auf Pokrowsk vor.

An einem Tag 55 russische Angriffe an der Pokrowsker Front

Der Wert der Stadt liegt darin, dass sie ein insbesondere für die Versorgung von Kostjantyniwka vitales Logistik-Zentrum ist. Kostjantyniwka stellt wiederum den nächsten Schlüsselpunkt in der ukrainischen Verteidigung dar, dessen Fall den Weg zu den letzten beiden, in ukrainischer Hand verbliebenen Großstädten im Donbass öffnen würde: Kramatorsk und Slowjansk.

Die Intensität der Kämpfe an der Pokrowsker Front wird anhand der Zahl von Gefechten deutlich, die dort täglich stattfinden, insbesondere, wenn man sie mit anderen Kampfgebieten vergleicht. Laut dem Generalstab der ukrainischen Streitkräfte trugen russische Truppen an der Charkiw-Front gestern sieben Attacken vor, während die Ukrainer bei Pokrowsk 55 Vorstöße zurückwarfen. Der Frontabschnitt mit den zweitmeisten Gefechten (26) war jener um Torezk, einer Stadt, die zwischen Pokrowsk und Tschassiw Jar liegt.

Ausgedünnte ukrainische Einheiten laufen Gefahr, überrant zu werden

Immer wieder kommt es vor, dass der rapide Vorstoß russischer Truppen einzelne ukrainische Einheiten in Gefahr bringt, eingekesselt zu werden. Solche Situationen entstehen aus hastigen, erzwungenen Rückzügen der Ukrainer, die nicht zuletzt darauf zurückzuführen sind, dass ihre Reihen schwer ausgedünnt sind und eine übliche Rotation kaum möglich ist. Auch Präsident Selenskyj erkannte im heutigen Gespräch mit den französischen Journalisten an, dass es an Männern und Material fehle, weil man Reserven bilden müsse.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

„Wenn den Russen immer wieder kleinere Durchbrüche gelingen, kann das schließlich zu einem Dominoeffekt führen“, erklärte der österreichische Militärexperte Oberst Markus Reisner gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Es bestehe die Gefahr, so Reisner, dass ukrainische Stellungen an den Flanken umfasst würden: Dann könne es sehr schnell gehen.

Rubriklistenbild: © Alexei Nikolsky/dpa