Estland befeuert Debatte

Nato-Truppen in der Ukraine: Macron bekommt Zuspruch – „Russlands Macht nicht überschätzen“

  • Stephanie Munk
    VonStephanie Munk
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Eine Eskalation mit Putin dürfe nicht überschätzt werden: Das meint Estlands Premierministerin. Auch Nato-Soldaten in der Ukraine müssten eine Option sein.

Paris/Tallinn – Emmanuel Macron schien bisher allein auf weiter Flur innerhalb der Nato, was seine Meinung zu westlichen Truppen in der Ukraine betrifft: Während Frankreichs Präsident am Montag (26. Februar) offensiv den Einsatz von Nato-Bodentruppen zur Sprache brachte, dementierte ein Staat nach dem anderen, dass solche Pläne zur Diskussion stünden. Auch Kanzler Olaf Scholz (SPD) widersprach Macron vehement.

Auch Estland, das eine rund 300 Kilometer lange Grenze zu Russland teilt, reihte sich am Dienstag (27. Februar) zunächst ein in die Länder, die Macron widersprachen. Estland diskutiere nicht die Entsendung von Truppen in die Ukraine, erklärte Regierungschefin Kaja Kallas im estnischen Fernsehen. 

Doch nun hat sich Kallas, die der russische Präsident Wladimir Putin zur Fahndung ausschreiben ließ, ausführlicher zur möglichen Entsendung von Bodentruppen in die Ukraine geäußert. Und diesmal pflichtete die estnische Premierministerin Macron bei. In einem Interview mit dem Stern sagte Kallas laut Spiegel: „Es ist gut, dass wir alle Optionen diskutieren.“

Estlands Premierministerin Kaja Kallas will die Option, Nato-Truppen in die Ukraine zu senden, im Kampf gegen Putin nicht ausschließen.

Estlands Premier berichtet von Truppen-Diskussionen hinter verschlossenen Türen

Kallas beschrieb die Diskussion auf dem Pariser Gipfel mit 20 westlichen Staatschefs, in dessen Anschluss Macron das Thema Nato-Soldaten ansprach. „Wir haben in Paris hinter verschlossenen Türen sehr offen debattiert. Es gab unterschiedliche Vorschläge, nicht alle trafen auf Zustimmung aller Seiten.“ Dazu gehörte wohl auch die Frage, ob Bodentruppen eine Option seien.

Macron hatte bei der Abschlusserklärung betont, im Kampf gegen Russland dürfte die Entsendung von Nato-Bodentruppen im Ukraine-Krieg nicht ausgeschlossen werden. Darüber gebe es zwar derzeit keinen Konsens, aber dies sei bei früheren Diskussionen zu Lieferung von bestimmten Waffen auch so gewesen – und später habe man sich dann doch dazu durchgerungen.

Scholz widerspricht Macron bei Nato-Truppen scharf

Macron wurde für seinen Vorstoß von vielen Seiten kritisiert. Ihm wird vorgeworfen, er spiele leichtsinnig mit der Möglichkeit, dass sich der Ukraine-Krieg zwischen einem Krieg zwischen der Nato und Russland ausweitet. Auch Russland selbst sandte eine alarmierende Warnung in die Welt. Kanzler Scholz widersprach Macron besonders nachdrücklich.

In einer Videobotschaft machte der Kanzler seinen Standpunkt nochmals deutlich: „Um es klipp und klar zu sagen: Als deutscher Bundeskanzler werde ich keine Soldaten unserer Bundeswehr in die Ukraine entsenden. Das gilt. Darauf können sich unsere Soldatinnen und Soldaten verlassen.“

Putins Macht nicht überschätzen – Estland will auch Bodentruppen nicht ausschließen

Kallas warnte laut Spiegel jedoch davor, aus Angst vor Putin bestimmte Optionen auszuschließen. „Wir sollten keine Angst vor unserer eigenen Macht haben und Russlands Macht nicht überschätzen.“ Putin wisse, dass Russland der Nato militärisch unterlegen sei und wolle einen Krieg mit der Nato „genauso wenig wie wir mit Russland“, so Estlands Premierministerin. „Die Furcht vor einer Eskalation führt dazu, dass wir uns kleiner machen, als wir sind.“

