Völkerrechtswidrige Double-Tap-Taktik

Biden nach verheerendem Poltawa-Angriff: umgehende Waffen-Lieferung angekündigt – „abscheulich“

  • Michael Kister
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In Poltawa kommt es zum verlustreichsten russischen Luftschlag dieses Jahres. US-Präsident Biden verurteilt den Angriff und verspricht mehr Waffen.

Washington, DC – US-Präsident Joe Biden hat den jüngsten russischen Luftangriff im Ukraine-Krieg scharf verurteilt und weitere Waffenlieferungen angekündigt. Am Dienstag schlugen nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj zwei ballistische Raketen in der 300.000-Einwohner-Stadt Poltawa ein, die rund 200 Kilometer von der Grenze zu Russland liegt. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (DPA) erfolgte die russische Attacke mutmaßlich mit Iskander-Raketen. Hauptziele waren ein Gebäude des Militärinstituts für Telekommunikation und Informatisierung sowie ein Krankenhaus. Daher sollen unter den 51 Toten und 271 Verletzten, die Selenskyj gestern Abend nannte, viele Soldaten sein.

Biden ließ verlautbaren, dass er „diesen abscheulichen Angriff auf das Schärfste“ verurteile. Kiew werde weitere militärische Unterstützung aus Washington erhalten, „einschließlich der Bereitstellung der Luftverteidigungssysteme und -fähigkeiten, die das Land zum Schutz seiner Grenzen benötigt“, so der Präsident weiter. Das ist eine Antwort auf Selenskyjs Bitte um weitere Flugabwehrsysteme, nicht jedoch auf seine Forderung, westliche Langstrecken-Waffen auf Russland abschießen zu dürfen, um „Abschussrampen der Okkupanten dort zu vernichten, wo sie sind“.

Die USA unter ihrem Präsidenten Joe Biden (re.) sind der wichtigste Unterstützer für Wolodymyr Selenskyj und die angegriffene Ukraine.

Ukraine-Krieg: Biden verurteilt russischen Poltawa-Angriff und verspricht Waffenlieferungen

Neben den USA kündigte dem ukrainischen Präsidenten zufolge auch Rumänien an, eine weitere Patriot-Luftabwehr-Batterie in die Ukraine liefern zu wollen. Zudem habe Selenskyj auch Justin Trudeau, den Premierminister Kanadas, telefonisch um mehr Unterstützung gebeten. Der irische Regierungschef Simon Harris, der heute in Kiew eintreffen wird, versprach im Vorhinein rund 36 Millionen Euro für humanitäre Hilfe und späteren Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock verurteilte den Angriff ebenfalls und schrieb auf X, dass die zweite Rakete eingeschlagen sei, „als Helfende bereits die Verletzten versorgten“. Diese Taktik ist als Double Tap bekannt und wurde von Wladimir Putins Streitkräften bereits im Bürgerkrieg in Syrien angewandt. Vor diesem Hintergrund zeigte sich auch CDU-Chef Friedrich Merz schockiert über den russischen Angriff auf Poltawa. „Das sind schwerste Kriegsverbrechen an der zivilen Bevölkerung der Ukraine, zum wiederholten Mal“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Karolina Hird, Analystin am US-amerikanischen Institute for the Study of War, erklärte gegenüber der britischen BBC, dass Double-Tap-Schläge auf Rettungskräfte wahrscheinlich ein Kriegsverbrechen darstellen. „Wenn sich herausstellt, dass die russischen Streitkräfte gezielt und absichtlich auf diese Teile der Bevölkerung zielen, wäre das ein Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht und die allgemeinen Regeln und Normen des bewaffneten Konflikts“, so Hird.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Russland greift die Energieinfrastruktur gründlicher an als 2023

Beim Angriff auf Poltawa, so verheerend er gewesen ist, handelte es sich nur um ein Glied in einer Kette intensivierter russischer Luftschläge seit dem ukrainischen Unabhängigkeitstag am 25. August. In der darauffolgenden Nacht hatten Putins Streitkräfte laut Präsident Selenskyj 127 Raketen und 109 Drohnen gegen ukrainische Ziele gerichtet. Vier Menschen waren den Angriffen laut ukrainischen Behörden zum Opfer gefallen und 20 weitere waren verletzt worden.

Ein Hauptziel der Luftangriffe ist die ukrainische Energieinfrastruktur, um das Land im Winter durch Dunkelheit und Kälte mürbe zu machen. Begann Russland 2023 erst im September wieder mit Attacken gegen Kraftwerke, so nimmt es sie 2024 schon seit April verstärkt ins Visier. Im vergangenen Winter kam die Ukraine nach Angaben des britischen Economist mit 18 Gigawatt (GW) Strom über die Runden. Seit Beginn dieses Jahres zerstörten russische Waffen allerdings bereits die Hälfte der Produktionskapazitäten.

Poltawa-Angriff trauriger Höhepunkt anhaltender russischer Luftschläge

Die russischen Angriffe reißen nicht ab, denn in der Nacht auf den 4. September trafen erneut russische Raketen Lwiw und töteten ukrainischen Angaben zufolge mindestens sieben Menschen, darunter drei Kinder, während über 40 verletzt wurden. Die westukrainische Stadt liegt beinahe 900 Kilometer von Poltawa und noch weiter von der Front entfernt, dafür trennen sie weniger als 80 Kilometer von der Grenze zum EU- und Nato-Staat Polen.

Zu Beginn des Ukraine-Krieges wurde in ihrer Nähe bei Jaworiw bereits eine ähnliche Einrichtung wie nun in Poltawa verheerend getroffen: Laut Bürgermeister Andrij Sadowij habe Russland am 13. März 2022 rund 30 Marschflugkörper auf einen Truppenübungsplatz abgefeuert, von denen die ukrainische Luftabwehr nur zwei zerstören konnte. Dabei seien mindestens 35 Menschen getötet und 134 weitere verletzt worden, so Sadowij. Das russische Verteidigungsministerium behauptete hingegen, „bis zu 180 ausländische Söldner“ ausgeschaltet zu haben, was ein Sprecher des ukrainischen Verteidigungsministeriums „pure russische Propaganda“ nannte. (Michael Kister)

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