„Ein sehr sensibles Thema“

Nordkoreas Brigaden im Diensten Putins – Reaktion aus Südkorea erwartet

  • Nail Akkoyun
    VonNail Akkoyun
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Es mehren sich die Hinweise auf den Einsatz von Nordkorea-Soldaten in der Ukraine. Wie reagieren Südkorea und der Westen darauf? Zwei Fachleute geben Auskunft.

Pjöngjang/Seoul – Unter russischer Fahne und mit falscher Identität sollen sie in der Ukraine kämpfen: bis zu 12.000 Soldaten aus Nordkorea stehen Berichten zufolge seit kurzem im Dienst von Wladimir Putin und dessen Armee. Die Brigaden von Diktator Kim Jong-un auf europäischem Boden lassen die Sorgen vor einer weiteren Eskalation im Ukraine-Krieg daher noch weiter steigen. Auch in Asien nimmt man die Militärkooperation zur Kenntnis; Erzfeind Südkorea spielt daher wenig überraschend mit dem Gedanken, statt Artilleriegranaten nun auch weitere Waffen an Kiew zu liefern.

Da interessiert es wenig, dass Moskau die Berichte, die sich unter anderem auf Satellitenaufnahmen berufen, zurückweist. Denn dass der Kreml sich nicht viel aus Tatsachen macht, wurde in den vergangenen zweieinhalb Jahren zur Genüge bewiesen. Auch Dr. Takuma Melber betont im Gespräch mit IPPEN.MEDIA, „dass es uns in dieser Sache vor allem noch an gesicherten Informationen mangelt“. Die Zusammenarbeit dürfe aber niemanden überraschen, so der Asien- und Militärexperte der Universität Heidelberg.

Kims und Putins Militärpaket: Nordkorea könnte russische Grenzregion Kursk gegen Ukraine verteidigen

Putin und Kim haben im Juni nicht nur eine enge militärische Zusammenarbeit vereinbart, sondern auch einen Beistand für den Fall von Angriffen von außen. Deshalb könnten nordkoreanische Soldaten etwa bei der Verteidigung des von ukrainischen Truppen überfallenen russischen Gebiets Kursk zum Einsatz kommen. Die ukrainische Armee hält im Raum Kursk seit Anfang August Dutzende Orte besetzt, um den den russischen Invasoren in deren Krieg eigene Eroberungen entgegenzusetzen.

„Die nordkoreanische Seite hat diesen Pakt auch als Reaktion auf die amerikanisch-südkoreanische Militärzusammenarbeit dargestellt, die von Pjöngjang aber nicht mit einem Krieg gleichgesetzt wird“, sagt Melber. Der südkoreanische Präsident Yoon Suk-yeol habe derweil „eine Dringlichkeitssitzung mit seinen wichtigsten Militärs und Geheimdienstmitarbeitern einberufen und betont, dass Südkorea bedroht sei, aber auch die internationale Gemeinschaft allgemein“.

Zeremonie zum offiziellen Treffen zwischen Wladimir Putin und Kim Jong-un auf dem Kim-Il-Sung-Platz im Juni. (Archivfoto)

Ukraine-Krieg: Experte zu Südkorea-Reaktion auf Truppen aus Nordkorea – „Kein Stellvertreterkrieg“

Doch wie könnte eine Reaktion aus Südkorea aussehen, von Waffenlieferungen an die Ukraine mal abgesehen? Von einem „Stellvertreterkrieg“ will Melber nicht sprechen. „Für mich ist es kein Stellvertreterkrieg, da ja Russland als kriegsauslösende Partei aktiv von Beginn an in diesen Krieg involviert ist“. Zudem sehe Melber nicht, „dass Südkorea Truppen zur Unterstützung der Ukraine entsenden wird“. Sollte Südkorea jedoch mit weiteren Waffenlieferungen reagieren, „wird eine offizielle Reaktion aus Nordkorea kaum ausbleiben, denke ich“, so der Experte.

