Rebellion im Ukraine-Krieg
Wagner-Aufstand in Russland offenbart „Risse“ in Putins Machtgefüge
VonFranziska Schwarzschließen
Wladimir Putin erlebt gerade die wohl schwerste Krise seiner Herrschaft. Die USA werten Jewgeni Prigoschins Aufstand als Zeichen.
Washington – Söldner-Aufstand in Russland: Weder Kremlchef Wladimir Putin noch Jewgeni Prigoschin, Chef der Wagner-Gruppe, sagten den ganzen Sonntag lang etwas. Unklar also, ob Russlands unmittelbare Krise überstanden ist – geschweige denn, welche Auswirkungen sie auf die längerfristige Stabilität des riesigen Landes haben wird.
US-Außenminister Antony Blinken sagte im US-Fernsehen, der Aufstand habe „echte Risse“ in der Autorität des russischen Staats zutage befördert. „Diese Geschichte entfaltet sich gerade noch“, so Blinken der CBS-Nachrichtensendung „Face the Nation“. „Wir haben den letzten Akt noch nicht gesehen“, fügte er laut dem Guardian hinzu.
Prigoschin und seine Söldner: Blinken sieht „unmittelbare Bedrohung“ für Putin
Der Aufstand von Prigoschins Söldnern stelle die unmittelbarste Bedrohung für Putin seit seiner Machtergreifung vor 23 Jahren dar, zitierte ihn die britische Zeitung weiter. „Das wirft also tiefgreifende Fragen auf“, sagte er. Er teilte auch mit, es gebe bisher keine Anzeichen dafür, dass hochrangige Kreml-Persönlichkeiten im Rahmen einer Vereinbarung zwischen Prigoschin und Moskau nun entlassen würden.
Prigoschin hatte zuvor die Absetzung des Verteidigungsministers Sergej Schoigu und des Generalstabschefs Waleri Gerassimow gefordert.
Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten




Ukraine-Krieg: „Mythos von Einigkeit von Putins Russland ist vorbei“
Wie die New York Times erfahren haben will, war die US-Regierung mit Präsident Joe Biden bereits seit Mittwoch (21. Juni) im Bilde über Prigoschins Pläne. US-Geheimdienste informierten demnach Washington. Das Wissen wurde aber nicht öffentlich gemacht aus Angst, Putin könnte Washington beschuldigen, einen Putsch inszeniert zu haben. Zudem gab es „keinen Anreiz“ für die USA, Putin mit diesen Informationen zu „helfen“.
International meldeten sich Politiker zu Wort. „Der Mythos von Einigkeit von Putins Russland ist vorbei“, zitierte eine Zeitung den italienischen Außenminister Antonio Tajani. Auch der französische Präsident Emmanuel Macron sprach von „Spaltungen“ in der russischen Führung. Aus China kamen unterstützende Worte. Das Außenministerium in Peking erklärte, dass China Russland beim „Schutz der nationalen Stabilität“ unterstütze.
Chaos in Russland: Vermittlung durch Lukaschenko offenbart Putin-Schwäche
Nach Ansicht von Politologen hat der Deal mit Prigoschin Schwächen des Kreml-Chefs enthüllt. Beobachter merken an, dass es für den Staatschef schon peinlich sei, dass Belarus‘ Machthaber Alexander Lukaschenko den Waffenstillstand ausgehandelt habe. Schließlich wird Lukaschenko im Duo mit Putin eigentlich in der Rolle des Juniorpartners gesehen.
Die Ukraine reagierte am Wochenende erfreut über das Chaos in Russland. Der ukrainische Präsidentenberater Mychailo Podoljak erklärte, Prigoschin habe Putin mit seiner abgebrochenen Rebellion „gedemütigt und gezeigt, dass es nicht länger ein Gewaltmonopol“ in Russland gebe.
Litauen fordert nach Wagner-Revolte Stärkung der Nato-Ostflanke
Litauens Präsident Gitanas Nauseda indes fordert nun eine weitere Stärkung der Nato-Ostflanke. Sollte Prigoschin mit unklaren Absichten im Exil in Belarus landen, müsse die Sicherheit der Ostgrenze erhöht werden, sagte das Staatsoberhaupt des baltischen EU- und Nato-Landes am Sonntag. Litauen grenzt an Belarus und die russische Ostsee-Exklave Kaliningrad.
Prigoschin war nach seinem gescheiterten Aufstand vom Wochenende zugestanden worden, straffrei nach Belarus zu gehen, wie der Kreml mitteilte. Am Sonntag (25. Juni) war indes noch unklar, ob Prigoschin bereits in das eng mit Russland verbündete Nachbarland unterwegs oder schon dort angekommen ist. (frs)
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