Kandidatenwechsel vor US-Wahl?

Umfrage nach TV-Duell mit Trump: Eine Frau könnte Biden nun gefährlich werden

  • Fabian Hartmann
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Nach dem TV-Duell gegen Trump steht es düster um Joe Biden. Einige fordern seinen Rücktritt vor der US-Wahl. Und dann? Eine Umfrage zeigt eine Alternative.

Washington, D.C. – Joe Biden erlebte im ersten TV-Duell gegen Donald Trump ein Debakel: Der amtierende US-Präsident zeigte sich unsicher, verwirrt und wegen einer Erkältung sichtlich angeschlagen. In den Umfragen im Anschluss ans TV-Duell spiegelte sich das wider. 67 Prozent der Zuschauerinnen und Zuschauer stimmten dafür, dass Trump hieraus als Sieger hervorgegangen sei.

Bidens Demokraten – und unter ihnen vor allem solche, die seine Kampagne finanziell unterstützen – reagierten teils besorgt bis panisch. Infolge des misslungenen TV-Duells von Biden gegen Trump regten sich auch Stimmen, die davon ausgehen, dass Biden seine Kandidatur im anstehenden US-Präsidentschaftswahlkampf nun noch zurückziehen könnte. Wer aber würde Biden im Falle eines solch großen Schrittes an der Spitze der Demokraten im Präsidentschaftswahlkampf ersetzen?

Umfrage nach Debakel im TV-Duell: Demokraten würden Kamala Harris gegen Trump antreten lassen

Wie der US-Nachrichtendienst Newsweek ausgehend von einer Blitzumfrage des Thinktanks Date for Progress berichtet, wäre die derzeitige demokratische US-Vizepräsidentin Kamala Harris die erste Wahl der Demokraten, um Biden im Falle eines Abtritts vom Präsidentschaftswahlkampf zu ersetzen. An der Umfrage nahmen 1011 US-Wählerinnen und -Wähler teil, darunter 387 mit demokratischer Gesinnung.

Auf die Frage, wer gewählt werden sollte, wenn die Demokraten einen Parteitag abhalten, um einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für Biden zu wählen, entschieden sich 39 Prozent der befragten Demokraten für Harris. Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom war die zweitbeliebteste Option: 18 Prozent der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer entschieden sich für ihn als Nachfolger von Amtsinhaber Biden.

Die demokratische US-Vizepräsidentin Kamala Harris

Verkehrsminister Pete Buttigieg erhielt zehn Prozent der Stimmen, Senator Cory Booker erhielt sieben Prozent und die Gouverneurin von Michigan, Gretchen Whitmer, sechs Prozent. Senatorin Amy Klobuchar, der Gouverneur von Illinois, J.B. Pritzker, und der Gouverneur von Pennsylvania, Josh Shapiro, erreichten jeweils nur zwei Prozent. Die Marge für Fehler und Ungenauigkeiten liegt laut Date for Progress bei rund 3 Prozentpunkten.

Vor US-Wahl 2024: Könnten die Demokraten Biden als Präsidentschaftskandidat ersetzen?

Dass Biden es im Wahlkampf zur US-Wahl 2024 gegen Donald Trump schwer haben könnte, glauben nach dem TV-Duell viele. Eigentlich liegt es so nahe, ein Ersatz für Biden zu erwägen. Doch unter welchen Bedingungen wäre es für die Demokraten überhaupt möglich, Biden im Wahlkampf zu ersetzen, wenn er seine Position nicht aus freien Stücken freimachen sollte?

Wie die US-Nachrichtenagentur Associated Press berichtete, wäre es für die Demokraten alles andere als ein leichtes Unterfangen, Joe Biden von seiner Position im US-Wahlkampf zu entheben. Ein Grund ist, dass die Delegierten, die Biden bei den Vorwahlen gewonnen hat, sich zu seiner Unterstützung verpflichtet haben. So ist es in den gesetzlichen Grundlagen der Demokratischen Partei festgelegt. Außerdem werden die Kongresse und ihre Regeln von den politischen Parteien kontrolliert. Das nationale Komitee der Demokraten könnte noch vor der Eröffnung des Kongresses am 19. August zusammentreten und die Regeln ändern. Laut Newsweek ist das allerdings äußerst unwahrscheinlich, solange Biden nicht vom Wahlkampf zurücktritt.

„Das wirkliche Problem bei der Ablösung von Biden ist, dass die Demokraten sich ins Ungewisse wagen“, sagte Thomas Gift, außerordentlicher Professor für Politikwissenschaft und Direktor des Centre on U.S. Politics am University College London, gegenüber Newsweek. Denn obwohl es personelle Optionen mit mehr politischem Potenzial gebe, wären diese nicht vor einer Ablehnung durch die Mehrheit der US-Bürgerinnen und -Bürger befreit, sollten sie statt Biden ins Rennen um die Präsidentschaft geschickt werden.

