Debatte um Frauen und Ältere

Neue Wehrpflicht – wer muss vielleicht bald zur Musterung?

  • Stephanie Munk
    VonStephanie Munk
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Um „glaubwürdig“ auf die Bedrohung durch Russland zu reagieren, fordert die Union die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Die Details sind jedoch umstritten.

Update 4. April, 11.41 Uhr: Aus Sicht von Roderich Kiesewetter führt „kein Weg“ an einem Pflichtdienst – auch für Frauen – vorbei. „Wir haben einen Personalbedarf von mindestens 460.000 Soldaten sowie militärischer und ziviler Reserve – nur um die Nato-Zusagen zu erfüllen“, sagte der CDU-Verteidigungspolitiker jetzt dem Focus. Statt der alten Wehrpflicht stellt sich Kiesewetter für die Zukunft aber einen „Gesellschaftsdienst“ vor, der sich „auf den Dienst im Bevölkerungsschutz“ konzentriere, erläuterte er.

Neue Wehrpflicht – wer muss vielleicht bald zur Musterung?

Erstmeldung: Berlin – In Deutschland werden wahrscheinlich bald wieder Einladungen zur Musterung für die Bundeswehr verschickt. Nur: Wer die Bescheide bekommen wird – nur junge Männer, auch Frauen, oder gar alle bis zum Rentenalter – das gilt noch zu klären bei den laufenden Koalitionsverhandlungen von Union und SPD.

Wehrdienst wird wohl in Deutschland wieder eingeführt – wer ist betroffen?

Die Debatte um die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland ist jedenfalls da. In den geleakten Koalitionspapieren von Schwarz-Rot ist sie Thema. Der Punkt ist mit der Anmerkung „nicht geeint“ markiert. Einig sind sich die Union um Friedrich Merz und die SPD um Lars Klingbeil zwar, dass irgendeine Form eines neuen Wehrdienstes kommen soll. Nur wie sie ausgestaltet sein, für wen sie gelten soll und welche Alternativen für einen Dienst es geben wird, darüber gibt es noch keinen Konsens.

Nato: Die wichtigsten Kampfeinsätze des Verteidigungsbündnisses

Seit ihrer Gründung am 4. April 1949 hat sich die Rolle des Nordatlantik-Pakts Nato stark verändert. Aus dem Bündnis, das  vorrangig der Verteidigung diente, wurde in den 1990ern eine global eingreifende Ordnungsmacht. Ihren ersten Kampfeinsatz leistete die Nato, deren Hauptquartier sich seit 1967 in Brüssel befindet, im Jahr 1995.
Ihren ersten Kampfeinsatz startete die Nato am 30. August 1995 mit der Operation „Deliberate Force“ gegen serbische Freischärler im ehemaligen Jugoslawien. Offiziell trat die Nato dabei nur als eine Art bewaffneter Arm der UN-Mission im Land auf. Beteiligt waren 5000 Soldaten aus 15 Ländern mit 400 Flugzeugen, darunter 222 Kampfflugzeugen. 54 dieser Maschinen, die rund um die Uhr von drei Flugzeugträgern und 18 Luftwaffenstützpunkten in Europa losflogen, waren F-16 Fighting Falcon (im Bild).
Bei der Operation kam es zum ersten Kampfeinsatz der deutschen Luftwaffe seit dem Zweiten Weltkrieg. 14 deutsche Tornado-Kampfflugzeuge flogen von Piacenza aus 65 Einsätze. 
Nach dem Abzug der schweren Waffen durch die Serben und einer Garantie für die verbliebenen Schutzzonen wurde die Luftoperation am 21. September 1995 beendet. Nato-Befehlshaber Leighton Smith (Mitte) und UN-Balkankommandant Bernard Janvier (rechts) konnten sich schon am Tag davor am Flughafen von Sarajevo als Sieger fühlen.
Die Nato-Streitkräfte waren auch im Kosovo-Krieg im Einsatz. Anlass für den Angriff der Nato im Rahmen der Operation „Allied Force“ war die Nichtunterzeichnung des Vertrags von Rambouillet durch den serbischen Präsidenten Slobodan Milošević (rechts, hier mit dem damaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer). Offizielles Hauptziel war, die Regierung Miloševićs zum Rückzug der Armee aus dem Kosovo zu zwingen.
Nato: Die wichtigsten Kampfeinsätze des Verteidigungsbündnisses

Neue und alte Wehrpflicht? Union um Merz plant Musterung für alle jungen Männer

Die Union mit dem wohl künftigen Kanzler Merz will laut dem geleakten Koalitionspapier, dass die Aussetzung der alten Wehrpflicht aufgehoben wird. Das würde bedeuten, dass wieder – wie vor 2011 - alle jungen Männer bis zu ihrem 18. Geburtstag einen Musterungsbrief bekommen.