Dann könne Kim „den Spieß medial und propagandistisch sogar umdrehen“, um den Einsatz eigener Truppen in der Ukraine vor dem eigenen Volk zu rechtfertigen. „Nach dem Motto: ‚Seht her, der ideologische Feind unterstützt die Ukraine mit massiven Waffenlieferungen und greift unseren Bündnispartner Moskau an, wir springen diesem dem geschlossenen Verteidigungsbündnis entsprechend nun zur Seite.‘“

Grundsätzlich handele es sich um „ein sehr sensibles Thema“, weshalb Südkorea die nächsten Schritte „sehr wohlüberlegt“ und „weiterhin in Absprache mit dem Westen“ unternehmen werde.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Nordkorea-Brigaden in der Ukraine? Kim könnte „massive Gegenleistung“ von Putin einfordern

Auch Dr. Eric Ballbach hebt hervor, dass noch unklar sei, ob es sich bei nordkoreanischen Brigaden „um Kampftruppen oder beispielsweise um Techniker, Raketenexperten oder Logistiker handelt“. Sollten sich jedoch tatsächlich Kampftruppen aus Nordkorea am Ukraine-Krieg beteiligen, „so wäre dies in mehrerlei Hinsicht eine signifikante Entwicklung“, sagt der Korea-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik gegenüber IPPEN.MEDIA.

Dutzenden Berichten nach liefert Nordkorea seit geraumer Zeit Waffen und Munition an Russland, doch zwischen der „Entsendung von Soldaten für das aktive Kriegsgeschehen“ und Waffenlieferungen sei ein gewaltiger Unterschied. Laut Ballbach könnte Kim in diesem Fall „eine massive Gegenleistung“ von Putin einfordern – wie zum Beispiel die Unterstützung beim nordkoreanischen Nuklearprogramm.

Nicht von ungefähr sendet Südkorea kommende Woche eine Delegation nach Brüssel, um mit der Nato zu beraten. Dabei werde es wohl nicht nur „um den verbesserten Austausch von Geheimdienstinformationen“ geben, sondern auch um eventuelle Waffenlieferungen an die Ukraine. Das Thema sei zwar „höchst sensibel“, aufgrund der immer engeren militärischen Verflechtung zwischen Russland und Nordkorea aber „zumindest immer denkbarer“, so Ballbach. Auch Melber glaubt: „Es könnte zu einem weiteren Aufrüsten und zu einer Verstärkung der Waffenlieferungen kommen.“

Konflikt zwischen Süd- und Nordkorea: Kim will laut Asien-Experte keine direkte Konfrontation

Doch auch von Pjöngjang erwartet Melber Vorsicht: „Keines der beiden Länder – weder Südkorea noch Nordkorea – wird leichtfertig den aktuellen Status quo im koreanischen Konflikt aufgeben wollen.“ Noch heute feiere Kims Regime öffentlich das Waffenstillstandsabkommen von 1953, wenn auch als „Tag des Sieges“. Eine direkte Konfrontation mit dem Erzfeind aus dem Süden werde daher „auch Kim nicht wollen“.

Vielmehr gehe es dem Diktator darum, „international eine gewisse Rolle innezuhaben“, so Melber. Und mit einer möglichen Wiederwahl von Donald Trump zum US-Präsidenten „könnte es eben passieren, dass Kim so erneut hofiert und damit aufgewertet wird“, ohne dass Washington sich damit groß in den Korea-Konflikt einmischen würde. Allerdings wäre das „dann mehr Show als Politik“ von Trump.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj fand bereits am Sonntagabend (20. Oktober) deutliche Worte für die „bösartige Allianz“ zwischen Russland und Nordkorea. Es handele sich um eine „gefährliche Kooperation“, die den Ukraine-Krieg nur verlängern werde. „Wir müssen reagieren und gegensteuern. Wir dürfen nicht zulassen, dass das Böse weiter zunimmt“, sagte Selenskyj in einer Videobotschaft. (nak)

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