Neben „Säuresee“

Katastrophe „schlimmer als Tschernobyl“ droht - Russland montiert Bomben an Chemiefabrik auf Krim-Halbinsel

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Ein Straßenschild in der Nähe des Kontrollpunkts Perekop an der ukrainischen Grenze weist den Weg zum Chemiewerk „Krim Titan“.
  • VonBettina Menzel
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Ukrainischen Angaben zufolge soll Russland das Chemiewerk „Krim Titan“ mit Sprengstoff versehen haben. Eine Explosion könnte schlimmere Folgen als die Tschernobyl-Katastrophe haben, meint ein Experte.

Krim - Der Ukraine könnte eine weitere Umweltkatastrophe drohen – mit schlimmeren Folgen als nach der Sprengung des Kachowka-Staudamms und sogar gravierender als die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Russische Truppen sollen ukrainischen Militärangaben zufolge Sprengstoff an einem Chemiewerk auf der besetzten Halbinsel Krim angebracht haben. Im Fall eines Vormarschs ukrainischer Truppen im Ukraine-Krieg könnte Moskau den Sprengsatz detonieren lassen und damit giftige Substanzen freisetzen.

Russische Truppen sollen Sprengstoff am Chemiewerk „Krim Titan“ angebracht haben

Das ukrainische Einsatzkommando Süd hatte bereits Anfang Juni gemeldet, dass russische Streitkräfte Stoffe auf das Gelände des „Crimea Titan“-Werks bei der Stadt Armiansk auf der Krim bringen und damit in weiterer Folge eine Explosion auslösen könnten, bei der verschiedene giftige Stoffe in die Luft freigesetzt würden. Über entsprechende Informationen berichteten auch die Kriegsexperten der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) am 2. Juni.

Die Chemieanlage sei bereits vollständig vermint, „einschließlich der Behälter mit Säure, Chlor und Reagenzien“, bestätigte der ukrainische Militäranalytiker Roman Switan in einem Fernsehauftritt bei Apostrophe TV am Donnerstag. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen. Wenn russische Truppen ein Vorrücken ukrainischer Streitkräfte befürchten, könnten sie den Sprengstoff an der chemischen Industrieanlage zünden, so die Befürchtung in Militärkreisen. Das Chemiewerk soll neben einem giftigen „Säuresee in der Größe einer Kleinstadt“ liegen, wie die Zeitung Kyiv Post am vergangenen Freitag berichtete.

Ein Angestellter des Chemiewerks Krim Titan in Armyansk in der Werkstatt für Titandioxidpigmente (Archivbild, Mai 2022).

Leiter der Militärverwaltung Cherson warnt vor Katastrophe „schlimmer als Tschernobyl“

Der Leiter der ukrainischen Militärverwaltung von Cherson, Oleksandr Prokudin, warnte davor, dass eine Detonation am Chemiewerk zu einer Katastrophe führen würde, die schlimmer wäre als der Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl im Jahr 1986. Von der Umweltkatastrophe betroffen wären die Bewohner der Krim, mindestens sieben weiterer Regionen der Ukraine, die Türkei sowie Russland selbst, teilte Prokudin auf Telegram mit. Rund 200 Tonnen Ammoniak würden in der Anlage zu Kühlzwecken verwendet, sodass eine Explosion zur Bildung einer Ammoniakwolke führen könnte, hieß es laut der ukrainischen Nachrichtenagentur Ukrinform unter Berufung auf Militärgeheimdienstanalysten.

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Das Chemiewerk „Crimea Titan“ (zu Deutsch: Krim Titan) gilt als der größte osteuropäische Hersteller von Titandioxidpigmenten. Die Chemikalie kommt in Sonnenschutzmitteln, Farbe, Zahnpasta oder Medikamenten zum Einsatz, wurde allerdings als Lebensmittelzusatzstoff in der Europäischen Union im vergangenen Jahr verboten. Im Jahr 2018 hatte die US-Zeitung New York Times berichtete, dass rund 4.000 Kinder aus der Region um die Industrieanlage evakuiert worden waren, da giftiges Schwefeldioxid-Gas aus dem giftigen Säuresee neben dem Chemiewerk ausgetreten war. Die Bewohner der betroffenen Region litten teilweise unter Atembeschwerden und Allergien, Felder hatten sich schwarz gefärbt. (bme)