Eine Aufstockung der Bundeswehr sei dringend geboten wegen der „massiven Bedrohungslage“, zum Beispiel durch Russland, so die Haltung der Union. Gegenüber Russlands Machthaber Putin und anderen Aggressoren brauche es eine „glaubwürdige Abschreckung“. Russland führt seit drei Jahren Krieg in der Ukraine. Teils wird befürchtet, dass Putin möglicherweise vor Angriffen auf andere europäische Länder nicht zurückschrecken wird.

Die Wehrpflicht muss laut CDU/CSU deshalb wieder eingeführt werden, wohl in ähnlicher Form, wie es sie in Deutschland schon einmal gab: Junge Männer sollen entweder ein Jahr lang in der Bundeswehr für den Kriegsfall trainieren, oder aber einen Zivildienst in einer sozialen Einrichtung ableisten.

Kommt die Wehrpflicht in Deutschland zurück? Rekrutinnen und Rekruten bei einem feierlichen Gelöbnis der Bundeswehr.

Wehrpflicht für Frauen: Grundgesetzänderung als Hürde – SPD setzt auf freiwilligen Dienst

Und was ist mit den Frauen? Freiwillig in der Bundeswehr dienen können diese heute schon. Doch sie zu einem Wehrdienst zu verpflichten, hat Hürden: Es bräuchte dafür eine Änderung des deutschen Grundgesetzes. Dem müsste der Bundestag und der Bundesrat mit einer Zweidrittelmehrheit zustimmen. Da AfD und Die Linke jedoch im neu gewählten Bundestag über eine Sperrminorität verfügen und beide gegen die Wehrpflicht sind, besteht darauf keine realistische Chance.

Das ist wohl auch einer der Gründe, weshalb die SPD beim Wehrdienst weiter auf Freiwilligkeit setzen will. Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte schon vor der Bundestagswahl ein neues Konzept für einen Dienst gefordert, den „Neuen Wehrdienst“. Frauen und Männer ab 18 Jahren soll eine Art Musterung-Fragebogen zugesandt werden, mit Fragen zu körperlicher Fitness und Motivation. So sollen die jungen Leute für einen eventuellen Dienst in der Bundeswehr sensibilisiert werden. Verpflichtet, zu antworten, wären aber nur die Männer.

Die SPD stellt darüber hinaus einen „neuen attraktiven Dienst für alle Bürgerinnen und Bürger“ in den Raum, ohne konkreter zu werden. Details soll „eine breite gesellschaftliche Diskussion“ bringen.

Grünen wollen Dienstpflicht für alle bis 67 Jahre

Die Grünen überraschten am Wochenende mit einem eigenen Vorschlag zu einer neuen Dienstpflicht in Deutschland. Sie soll nicht nur junge Menschen betreffen, sondern alle Bürger bis 67 Jahren, also bis zum Rentenalter. Die sollen allesamt zu sechs Monaten Dienst verpflichtet werden, entweder bei der Bundeswehr, bei der Feuerwehr, beim Zivilschutz oder in einer sozialen Einrichtung. Wer dies schon getan hat, soll befreit sein. Die Grünen-Landtagsfraktion in Bayern brachte diesen Vorschlag zur Dienstpflicht ein und stieß teils auf Lob, teils auf Skepsis.

Eine Dienstpflicht für alle hätte aber ebenfalls die rechtliche Hürde einer Grundgesetzänderung und damit Zweidrittelmehrheit im Bundestag. Bei der alleinigen Einführung der Wehrpflicht wäre dem nicht so. Denn: der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hatte sie 2011 nur ausgesetzt, nicht abgeschafft. Sie wäre daher unkomplizierter wieder einzuführen – weshalb wohl Merz, der ohnehin mit vielen Hürden bei der Schaffung einer Koalition zu kämpfen hat, auf dieses Modell setzt. (smu)

Rubriklistenbild: © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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