Nicht auf „Augenhöhe“ mit Russland

Selenskyj hat plötzlich große F-16-Kampfjet-Sorgen: „Anzahl nicht strategisch“

  • Michael Kister
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Präsident Selenskyj glaubt, dass die Ukraine nicht genügend F-16-Kampfjets bekommt, „um es auf Augenhöhe mit der russischen Luftwaffe aufzunehmen.“

Kiew – Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, brachte seine Skepsis darüber zum Ausdruck, ob die F-16-Kampfjets, die westliche Partner liefern, einen Unterschied auf dem Schlachtfeld machen können. „Die Entscheidung, F-16 an die Ukraine zu übergeben, war strategisch, aber ihre Anzahl war nicht strategisch“, sagte er am 15. Juli auf einer Pressekonferenz in Kiew. Selenskyj bezweifelt nicht, dass die Kampfflugzeuge wertvolle Waffensysteme sind, die die Fähigkeiten seiner Armee im Krieg gegen die russischen Aggressoren um Wladimir Putin erweitern und verbessern würden.

Sie könnten dabei helfen, Raketen und Drohnen kostengünstiger abzuschießen, als das etwa mit Patriot-Luftabwehrsystemen der Fall ist, und russische Kampfflugzeuge in der Luft sowie am Boden zu bekämpfen. Darüber hinaus wären sie in der Lage, Angriffe gegen weitere russische Bodenziele wie Radar- und Luftabwehrstellungen zu fliegen, etwa unter Einsatz bisher vom Boden abgefeuerter westlicher Marschflugkörper. Gerade weil die F-16 so wichtig für sein Land sind, beklagt Selenskyj aber die seines Erachtens zu geringe Anzahl, die die Ukraine davon erhalten soll.

Präsident Selensky hätte gerne 128 Lockheed Martin F-16 Fighting Falcon-Kampfjets. Diese Maschine der US Air Force war bei der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung im brandenburgischen Schönefeld zu sehen.

Selenskyj fürchtet: Es kommen nicht genügend F-16-Kampfjets in die Ukraine

Nach wie vor bleibt unklar, wann wie viele F-16-Kampfjets auf ukrainischen Militärflugplätzen eintreffen werden. Zwar bekräftigten die USA, Dänemark und die Niederlande während des Washingtoner Nato-Gipfels in der vergangenen Woche, dass die Überstellung der Maschinen bereits im Gange sei. Einen Tag bevor sie am 2. Juli aus dem Amt schied, hatte die niederländische Verteidigungsministerin Kajsa Ollongren noch ihr nationales Parlaments darüber informiert, dass „die Lieferung des ersten Flugzeugs bald erfolgen“ werde. Die „erforderliche Genehmigung für den Export von Rüstungsgütern in die Ukraine“ sei erteilt worden.

Auch die neue rechts-konservative Regierung unter der Führung von Geert Wilders Volkspartij voor Vrijheid en Democratie steht zu dieser Zusage. Dennoch: Die Geschichte der F-16-Lieferung an die Ukraine ist bisher eine der Versprechungen und Verspätungen. Ursprünglich hieß es aus Dänemark, man wolle bereits Anfang 2024 die ersten von 18 Maschinen liefern. Daraus wurde nichts. Stattdessen soll die Lieferung im laufenden zweiten Jahresquartal erfolgen, ukrainische F-16-Piloten könne man ab 2025 außerdem auch nicht mehr ausbilden. Norwegen und Belgien will die ersten Maschinen noch in diesem Jahr versenden, Belgien sagte nur vage 30 Maschinen bis 2028 zu.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Zu wenig und zu spät: 95 F-16-Kampfjets sind versprochen, aber bis zu 216 werden gebraucht

Deswegen wird Präsident Selenskyj nicht müde, die Dringlichkeit der Kampfjet-Lieferungen für sein Land zu betonen. So sagte er bei einem Interview im Ronald Reagan Institute am Rande des jüngsten Nato-Gipfels, dass die Ukraine auf die F-16 warte „wie meine Mutter früher nach der Schule auf mich gewartet hat, und ich immer einen Grund fand, später zu kommen.“ Die Lage sei nur „viel ernster, sehr viel ernster“. Er fügte hinzu, dass sein Land im Angesicht von etwa 300 Jets, die Russland im Krieg einsetze, selbst 128 F-16-Kampfflugzeuge benötige. Ansonsten, so Selenskyj, werde man „nicht in der Lage sein, es mit ihnen am Himmel aufzunehmen“.

Die US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) geht sogar davon aus, dass die Ukraine 12 F-16-Schwadronen mit insgesamt 216 Maschinen benötigt, wenn sie erfolgreich Luftunterstützung für eigene Bodenoperationen leisten will. Jeweils vier Schwadronen müssten dem CSIS zufolge für die Unterdrückung der russischen Luftabwehr, zur Gefechtsfeldabriegelung aus der Luft und für den Kampf gegen das gegnerische Luftkriegspotential abgestellt werden.

Welche Länder wie viele F-16-Kampfjets an die Ukraine liefern:

  • Belgien: 30
  • Niederlande: 24
  • Norwegen: 22
  • Dänemark: 19

Selbst wenn alle versprochenen Maschinen die Ukraine bereits erreicht hätten, beliefe sich ihre Zahl höchstens auf 95. Daher warf Selenskyj am Montag in Kiew die rhetorische Frage in den Raum, ob „es genug von diesen Flugzeugen geben“ werde, „um es auf Augenhöhe mit der russischen Luftwaffe aufzunehmen“. Und antwortete prompt selbst: „Ich glaube, dass sie nicht ausreichen werden. Erwarten wir mehr? Ja“, so der ukrainische Präsident bei der Pressekonferenz. (Michael Kister)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Ardan Fuessmann