Neuer Fokuspunkt im Krieg

„Schwer, aber möglich“: Wie die Ukraine die Krim zurückerobern könnte

  • Andreas Apetz
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Die Ukraine plant die Rückeroberung ihrer besetzten Gebiete – darunter auch die Krim. Wie eine Gegenoffensive auf der Halbinsel aussehen könnte.

Sewastopol – Für die erwartete „Frühjahrsoffensive“ der Ukraine naht die kritische Phase. Dabei rückt ein Schauplatz immer mehr in den Mittelpunkt: Die Krim. Kurz nachdem sich Kiew „bereit“ für seine Gegenoffensive erklärt hatte, explodierten auf der Schwarzmeer-Halbinsel mehrere Treibstofftanks. Das sei nur ein Vorgeschmack auf die „mächtigen Aktivhandlungen unserer Verteidigungskräfte“, erklärte die Pressesprecherin des Südkommandos der ukrainischen Armee, Natalija Humenjuk.

Auch Tamila Taschewa, oberste Beauftrage von Präsident Wolodymyr Selenskyj, zeigte sich kämpferisch: „Die Krim wird befreit werden. Für uns gibt es kein Zurück“, wird die Diplomatin vom US-Portal Newsweek zitiert. Wie diese Rückeroberung aussehen könnte, erläuterten dort mehrere Militärexperten.

Gegenoffensive der Ukraine: Krim von Russland gut geschützt

Russische Soldaten in Armjansk im Norden der Krim. (Archivfoto)

Mark Cancian, Oberst des US-Marinekorps im Ruhestand und leitender Berater des Zentrums für Strategische und Internationale Studien (CSIS), geht in seiner Analyse von einer mehrere Monate andauernden ukrainischen Offensive aus. Dabei könne sich auf der Krim ein stetig wiederholender Kreislauf abspielen. „Sie werden sehen, wie sich diese Dynamik abspielt: Angriff, Gebietsgewinn, Pause, Wiederaufbau, erneuter Angriff“, erklärt Cancian Newsweek.

Grund für diesen Ablauf seien etwa die ausgedehnten Verteidigungsanlagen der russischen Besatzer auf der Krim, die einen Vormarsch für die ukrainischen Streitkräfte extrem kräftezehrend machen könnten. Laut dem britischen Verteidigungsministerium sind die russischen Frontlinien mit einigen der „umfangreichsten militärischen Verteidigungsanlagen“ weltweit bestückt. Satellitenbilder hätten zudem gezeigt, dass Russland aktuell in seine Befestigungen im Norden der Krim intensiviert.

Krim-Rückeroberung im Ukraine-Krieg: Versorgungswege von zentraler Bedeutung

Ein schneller Durchmarsch sei für die ukrainischen Soldaten wohl nicht möglich, stattdessen könne man von einer „verlängerten Belagerung“, urteilte Cancian. Dabei komme es vor allem darauf an, die Infrastruktur der russischen Armee zu zerschlagen. Der strategisch wichtigste Punkt sei die Brücke über Straße von Kertsch. Sie überbrückt die Meerenge und verbindet die Krim mit dem russischen Festland. Mit der Eroberung der Krim-Brücke wäre der wichtigste Versorgungsweg des russischen Militärs abgeschnitten. Eine solche Eroberung hält Cancian für „schwer, aber möglich.“

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

„Sie werden, so hofft man, schließlich bis zur Küste vordringen und sie dann belagern. Dort müssen sie die Brücke und die Boote vernichten, die die Krim versorgen. Anschließend müssen sie die militärischen Einrichtungen wochen- oder monatelang angreifen, bevor sie einen Bodenangriff versuchen können“, beschrieb Cancian das mögliche Vorgehen des ukrainischen Militärs.

Ukraine-Krieg: Drohnen sollen Infrastruktur auf der Krim schädigen

Die ersten Befreiungsschläge der ukrainischen Armee werden die Krim vermutlich nicht über Land, sondern aus der Luft treffen. Drohnen könnten eine entscheidende Rolle spielen, um zunächst die russische Infrastruktur zu schädigen. Die „Unterwanderung der feindlichen Logistik“ sei eines der Vorbereitungselemente für die große Gegenoffensive, erklärte das ukrainische Militär nach den Explosionen in Sewastopol Ende April.

Samuel Bendett, Mitglied der Denkfabrik „Center for a New American Security“, ist sich sicher, dass die erste Angriffswelle die Krim in Form von Drohnen treffen wird. Noch im Dezember bezeichnete Krim-Ministerpräsident Sergei Aksjonow beim russischen Nachrichtendienst Tass die unbemannten Flugzeuge als „größte Gefahr für die Krim“. Im Ukraine-Krieg vertraute Kiew von Beginn an auf den Einsatz von Drohnen. Kürzlich veröffentlichte Aufnahmen offenbarten, dass der Ukraine wohl auch unerwartet hoch-technisierte Drohnen aus den USA zur Verfügung stehen.

Experte warnt: Eroberung der Krim muss gut geplant sein

Der ehemalige US-Armeegeneralleutnant Stephen Twitty wies im Gespräch mit Newsweek darauf hin, dass die militärische Eroberung der Krim nur der erste Schritt für eine langfristige Wiedereingliederung des Gebiets in die Ukraine sei. Man müsse sich auch Gedanken machen, wie die Halbinsel zu halten sei. Twitty plädierte für langsame und sukzessive Offensivoperationen, um bei der finalen Eroberung genügend Truppen zur Verfügung zu haben, um das umkämpfte Gebiet auch langfristig befestigen zu können.

Selenskyj gibt sich im Vorfeld der bevorstehenden Offensive selbstbewusst. Wie seine oberste Beraterin der Presse mitteilte, hat der Präsident bereits Anweisungen für die Phase nach der Räumung der Krim gegeben. Für den russischen Präsidenten Wladimir Putin könnte der Kampf um die Halbinsel indes zur Schicksalsfrage werden. Expertenmeinungen zufolge würde ein Verlust der Krim in Russland zum „totalen Kollaps“ führen. (aa/dpa)

Rubriklistenbild: © Konstantin Mihalchevskiy/Sputnik/dpa

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