Rückhalt bekommt Macron auch vom ehemaligen Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger. Macrons Vorstoß zu Bodentruppen sei „ein bisschen kühn, aber nicht falsch“. Es sei nicht der richtige Weg, bestimmte Maßnahmen von vornherein auszuschließen, sagte Ischinger im Sender Welt. Denn so mache man es Putin leicht, „sich auf das, was da vielleicht kommen könnte, einzurichten.“

Nato: Die wichtigsten Kampfeinsätze des Verteidigungsbündnisses

Seit ihrer Gründung am 4. April 1949 hat sich die Rolle des Nordatlantik-Pakts Nato stark verändert. Aus dem Bündnis, das  vorrangig der Verteidigung diente, wurde in den 1990ern eine global eingreifende Ordnungsmacht. Ihren ersten Kampfeinsatz leistete die Nato, deren Hauptquartier sich seit 1967 in Brüssel befindet, im Jahr 1995.
Ihren ersten Kampfeinsatz startete die Nato am 30. August 1995 mit der Operation „Deliberate Force“ gegen serbische Freischärler im ehemaligen Jugoslawien. Offiziell trat die Nato dabei nur als eine Art bewaffneter Arm der UN-Mission im Land auf. Beteiligt waren 5000 Soldaten aus 15 Ländern mit 400 Flugzeugen, darunter 222 Kampfflugzeugen. 54 dieser Maschinen, die rund um die Uhr von drei Flugzeugträgern und 18 Luftwaffenstützpunkten in Europa losflogen, waren F-16 Fighting Falcon (im Bild).
Bei der Operation kam es zum ersten Kampfeinsatz der deutschen Luftwaffe seit dem Zweiten Weltkrieg. 14 deutsche Tornado-Kampfflugzeuge flogen von Piacenza aus 65 Einsätze. 
Nach dem Abzug der schweren Waffen durch die Serben und einer Garantie für die verbliebenen Schutzzonen wurde die Luftoperation am 21. September 1995 beendet. Nato-Befehlshaber Leighton Smith (Mitte) und UN-Balkankommandant Bernard Janvier (rechts) konnten sich schon am Tag davor am Flughafen von Sarajevo als Sieger fühlen.
Die Nato-Streitkräfte waren auch im Kosovo-Krieg im Einsatz. Anlass für den Angriff der Nato im Rahmen der Operation „Allied Force“ war die Nichtunterzeichnung des Vertrags von Rambouillet durch den serbischen Präsidenten Slobodan Milošević (rechts, hier mit dem damaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer). Offizielles Hauptziel war, die Regierung Miloševićs zum Rückzug der Armee aus dem Kosovo zu zwingen.
Nato: Die wichtigsten Kampfeinsätze des Verteidigungsbündnisses

Westliche Truppen im Ukraine-Krieg – Baltikum offen für Option

Die baltischen Länder, die wegen ihrer Nähe zu Russland als Achillesferse der Nato gelten, stehen dem Vorstoß, westliche Truppen in die Ukraine zu schicken, insgesamt positiver gegenüber als ihre Nato-Partner im westlicheren Europa. Auch Lettland und Litauen stehen einem Einsatz westlicher Bodentruppen in der Ukraine nicht grundsätzlich abweisend gegenüber. „Sollte es zu einer Einigung der Nato-Verbündeten über die Entsendung von Truppen in die Ukraine kommen, würde Lettland eine Teilnahme in Betracht ziehen“, teilte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums mit, ähnliche Töne kamen aus Litauen.

Angestoßen hatte die Debatte auch die Slowakei, die am Montag (26. Februar) vor einer zunehmenden Eskalation des Ukraine-Kriegs warnte. Der slowakische Ministerpräsident Fico behauptete, EU- und Nato-Mitglieder würden darüber nachdenken, Soldaten in die Ukraine zu senden. Laut einem EU-Insider befinden sich jedoch westliche Spezialkräfte längst in der Ukraine. (smu)

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