„Willkürlicher Zeitpunkt“

Ukrainische Offensive gerät ins Stocken: Experten sehen Schuld bei NATO

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Die NATO trägt Mitschuld an den Problemen der Gegenoffensive ukrainischer Streitkräfte, so Militärexperten. Vor allem ein Aspekt gerät in die Kritik.

Kiew – Der ukrainische Gegenangriff verläuft nicht nach Plan. Internationale Militärexperten machen dafür auch den Zeitplan der NATO verantwortlich. Der ukrainische Präsident Wolodomyr Selenskyj sagte, der langsame Fortschritt der ukrainischen Gegenoffensive in Kiew zeige, dass die Realität des Krieges kein Hollywood-Film sei: Der Vorstoß sei „langsamer als gewünscht“ gewesen.

Ist es ein Nato-Flop? Warum die Ukraine-Gegenoffensive so hartnäckig lahmt

Nach Berichten des Nachrichtenportals Newsweek wächst die Besorgnis darüber, dass die Ukraine ihre militärischen Entscheidungen aufgrund eines westlichen Zeitplans trifft. Konkret geht es dabei um Ergebnisse im Ukraine-Krieg, die vor dem Nato-Gipfel in Vilnius in diesem Monat erwartet wurden: „Der Zeitpunkt der Sommeraktion wurde von willkürlichen NATO-Zeitplänen bestimmt, nicht von der Ukraine“, sagte der Militäranalyst Allan Orr gegenüber dem US-amerikanischen Nachrichtenmagazin.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Gegenoffensive 2023 bleibt weit hinter Erwartungen zurück: „langsamer als gewünscht“

Die Geschwindigkeit, mit der die Ukraine im vergangenen Jahr nördlich von Kiew kurz nach der umfassenden Invasion Russlands und dann im September in den Oblasten Cherson und Charkiw Fortschritte machte, weckte die Erwartung, dass Kiews jüngster Vorstoß eine ähnliche Menge russisch besetzter Gebiete zurückerobern könnte. Die vor mehr als sieben Wochen begonnene Offensive hat laut Kiew jedoch zur Rückeroberung von „nur“ 80 Quadratmeilen und acht Siedlungen geführt. Zum Vergleich: Die Offensive zwischen dem 6. September und dem 2. Oktober im vergangenen Jahr führte zur Befreiung von 4.600 Quadratmeilen.

Man kann mit Recht sagen, dass es für die Ukraine nicht so reibungslos läuft, wie sie es gerne hätte.

Glen Grant, Militäranalyst und Berater der ukrainischen Streitkräfte

Militäranalyst: NATO trägt Mitschuld an der schleppenden Gegenoffensive

Während es zahlreiche Gründe für diesen relativen Mangel an Erfolg gibt, darunter die Stärke der russischen Verteidigung, verweisen einige Experten auf einen weniger offensichtlichen Einfluss: die NATO. Das Bündnis habe eine willkürliche Frist für den Gegenangriff gesetzt und es dann versäumt, die ukrainischen Streitkräfte vollständig auf die Durchführung vorzubereiten.

„Man kann mit Recht sagen, dass es für die Ukraine nicht so reibungslos läuft, wie sie es gerne hätte“, so Glen Grant, ein Militäranalyst, und Berater der ukrainischen Streitkräfte, gegenüber Newsweek. Auch Selenskyj selbst gab zu, dass der Vorstoß „langsamer als gewünscht“ gewesen sei.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj winkt, als er den Nato-Gipfel in Vilnius verlässt.

Zu wenig Zeit, zu wenig Ressourcen – NATO hat von der Ukraine „zu viel verlangt“, kritisieren Experten

Allan Orr sagte, dass es „zu viel verlangt“ sei, die ukrainischen Streitkräfte dazu zu drängen, innerhalb von sechs Monaten von der Guerilla-Verteidigung zur konventionellen Offensive überzugehen. Außerdem sei er der Ansicht, dass die NATO die Ukraine weder ausreichend mit Ressourcen ausgestattet hat, noch Kiew genügend Zeit gegeben habe, sich mit der Ausrüstung, die sie Kiew zur Verfügung gestellt hat, vertraut zu machen. Tatsächlich ist das Problem des mangelnden Nato-Nachschubs kein neues.

Ein Mangel an Jets der vierten Generation, begrenzte HIMARS (Mehrfachraketenwerfer-Artilleriesysteme) und die verspätete Ankunft von Panzern hätten dazu beigetragen, dass die ukrainischen Streitkräfte nicht in der Lage seien, gut vorbereitete russische Verteidigungslinien zu durchdringen, so der Militärexperte.

Das Institut für Kriegsforschung mit Sitz in Washington sagte am Sonntag, dass es zu früh sei, die Gegenoffensive der Ukraine zu bewerten. Kiew verfüge immer noch über beträchtliche freie Kräfte und sei in der Lage, entscheidende Operationen zu starten, wann und wo es wolle. Es gebe auch Unterschiede auf dem Schlachtfeld zwischen der jüngsten Offensive und denen der letzten Jahre.

„Es ist eine Sache, in der Defensive zu sein, wenn man einen Schützengraben hat und von einem einfach nur verlangt wird, zu überleben“, kommentiert der frühere Oberst und Militärstratege Glen Grant. „Wenn von einem tatsächlich verlangt wird, ins vernichtende Feuer zu gehen, dann erfordert das eine ganz andere Art von Charakter“.

Rubriklistenbild: © Pavel Golovkin/AP/dpa