Russische Bedrohung

Nato-Drohnenwall gegen Putin? Experten zeigen sich skeptisch

  • VonJan-Frederik Wendt
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Um Putin schnell abzuschrecken, sprechen sich Sicherheitsexperten für einen Drohnenwall aus. Allerdings birgt dieser Plan einige Risiken.

Berlin – Mit Beginn des Ukraine-Krieges haben Drohnen das moderne Schlachtfeld revolutioniert. Die Nato-Staaten wollen die Waffentechnologie zur Abschreckung und im Ernstfall zur Verteidigung gegen das imperialistische Russland unter Präsident Wladimir Putin nutzen. Die Frage ist nur: in welchem Ausmaß?

Vor allem Rüstungskonzerne plädieren für einen „Drohnenwall“ an der Nato-Ostflanke, beispielsweise Gundbert Scherf, Mitbegründer und Co-Vorstandsvorsitzender des Münchener Rüstungsunternehmens Helsing, im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Ein Drohnenwall sei schnell aufgebaut und könne Feinde bekämpfen, aber eigene Soldaten durchlassen. Ein Drohnenwall könne Minenfelder ersetzen. Scherf spricht sich für asymmetrische Kriegstechnologien wie Drohnen aus, weil eine Vielzahl an klassischen Systemen nicht mehr notwendig sei.

Drohnenwall an der Nato-Ostflanke besäße zahlreiche Schwachpunkte

Diesen Plan kritisieren Analysten des sicherheitspolitischen Online-Fachmagazins Hartpunkt. Rüstungsunternehmen erweckten den Eindruck, dass die Nato mit einem einfach und günstigen Drohnenwall mit hoch entwickelten Aufklärungs- und bewaffneten Drohnen ein großes Gebiet mit vergleichsweise wenig Personal schützen kann. Aber: In der Praxis zeigten sich viele Schwäche an diesem Konzept.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Laut den Hartpunkt-Analysten werden die Fähigkeiten eines Drohnenwalls überschätzt. Zwar seien Drohnen ein wichtiger Bestandteil in der künftigen Kriegsführung, aber die moderne Technologie könnten ältere konventionelle Systeme wie Artillerie und Panzer nicht ersetzen.

Obwohl der Drohneneinsatz zu zahlreichen Verlusten auf beiden Seiten in der Ukraine geführt hat, müsse dies nicht bedeuten, dass Drohnen den Artilleriesystemen überlegen seien. Dass im Ukraine-Krieg vergleichsweise viele Verluste durch Drohnen entstehen, liege auch daran, dass Russland und die Ukraine weniger Artilleriemunition besitzen als sie gerne hätten. Die Vorteile von Artilleriegeschossen liegen auf der Hand: Die Munition entwickelt mehr Feuerkraft und fliegt deutlich schneller als propellergetriebene Fluggeräte.

Im Kampf gegen Putins Russland: Drohnen sind nicht allmächtig

Trotz ihrer Omnipräsenz seien Drohen nicht allmächtig. Immer wieder werde behauptet, dass Drohnen quasi jede Bewegung des Gegners sichtbar machen und Überraschungsangriffe im sogenannten gläsernen Gefechtsfeld unmöglich sind. Das Gegenteil bewiesen einige Attacken wie die ukrainische Offensive in der westrussischen Grenzregion Kursk im August 2024. Dass Aufklärungsdrohnen an ihre Grenzen stoßen, zeige auch, dass Russland zur Aufklärung ukrainischer Stellungen immer wieder Soldaten einsetze.

Angriff auf das große Geld: Die Helsing-Drohne HX-2 wird demnächst von der Bundeswehr getestet, der Vorgänger läuft schon seit einigen Monaten einigermaßen erfolgreich in der Ukraine.

Drohnen stießen wie jede Technologie an physikalische Grenzen, vor allem bei schlechten Wetterbedingungen. Nebel, tief hängende Wolken, starke Winde und extreme Kälte schränkten den Einsatz signifikant ein. Aus diesem Grund besäße ein Nato-Drohnenwall enorme Verteidigungslücken. Zudem entwickelten Unternehmen und Armeen immer wieder Drohnenabwehrsysteme. Im schlimmsten Fall könnte ein heute entwickelter Drohnenwall in der nahen Zukunft ein geringes Hindernis für Angreifer darstellen.

Die Nato könne ihre Grenzen ergänzend mit Drohnen schützen, aber nicht auf klassische Kriegsmittel verzichten, schlussfolgern die Hartpunkt-Analysten. Drohnen alleine könnten keinen Krieg entscheiden. Ein Drohnenwall weitgehend bestehend aus umbenannten Systemen sei ohne Artillerie, Panzer sowie genügend Soldatinnen und Soldaten mehr als riskant. (Jan-Frederik Wendt)

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