Neutralität des deutschsprachigen Alpenlandes

„Schadet dem Ruf“: Schweiz beharrt auf Stopp bei Ukraine-Munition – nun brodelt es

Die Schweiz erlaubt weiter nicht, dass dort hergestelltes Militärmaterial an die Ukraine geht. Für ein „kaltes Zahnpastalächeln“ halten das Kommentatoren.

Bern – Die Neutralitätsdebatte in der Schweiz schwelt seit dem Ukraine-Krieg stärker. Während das Land, das nicht der EU angehört, die Sanktionen gegen Russland mitträgt, zeigt es sich in Bezug auf seine militärische Parteilosigkeit bislang unnachgiebig.

Der Schweizer Nationalrat hat sich nun mit knapper Mehrheit dafür ausgesprochen, die Lieferung von Waffen aus der Schweiz an Kiew zu erlauben – jedoch unter sehr unrealistischen Bedingungen. Die große Kammer des Parlaments stimmte am Mittwoch (8. März) dafür, dass der Bundesrat die Wiederausfuhr ausnahmsweise bewilligen kann.

Allerdings setzt dieser Schritt eine Verurteilung des russischen Überfalls in der Ukraine durch den UN-Sicherheitsrat voraus. Da Russland mit Kremlchef Wladimir Putin im UN-Sicherheitsrat ein Vetorecht hat, ist dieses Szenario ausgeschlossen.

Ukraine-Krieg: Schweizer Parlament gegen Weiterleitung von Munition an Kiew (Symbolbild mit Flagge)

Neutrale Schweiz im Ukraine-Krieg uneins mit Deutschland über Leopard-2-Panzer

Bei der Parlamentsdebatte hatte die Schweizer Regierung auch daran erinnert, dass nach derzeitiger Gesetzeslage, welche die Gleichbehandlung aller Kriegsparteien fordert, im Falle einer Erlaubnis für Exporte in auch Gesuche für die Lieferung von Kriegsmaterial an Russland genehmigt werden müssten.

Die Ampel-Koalition mit Kanzler Olaf Scholz (SPD) hatte in Bern angefragt, um eingemottete Leopard-Panzer zurückzukaufen. Damit sollen Panzer ersetzt werden, die an die Ukraine geliefert werden. Dafür müsste das Parlament sie offiziell „außer Dienst“ stellen, aber in dieser Frage zeichnet sich keine Zustimmung ab.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Medien-Echo in der Schweiz auf Munitions-Entscheidung: „Kaltes Zahnpastalächeln“

Die konservative Neue Zürcher Zeitung (NZZ) kommentierte die Entscheidung am Donnerstag (8. März) so: „Wer die Schweiz konsequent als Teil der freien Welt positionieren will, muss einen Schritt vorwärtsmachen. Natürlich kommen eine Aufgabe der Neutralität und ein Nato-Beitritt nicht infrage“, und weiter: „Die Zirkeldiskussion um das Schweizer Kriegsmaterial schadet dem Ruf der Schweiz und ihrer Rolle als neutrales Land. Eine fortschrittliche Neutralität ist wohl noch nicht mehrheitsfähig, aber doch das Gegenmodell zum neutralen Stillstand.“

Der ebenfalls in Zürich erscheinende Tages-Anzeiger meinte indes: „Es zeichnet sich immer klarer ab: Von der Schweiz haben die Angegriffenen in der Ukraine nichts zu erhoffen und die russischen Aggressoren nichts zu befürchten. Stattdessen werden wir pflichtschuldig beiden Seiten unsere guten Dienste anbieten. Die Neutralität zeigt wieder mal ihr kaltes Zahnpastalächeln.“ (AFP/dpa/frs)

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