Carlson-Interview
„Kein Interesse am globalen Krieg“: Putin will Polen angeblich verschonen – unter einer Bedingung
VonJens Kiffmeierschließen
Marschiert Russland in Polen ein? Im Carlson-Interview hat Putin das Szenario als haltlose Propaganda gegeißelt. Doch die Zweifel der Nato bleiben groß.
Moskau – Erst Lettland, Litauen und Estland – und dann vielleicht auch Polen: Im Westen sind zuletzt die Ängste vor einer Ausweitung des Ukraine-Krieges gestiegen. Doch die Warnungen innerhalb vieler Nato-Staaten vor einem Angriff Russlands auf benachbarte Länder hat Präsident Wladimir Putin jetzt in einem viel beachteten Interview als völlig unbegründet zurückgewiesen.
Beteuerung im Carlson-Interview: Putin schließt Ausweitung vom Ukraine-Krieg auf Polen aus
Nach Angaben des Kremlchefs steht ein Einmarsch von Russland in die Nato-Staaten Polen oder Lettland im Grunde „komplett außer Frage“ – mit einer Ausnahme: Auf die Frage, ob er sich ein Szenario vorstellen könne, in dem er russische Truppen nach Polen schicken würde, entgegnete Putin in einem am Donnerstagabend zur besten Sendezeit in den USA ausgestrahlten Interview mit US-Moderator Tucker Carlson: „Nur in einem Fall: wenn Polen Russland angreift.“
Russland habe kein Interesse an Polen, Lettland oder anderen Ländern, sagte Putin weiter. „Warum sollten wir das tun? Wir haben einfach kein Interesse.“ Es widerspreche dem gesunden Menschenverstand, sich auf „eine Art globalen Krieg“ einzulassen, so Putin weiter. Den Nato-Staaten warf er vor, die eigene Bevölkerung mit dem Vorgaukeln einer „imaginären russischen Bedrohung“ einzuschüchtern.
Interview mit Tucker Carlson: Putin stellt sich den Fragen des rechten Hetzers
Das Interview war mit Spannung erwartet worden. Der rechte US-Talkmaster Tucker Carlson hatte das Gespräch mit dem Kremlchef bereits am Dienstag in Moskau geführt. Das 127 Minuten lange Interview erschien in der deutschen Nacht zu Freitag auf Carlsons Webseite und der Plattform X, vormals Twitter. Es ist das erste ausführliche Gespräch Putins mit einem US-Interviewer seit Beginn seines Angriffskrieges gegen die Ukraine vor fast zwei Jahren. Carlson hatte das Interview zuvor als großes Medienereignis angekündigt.
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Trotz Putin-Aussage: Nato hält Angriff von Russland auf Polen und das Baltikum für möglich
Innerhalb der Nato schenkt man der Passage über Polen und das Baltikum wenig Glauben – angesichts wiederholter Drohungen aus Moskau. Auf Nachfrage mahnte der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrats der USA, John Kirby, dass nichts, was in dem Interview gesagt wurde, für bare Münze zu nehmen sei. „Erinnern Sie sich daran: Sie hören Wladimir Putin zu“, sagte er laut der Nachrichtenagentur dpa – auch vor dem Hintergrund, dass der 54-jährige Carlson für die Verbreitung von Verschwörungstheorien bekannt ist und im vergangenen Jahr vom erzkonservativen US-Sender Fox News entlassen worden war.
In der Europäischen Union (EU) und in der Nato bereitet man sich deswegen weiterhin auf alle möglichen Szenarien vor. Aktuell läuft an der Ostflanke des Verteidigungsbündnisses eines der größten Übungsmanöver. Mit fast 90.000 Soldatinnen und Soldaten wird bei „Steadfast Defender 2024“ auch ein möglicher russischer Angriff simuliert.
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Dies geschieht auch vor dem Hintergrund, dass viele westliche Verantwortliche ein derartiges Szenario nicht mehr für ausgeschlossen halten. So hatte Polens Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz erst vor wenigen Tagen angekündigt, dass sich sein Land auf den Ernstfall vorbereite und die Rüstungsausgaben aufstocken werde, um Lücken in der Verteidigung zu schließen. „Ich rechne mit jedem Szenario und nehme die schlimmsten am ernstesten“, sagte er der Tageszeitung Super Express.
Ähnlich äußerten sich auch seine Amtskollegen aus dem Baltikum und aus Rumänien. Ebenso hat auch schon der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) vor einem Angriff Russlands auf ein Nato-Land gewarnt und gefordert, dass die Bundeswehr deswegen wieder „kriegstüchtig“ werden muss.
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Die Zweifel sind wohl auch deswegen so groß, weil Putin ähnliche Beteuerungsschwüre auch vor Beginn des Ukraine-Krieges verlautbaren ließ. Daran erinnerte auch kürzlich Thomas Jäger, Professor für internationale Politik an der Universität zu Köln. Äußerungen, dass Russland niemanden angreifen wolle, folgten einem „bekannten Drehbuch“, sagte er kürzlich dem Kölner Stadtanzeiger. Spätestens seit Kriegsbeginn im Februar 2024, so der Politikexperte weiter, wisse man, „dass wir gar keinen Tag mehr Zeit haben“. (jkf)
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