Politisches Beben in Thüringen

Landtagswahl in Thüringen: CDU und Linke auf Koalitionssuche – Wagenknecht-Partei bereit

  • Nils Thomas Hinsberger
    VonNils Thomas Hinsberger
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In Thüringen liegt die AfD in Umfragen deutlich auf dem ersten Platz. Die CDU schließt eine Koalition mit der Linken aus – Nicht aber mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht.

Erfurt – Rund zweieinhalb Monate vor der Landtagswahl in Thüringen wird schon über mögliche Koalitionen diskutiert. Der amtierende Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) und die CDU haben eine Zusammenarbeit mit der Thüringer AfD unter Björn Höcke kategorisch ausgeschlossen. Im Fokus für mögliche Koalitionen steht nun eine neue Partei: das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW)

CDU lehnt Zusammenarbeit mit der Linken ab – Ramelow irritiert

„Es gibt nur eine Partei, mit der ich nicht zusammenarbeiten werde, und das ist die AfD“, sagte Ramelow gegenüber der Rheinischen Post. Alle anderen Parteien kämen für ihn potenziell infrage – auch die CDU. Damit stellt der Thüringer Regierungschef ein Ende der aktuellen Koalition aus Linken, SPD und Grünen in Aussicht. Doch die CDU scheint an einer gemeinsamen Regierung mit den Linken nicht interessiert zu sein.

Thüringens CDU-Chef Mario Voigt hatte sowohl eine Zusammenarbeit mit der AfD als auch mit der Linken ausgeschlossen. Im ZDF sagte er Anfang April jedoch, dass eine Zusammenarbeit mit dem BSW nicht von vorneherein ausgeschlossen werde. Das BSW habe in Sachen Migrations- oder Wirtschaftspolitik „mehr Realitätssinn“ als die Linke oder die Grünen, sagte Voigt in der Sendung „Markus Lanz“. „Und deswegen gucke ich mir erstmal an, was die programmatisch wollen. Also ausschließen tue ich das nicht.“

Für das BSW sehen die Umfragen in Thüringen sehr gut aus. Sowohl die Linke, als auch die CDU schließen eine Zusammenarbeit mit der Partei der Ex-Linken Sahra Wagenknecht nicht aus.

Ramelow reagierte auf diese Aussage mit reichlich Unverständnis. Er kritisierte gegenüber der Rheinischen Post und dem General-Anzeiger, dass die CDU nicht mit der Linken koalieren wolle, weil diese eine SED-Vergangenheit habe. „Mit Frau Wagenknecht schon. Dabei kommt sie nun wirklich original aus dieser Denke. Ich war keinen Tag in der SED“, so Ramelow.

Umfrage sieht AfD in Thüringen auf Platz eins – Ramelow könnte als Ministerpräsident abdanken

In einer Wahlumfrage von Infratest dimap im Auftrag des mdr vom 18. Juni steht die AfD bei der Landtagswahl in Thüringen klar auf Platz eins. 28 Prozent aller Befragten würden dem vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingeordneten Landesverband ihre Stimme geben. Ganze fünf Prozentpunkte trennen sie in der Umfrage von der CDU auf dem zweiten Platz. Das BSW legt einen Senkrechtstart hin und käme aus dem Stand auf 21 Prozent, wenn nächsten Sonntag Landtagswahl wäre. Die Linke muss schwere Verluste hinnehmen und fällt in der Wählergunst um 5 Prozentpunkte auf 11 Prozent aller Stimmen.

Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ will die deutsche Politik prägen

Die Partei von Sahra Wagenknecht heißt wie sie. Das ist nur folgerichtig, denn der Name ist erst mal auch das Programm. Nach dem Eintritt in die DDR-Staatspartei SED 1989 war Wagenknecht über Jahrzehnte eines der bekanntesten Gesichter der Folgeparteien PDS und Die Linke. Die studierte Philosophin mit Doktortitel im Fach Wirtschaft ist ein gern gesehener Gast in den diversen Talkshows der TV-Sender. Nach jahrelangem Streit mit der Linken trat die Bestsellerautorin im Oktober 2023  aus und kündigte die Gründung einer eigenen Partei an.
Amira Mohamed Ali hat zusammen mit Sahra Wagenknecht den BSW-Vorsitz inne. Die Rechtsanwältin, die 1980 in Hamburg geboren wurde, ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages. Dort war sie von November 2019 bis Oktober 2023 zusammen mit Dietmar Bartsch Fraktionsvorsitzende der Linken. 2019 sprach sich die Tochter eines Ägypters und einer Deutschen in einem Interview für offene Grenzen aus und lehnte Abschiebungen grundsätzlich ab. Im Jahr 2023 plädierte sie dafür, die (Wirtschafts-)Migration nach Deutschland zu begrenzen. Zudem sprach sie sich dafür aus, Asylverfahren zu beschleunigen und diese an der Außengrenze oder sogar in Drittstaaten durchzuführen.
Ein Coup ist die Einbindung von Thomas Geisel in das „Bündnis Sahra Wagenknecht“. Am BSW-Gründungstag trat der frühere Oberbürgermeister von Düsseldorf aus der SPD aus. Von seiner Ex-Partei verabschiedete er sich mit den Worten, seine „sozialdemokratischen Grundsätze“ seien im BSW eher vertreten als in der SPD. Sein Wechsel sorgt bei seiner alten Partei für Kopfschütteln. Die NRW-SPD übte jedenfalls massive Kritik am Wechsel zur Wagenknecht-Partei. Geisel habe sich nach seiner Amtszeit verannt, sagte Generalsekretär Frederick Cordes dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Mit seiner Kandidatur stelle er sich selbst ins Abseits und lasse zu, dass auf seine erfolgreiche Amtszeit als Düsseldorfer Oberbürgermeister fortan ein Schatten liegen werde.
Neben Thomas Geisel ist Fabio De Masi einer der beiden BSW-Spitzenkandidat für die Europawahl 2024. De Masi, 1980 in Groß-Gerau geboren, ist das Kind eines italienischen Gewerkschaftsmitglieds und einer deutschen Sprachdozentin. Sein Großvater väterlicherseits war ein Partisan im Piemont, der für die Befreiung Italiens vom Faschismus kämpfte. Von 2005 bis 2014 war der Finanzpolitiker als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag tätig, unter anderem für Sahra Wagenknecht.
Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ will die deutsche Politik prägen

Im Angesicht dieser Wahlumfragen muss Ramelow um seinen Posten als Ministerpräsident fürchten. „Wenn jemand anderes deutlich vor uns liegt, hat dieser den Auftrag, und ich werde ihn dabei unterstützen“, so Ramelow im Gespräch mit der Rheinischen Post und dem General-Anzeiger. Er sehe „im Moment keine erkennbaren Mehrheiten nach einem verlässlichen Muster“.

Wagenknecht will Ministerpräsidentin in Thüringen stellen – „Bringt mit, was es braucht“

Wagenknecht scheint angesichts der Umfragen zuversichtlich, mit in die Regierung zu gehen. „Wir sind in der Lage, zu regieren. Wir haben in den Ländern sehr kompetente Leute. Ich habe keinen Zweifel, dass wir gute Persönlichkeiten haben, die Aufgaben in einer Landesregierung übernehmen können“, sagte Wagenknecht gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Und nicht nur das: Die Ex-Linke hofft sogar auf eine BSW-Ministerpräsidentin in Thüringen. Katja Wolf, ehemalige Linken-Oberbürgermeisterin von Eisenach, habe langjährige administrative Erfahrung – im Gegensatz zu CDU-Landeschef Voigt. „Sie bringt mit, was es für das Amt als Ministerin oder auch Ministerpräsidentin braucht – wenn wir stärker als die CDU werden, was natürlich das Beste wäre.“ (nhi)

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