Umgang mit Wagner-Gruppe

Angst vor neuem Aufstand: Putin bereitet sich auf nächsten Gefahrenherd in Russland vor

Der russische Präsident Wladimir Putin beim Treffen mit Mitgliedern des Sicherheitsrats im Kreml in Moskau, Russland.
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Der russische Präsident Wladimir Putin beim Treffen mit Mitgliedern des Sicherheitsrats im Kreml in Moskau, Russland.
  • Christian Stör
    VonChristian Stör
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Um einer weiteren Rebellion vorzubeugen, wird der russische Präsident Wladimir Putin in Russland an zwei Fronten gleichzeitig aktiv.

Moskau - Der 24-stündige Aufstand von Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin hat Russland erschüttert. Vor allem machte die Rebellion deutlich, dass auch der russische Präsident Wladimir Putin ins Wanken geraten kann. Immerhin sah es kurzzeitig so aus, als könnte die Meuterei der Wagner-Gruppe zum Ende von Putins Herrschaft führen. Um solchen Gefahren künftig vorzubeugen, ist Putin in Russland nun an zwei Fronten aktiv geworden.

Zum einen ist er dabei, trotz der aktuellen Lage im Ukraine-Krieg einen neuen Sicherheitsapparat aufzubauen. So hat der Kreml einen ersten, konkreten Schritt unternommen, um jeglichen Aufstand gegen den Machtapparat von vornherein im Keim zu ersticken. „Der Kreml tut alles, was er kann, um zu verhindern, dass sich diese Art von Bedrohung wiederholt“, erklärte George Barros, ein Russland-Analyst der US-Denkfabrik „Institute for the Study of War“ (ISW), gegenüber dem US-Nachrichtenmagazin Newsweek.

Was aber bedeutet das konkret? Laut Barros soll die russische Nationalgarde, die direkt dem Präsidenten unterstellt ist, „nicht näher bezeichnete Formen schwerer Waffen erhalten“. Als Folge, so Barros, „könnten wir Putins inländischen Schutzdienst bald in Kampfpanzern herumfahren sehen“.

Putin forciert Auflösung der Wagner-Gruppe im Ukraine-Krieg

Gleichzeitig ist Putin dabei, die Wagner-Gruppe in die Schranken zu weisen. „Was wir erleben, kommt der Auflösung der Wagner-Gruppe in der Ukraine gleich“, so Barros. Im Rahmen einer Vereinbarung bot der Kreml den aufständischen Wagner-Kämpfern an, in Russlands Streitkräften zu dienen. Sie könnten aber auf eigenen Wunsch - ebenso wie Prigoschin - auch nach Belarus ausreisen. Laut ISW-Einschätzung baut die Söldnergruppe derzeit drei Militärlager in Belarus auf.

Trotz Spekulationen, dass die Verlegung der Söldner auf belarussisches Territorium die Möglichkeit erneuter russischer Angriffe in Richtung Kiew ankündigen könnte, sieht Militäranalyst Barros den Gesamtplan als einen Versuch, das Wenige zu retten, das von der Einsatzfähigkeit des russischen Militärs im Ukraine-Krieg noch übrig ist. „Die Tatsache, dass diesen Wagner-Kämpfern die Chance gegeben wird, nach der Teilnahme an einem verräterischen Aufstand in den Schoß zurückzukehren, ist ein Hinweis darauf, wie sehr es dem russischen Verteidigungsministerium an effektiver Kampfkraft mangelt“, sagte Barros.

Allerdings dürften die Wagner-Söldner laut Barros von ihren ehemaligen Kommandeuren und Mitstreitern getrennt und in separate Einheiten aufgeteilt werden. So müsse die Führung in Moskau keinen erneuten Aufstand fürchten. „Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, dass der Kreml der Stabilität des Regimes Vorrang vor Kampfeffektivität einräumt“, fügte der Analyst hinzu.

Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten

Zu den Scharfmachern im Ukraine-Krieg gehört auch Ramsan Kadyrow.
Am 2. März 2007 wählte das tschetschenische Parlament ihn auf Putins Vorschlag zum Präsidenten des Landes
Der russische Außenminister Sergei Lawrow ist so etwas wie „Putins rechte Hand“.
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs wiederholt Lawrow seine Vorwürfe, der Westen führe in der Ukraine Krieg gegen Russland.
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Muss Putin weiter um die Macht in Russland fürchten?

Dennoch bleibt nach der Wagner-Meuterei eine gewisse Unsicherheit. „Wir wissen nicht, mit wem Prigoschin möglicherweise zusammengearbeitet hat, wer wirklich von dem Chaos profitiert hat, das er hätte auslösen können, wenn er Moskau erreicht hätte, oder wer jetzt wirklich davon profitiert, Prigoschins Interessen in Russland und international zu zerstören“, erklärte Samuel Bendett, ein Berater des „Center for Naval Analyses“ gegenüber Newsweek.

„Wir wissen nicht, wie weit Prigoschin gehen würde, wenn seine Verhandlungen mit Putin oder Lukaschenko scheitern würden, und wir wissen auch nicht, wie groß die Unterstützung für seine Meuterei unter den einfachen Wagner-Kämpfern ist.“ Zudem habe Prigoschin darüber gesprochen, sich mit seinen Offizieren zu beraten, bevor er nach Rostow aufgebrochen sei. „Was passiert jetzt mit diesen Offizieren?“

Wo Prigoschin sich derzeit aufhält, ist unklar. Der Kreml ist nach eigenen Angaben nicht über seinen Aufenthaltsort unterrichtet. Belarus‘ Machthaber Alexander Lukaschenko erklärte, Prigoschin sei seines Wissens nach in der russischen Millionenstadt St. Petersburg. „Auf dem Territorium von Belarus ist er nicht“, sagte Lukaschenko. In St. Petersburg befinden sich die Zentrale von Prigoschins Firmenimperium Concord und sein Wohnsitz. In russischen Medien kursierten derweil seit Mittwoch Fotos von Prigoschins Wohnsitz. Diese wurden bei den Hausdurchsuchungen am Tag der Revolte gemacht. 

Derweil droht ein Machtkampf um das Prigoschin-Imperium: Russlands Präsident schlägt offenbar zurück. (cs)

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