Krieg in Israel

„Keine Terrororganisation“: Erdogan nimmt Hamas in Schutz und sagt Treffen mit Netanjahu ab

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan.
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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. (Archivbild)
  • Bedrettin Bölükbasi
    VonBedrettin Bölükbasi
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Geht es nach dem türkischen Präsidenten Erdogan, so ist die Hamas keine Terrororganisation. In einer Rede attackiert er Israel und Netanjahu.

Ankara – Besonders unter Präsident Recep Tayyip Erdogan hat die Türkei immer ihre Unterstützung für die „palästinensische Sache“ und dabei auch für die Hamas verkündet. Erdogan setzte sich in der Vergangenheit immer wieder mit hochrangigen Vertretern der Hamas zusammen. Zuletzt hielt er am vergangenen Samstag (21. Oktober), also exakt zwei Wochen nach dem Ausbruch des Krieges in Israel, ein Telefongespräch mit Hamas-Politbüro-Chef Ismail Haniyah.

Erdogan äußert sich zum Krieg in Israel: Hamas soll „keine Terrororganisation“ sein

Bislang fiel Erdogan mit eher moderaten und vorsichtigen Aussagen zum aktuellen Konflikt in Nahost auf. Er verurteilte Angriffe auf Zivilpersonen, kritisierte zwar Israel, vermied es aber, die Hamas explizit mit scharfen Aussagen zu unterstützen. Am Mittwoch (25. Oktober) kam jedoch die Wende. „Die Hamas ist keine Terrororganisation, sondern eine Freiheits- und Mudschahed-Organisation, die ihr Territorium schützt“, sagte er in einer Rede vor Vertretern seiner AK Partei in Ankara. Bei Mudschahed handelt es sich um ein vom Dschihad – dem Heiligen Krieg – abgeleitetes arabisches Wort, dass Personen bezeichnet, die im Namen Gottes kämpfen.

Man habe zwar kein Problem mit dem Staat Israel, so Erdogan, allerdings werde man nicht zulassen, dass Israel Kinder im Gazastreifen töte, denn man sei „menschlich“. Man könne „keine weitere Armee auf der Welt finden, die, nur um Kinder zu töten, nachts und morgens mit Kampfflugzeugen Krankenhäuser, Schulen, Moscheen und weitere Gebäude bombardiert“, sagte der türkische Präsident weiter. Die Hälfte der Todesopfer israelischer Luftangriffe sei Kinder, behauptete Erdogan. Dem israelischen Militär zufolge lagert die Hamas Waffen und weitere Ausrüstung in und unter Moscheen und Krankenhäusern.

Recep Tayyip Erdoğan: Der Weg zur Macht des türkischen Präsidenten

Armut, Haft, absolute Macht: Der Sohn eines Küstenschiffers wird in einer politischen Karriere vom eifrigen Koranschüler zum absoluten Machthaber in der Türkei. Recep Tayyip Erdogans Weg kann getrost unüblich genannt werden. Aufgewachsen in einem religiösen, doch armen Vorort von Istanbul macht er als talentierter Fußballer auf sich aufmerksam. Der religiöse Vater verbietet den Traum vom Fußball und schickt ihn auf eine Religionsschule, auf welcher er ein neues Talent entdeckt. Die freie Rede ist damals eines der wichtigsten Fächer und der junge Recep macht schon damals mit seinem Redetalent auf sich aufmerksam und konnte aufgrund des ISKI-Skandals als Außenseiter Bürgermeister Istanbuls werden.
Es folgte ein großer Wahlerfolg seiner Partei bei den Parlamentsgutswahlen 2002. Zwar durfte Erdogan aufgrund eines Gedichtes, für welches er zu einem Politikverbot und einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, nicht das Amt des Ministerpräsidenten nicht einnehmen. Dafür installierte er seinen Parteikollegen Abdullah Gül in dem Amt, welcher kurzerhand die Gesetze änderte, um das Vergehen, welches Erdogan ein Politikverbot einbrachte, umschrieb.
Nachdem Gül die Verfassungsänderung durchgebracht hatte, und eine Annullierung der Wahl in der Provinz Siirt stattfand, konnte er nachträglich als Abgeordneter ins Parlament einziehen. Somit war er erneut offiziell Politiker und in der Lage, Ämter innezuhaben. Er wurde am 12. März 2003 Ministerpräsident und Gül übernahm den Posten des Außenministers. Hier auf diesem Foto wird Erdogan als Parlamentsabgeordneter vereidigt.
Erdogan wurde am 12. März 2003 Ministerpräsident, Abdullah Gül übernahm den Posten des Außenministers. Zunächst öffnete sich die Türkei dem Westen und schuf etwa die Todesstrafe ab. Außenpolitisch verfolgte Erdogan zudem anfangs eine Annäherung an die EU, sodass ein möglicher Beitritt im Raum stand. Auch verbesserte sich das Verhältnis der Türkei zu ihren östlichen Nachbarn deutlich.
Recep Tayyip Erdoğan: Der Weg zur Macht des türkischen Präsidenten

Erdogan attackiert Netanjahu: „Wir sagen das Treffen ab“

Der türkische Staatschef attackierte außerdem den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu. Zuletzt hatten sich die Türkei und Israel wieder stark angenähert. Auch ein Treffen zwischen Erdogan und Netanjahu stand im Raum, doch das scheint nun nicht mehr der Fall zu sein. „Ich habe diesem Typen, den sie Netanjahu nennen, nur einmal die Hand geschüttelt, doch er hat unser Vertrauen missbraucht“, sagte Erdogan. Weiter hieß es: „Wir wollten eigentlich nach Israel, aber nicht mehr, wir sagen das Treffen ab.“Galionsfigur.

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Erdogan warf dem Westen außerdem „Heuchelei“ vor. Während man für die Verluste im Ukraine-Krieg die gesamte Welt in Aufruhr versetze, werde nicht dasselbe für Verluste im Gazastreifen getan. Gleichzeitig rief er die Weltgemeinschaft dazu auf, „nicht mehr Benzin ins Feuer“ zu gießen. Alle Akteure müssten sich vereinen, um zu verhindern, dass sich der Krieg ausbreite. „Die Entwicklungen dürfen nicht als ein Kampf zwischen dem Halbmond und Kreuz wahrgenommen werden“, so der türkische Präsident. „Sonst wird es schade um die Menschheit.“ (bb)

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