Auch nach verlorenem TV-Duell hält Biden an seinem Platz im Wahlkampf fest

Trotz der gesteigerten Besorgnis unter Demokratinnen und Demokraten infolge Bidens desaströsem TV-Duell gegen Trump, gibt es bislang keine Anzeichen dafür, dass der US-Präsident bereit wäre, seine Position im Rennen um eine Wiederwahl als US-Präsident aus eigenen Stücken zu beenden. Für die Demokraten dagegen ist es der Presseagentur Associated Press „nahezu unmöglich“, ihn zu ersetzen, wenn er sich nicht dazu entschließt, zurückzutreten.

Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

Joe Biden gehört seit vielen Jahren zum Establishment der Demokratischen Partei und blickt auf eine lange politische Karriere zurück. Bei der US-Wahl 2020 ist es ihm im dritten Anlauf endlich gelungen, sein großes Ziel zu erreichen: Biden ist zum 46. Präsidenten der USA gewählt worden. Es war die Krönung eines jahrzehntelangen Politikerlebens, in dem er auch schwere Schicksalsschläge zu verkraften hatte.
Joseph „Joe“ Robinette Biden, Jr. wurde am 20. November 1942 in Scranton (Pennsylvania) geboren. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften begann der Jurist Ende der 60er-Jahre, sich politisch zu engagieren. Zunächst ließ er sich im US-Bundesstaat Delaware als Unabhängiger registrieren – weil er weder den republikanischen Präsidenten Richard Nixon noch den demokratischen Gouverneur Charles Terry ausstehen konnte. Um die Lage nach der Ermordung von Martin Luther King im April 1968 zu beruhigen, hatte Terry die Nationalgrade zu Hilfe gerufen. Für Biden wurde die Bürgerrechtsbewegung zum Auslöser seiner Politisierung.
Im Jahr 1972 trat Biden im Alter von nur 29 Jahren bei der Wahl zum US-Senat an. Er besiegte den langjährigen republikanischen Vertreter Cale Boggs und zog als einer der jüngsten Senatoren in den Kongress ein. Der Triumph wurde allerdings von einem schweren Autounfall am 18. Dezember 1972 überschattet, bei dem seine erste Ehefrau Neilia und Tochter Naomi ums Leben kamen. Die Söhne Beau und Hunter überlebten verletzt. Seinen Eid legte Biden im Januar 1973 am Krankenbett von Beau ab, dessen Bein immer noch im Streckverband war. 1977 heiratete Biden die Lehrerin Jill Tracy Jacobs. Aus dieser Ehe stammt Tochter Ashley.
Von 1973 bis 2009 saß Biden 36 Jahre lang als Vertreter des Bundesstaates Delaware im Senat. Er wohnte allerdings weiterhin in Wilmington (Delaware) und pendelte jeden Tag per Bahn nach Washington, D.C. 1994 war er maßgeblich an einem heute kontrovers diskutierten Gesetz zur Reform des Strafrechts und der Inneren Sicherheit beteiligt. Mitte der 90er sprach er sich für die Nato-Intervention in Bosnien-Herzegowina und die Bombardierung Serbiens im Kosovo-Krieg 1999 aus. Im Jahr 2002 stimmte er für die Irak-Resolution.
Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

Kurz, nachdem er infolge des TV-Duells die Bühne verließ, sagte Biden seinen Anhängerinnen und Anhängern in Atlanta: „Lasst uns weitermachen.“ Die Sprecherin der Biden-Kampagne, Lauren Hitt, war sogar noch deutlicher und erklärte am Freitag: „Natürlich wird Joe Biden nicht aus dem Wahlkampf aussteigen.“

Demokraten zeigen sich nach misslungenem TV-Duell uneinig über einen Verbleib Bidens im Wahlkampf

Dass Biden an seiner Stellung im US-Wahlkampf festhalten will, gefällt aber längst nicht jedem im demokratischen Lager. So erklärte ein anonymer Unterstützer der Biden-Wahlkampagne, der auch finanziell großzügig in sie investierte, gegenüber Politico, er habe in Bidens TV-Duell „die schlechteste Leistung eines Demokraten in der TV-Historie“ gesehen und betonte, Biden sei derart „schlecht, dass niemand Trumps Lügen Beachtung schenken wird“.

Dagegen erklärten Politico zufolge zwei prominente potenzielle Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2028 – J.B. Pritzker, Gouverneur von Illinois, und Gavin Newsom, Gouverneur von Kalifornien –, sie stünden auch nach dem misslungenen TV-Duell gegen Trump weiter an Bidens Seite. „Man wendet sich nicht wegen einer einzigen Leistung ab“, sagte Newsom. „Welche Partei würde so etwas tun?“, fragte er. (fh)

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