Krieg in der Ukraine

Ukraine geht bei Gegenoffensive die Luft aus – „Parität mit Russland“

  • Stefan Krieger
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Die Ukraine benötigt moderne Waffen für Fortschritte in der Front, sagt ein Militärsprecher - und nennt den Bereich, in dem Russland überlegen sei.

Kiew – Die Ukraine wehrt seit mehr als 20 Monaten im Krieg die großangelegte russische Invasion ab, die von Moskau nach wie vor als „militärische Spezialoperation“ bezeichnet wird. Auch aktuell verzeichnet der ukrainische Generalstab zahlreiche Bodengefechte entlang der fast 1000 Kilometer langen Front im Osten und Süden des Landes. Am Donnerstag (2. November) ist der 617. Tag des Krieges.

Der Bodenkrieg hat sich in den letzten Wochen festgefahren – was der ukrainische Oberkommandierende Walerij Saluschnyj als große Gefahr ansieht. Nur ein Technologiesprung könnte einen Ausweg aus diesem Stellungskrieg öffnen, schrieb der General in einem Beitrag für die britische Zeitschrift The Economist. „Ein Stellungskrieg dauert lange und birgt enorme Risiken für die Streitkräfte der Ukraine und für den Staat.“ Stillstand auf dem Schlachtfeld helfe nur Russland, die Verluste seiner Armee auszugleichen.

Ukraine-Krieg: Kiew will mehr und bessere Technik

Die Ukraine brauche insbesondere Flugzeuge, so Saluschnyj. Die fehlende Deckung aus der Luft gilt als ein Grund, warum die Bodenoffensive der Ukrainer in diesem Sommer kaum vorangekommen ist. Mit den versprochenen Kampfjets vom Typ F-16 aus verschiedenen Ländern kann Kiew erst im kommenden Jahr rechnen. Verbesserte Drohnen müssten das Fehlen von Kampfflugzeugen ausgleichen, folgerte der General. Der Schlüssel zu einem Erfolg im Drohnenkrieg sei eine verbesserte elektronische Kampfführung, um russische Fluggeräte zu stören und abzufangen. Russland sei in diesem Punkt überlegen.

Ein ukrainischer Soldat in der Region Donezk. Noch ist der Ukraine nicht gelungen, die russischen Linien entscheidend zu durchbrechen.

Die ukrainische Armee müsse auch besser ausgestattet werden, um russische Artilleriestellungen zu bekämpfen. „Derzeit haben wir Parität mit Russland erreicht durch kleinere, aber genauere Feuerkraft. Doch das wird nicht andauern“, schrieb Saluschnyj. Weiter brauche die Ukraine moderne Ausrüstung zum Minenräumen, weil die russische Armee bis zu 20 Kilometer tiefe Minengürtel angelegt habe.

Kaum Geländegewinne für die Ukraine im Krieg

„Russland darf nicht unterschätzt werden“, schrieb der Oberkommandierende. Der Gegner habe im Ukraine-Krieg zwar viele Soldaten verloren, und Präsident Wladimir Putin scheue nach wie vor eine Generalmobilmachung. Aber auch die Ukraine habe Probleme, Reserven aufzubauen. Der Kreis der wehrpflichtigen Männer müsse ausgeweitet werden.

Anders als bei der Rückeroberung großer Gebiete im vergangenen Jahr haben sich in diesem Sommer ukrainische Hoffnungen auf Geländegewinne kaum erfüllt. Allerdings haben die ukrainischen Verteidiger Russlands Stellungen auf der Krim geschwächt und die russische Marine aus dem westlichen Schwarzen Meer vertrieben. Wolodymyr Selenskyj und seine Führung halten an der Befreiung aller besetzten Gebiete als Kriegsziel fest.

Mit dem Einsetzen des Herbstwetters stoßen Kiews Truppen auf weitere Schwierigkeiten. Den ukrainischen Streitkräften ist es noch nicht gelungen, die russischen Verteidigungslinien vollständig zu durchbrechen und die Zielstädte Tokmak, Berdjansk und Wassyliwka zu erreichen. Ihr Tempo wird durch Minenfelder, Luftangriffe, Mangel an Spezialausrüstung, Erschöpfung der Truppen und die Unsicherheit, wie es mit westlichen Militärhilfen weitergeht, stark eingeschränkt.

Hoffnung auf Militärhilfe aus dem Westen

Viele Analysten fragen sich, ob die Operation bereits abgeschlossen ist. So scheint es wahrscheinlich, dass die ukrainischen Vorstöße, insbesondere im Süden, eine Zeit lang sehr langsam und lokal begrenzt bleiben werden. Die Aufmerksamkeit beider Seiten wird sich nach Osten verlagern, nach Awdijiwka und in geringerem Maße auch nach Kupjansk, wo sich die ukrainischen Truppen ausruhen und auf die benötigten Mittel warten.

Eine Quelle aus dem militärischen Nachrichtendienst erklärte gegenüber dem Kyiv Independent, dass die Ukraine vor allem auf die von den westlichen Verbündeten versprochenen Flugzeuge wartet. „Denn dann ist es ein ganz anderer Krieg“, sagte der Informant, der namentlich nicht genannt werden wollte.

Dies bedeutet keineswegs, dass die südöstliche Gruppierung oder das ukrainische Militär im weiteren Sinne keine Kraft mehr haben. Sie machen immer noch Fortschritte in der Nähe von Robotyne, trotz all der Dinge, die sie zurückhalten. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Ukraine über Reserven verfügt, aber sie muss sehr vorsichtig sein, wie sie diese einsetzt, so die Einschätzung von Experten.

Das Gleichgewicht im Ukraine-Krieg kann sich leicht verschieben

„Ist die Gegenoffensive gestoppt? Das ist schwer zu sagen“, wird Serhiy Kivliuk, ein pensionierter ukrainischer Oberst des Think Tank Center for Defense Strategies im Kyiv Independent zitiert: „Ich persönlich glaube, dass die Offensive in Richtung Asow gestoppt wurde; die nächste Phase wird Kupjansk und Awdijiwka betreffen.“ Er sieht allerdings auch Grund zur Hoffnung: „Andererseits kommen die Streitkräfte in der Nähe von Werbowe und Robotyne anständig voran, und wenn sie dort den Druck erhöhen können, können sie durchbrechen und auf Tokmak vorrücken.“

Der ehemalige britische Oberstleutnant Glen Grant, der jetzt als Militärberater tätig ist, ist der Meinung, dass die Ukraine in der gegenwärtigen Phase noch die Oberhand hat. „Das Gleichgewicht könnte sich aber ganz leicht verschieben.“

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

In der Zwischenzeit bereiten ukrainische Kräfte möglicherweise einen Angriff auf der anderen Seite des Flusses in der Oblast Cherson vor. Truppen überquerten den Fluss Dnipro, um russische Artilleriestellungen anzugreifen, und versuchen möglicherweise, einen Brückenkopf für größere Angriffe zu sichern.

„Wenn sie in der Lage sind, eine gepanzerte Brigade über den Fluss zu verlegen und hinter den Verteidigungslinien anzugreifen, würde das die Russen absolut lähmen“, so Grant. Es sei unklar, ob die Russen mit ihrer Luftüberlegenheit einen sicheren Brückenkopf schaffen könnten.

Alles in allem ist die Lage an allen Teilen der Front nach wie vor unübersichtlich. Für die ukrainischen Truppen hat sich trotz der Rückschläge eines nicht geändert – sie sind immer noch in der Lage, mit wenig Mitteln vieles zu erreichen. „Sie haben unter den gegebenen Umständen eine phänomenale Leistung erbracht“, so Grant. (skr/dpa)

Rubriklistenbild: © ANATOLII STEPANOV/afp

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