Dementi in der Ukraine

Befehlshaber Saluschnyj entlassen? Kiew dementiert Gerüchte im Ukraine-Krieg

Dieses Handout-Foto, das am 3. November 2023 vom Pressedienst des ukrainischen Präsidenten aufgenommen und veröffentlicht wurde, zeigt den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und den Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte Valeriy Zaluzhny (2. v. l.) beim Besuch eines Trainingszentrums.
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General Walerij Saluschnyj (2. von links) gilt als beliebt bei seinen Soldaten und im Volk. Das Verhältnis zu Präsident Wolodymyr Selenskyj scheint nicht mehr das beste zu sein.
  • Alexandra Heidsiek
    VonAlexandra Heidsiek
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In der Ukraine brodelt die Gerüchteküche. Präsident Selenskyj soll Oberbefehlshaber Saluschnyj entlassen haben. Das Dementi folgt prompt.

Kiew – Aufregung in der Ukraine: Am Abend des 29. Januar meldete die Nachrichtenagentur Interfax, dass Präsident Wolodymyr Selensky den populären Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj entlassen habe. Der Oberkommandeur der Streitkräfte hatte sich mit seinen Leistungen im Ukraine-Krieg 2022 einen Namen gemacht. Zuletzt häufte sich jedoch Unzufriedenheit über die misslungene Sommeroffensive.

Das ukrainische Verteidigungsministerium teilte dazu auf Telegram kurz und bündig mit: „Sehr geehrte Journalisten, wir antworten allen zugleich: Es stimmt nicht.“ Auch der Pressesprecher des Präsidenten, Serhij Nykyforow, dementierte die Gerüchte. Mehrere Quellen des unabhängigen russischen Nachrichtenportals Medusa bestätigten, dass es sich um Falschinformationen handele und keine baldigen Entlassungen anstünden. Weder Selensky noch Saluschnyj äußerten sich bisher dazu.

Walerij Saluschnyj präsentiert sich der Öffentlichkeit nicht unbedingt als distanzierter Feldherr

Saluschnyj wurde wenige Monate vor Beginn des Ukraine-Kriegs auf seinen Posten berufen. Mit seinen Erfolgen an der Front ist der Oberkommandeur in der Bevölkerung sowie der Armee beliebt und ist für viele Ukrainer:innen ein Symbol des Widerstands gegen Russland. Laut Daten des Soziologieinstituts in Kiew übersteigen seine Zustimmungswerte aktuell sogar die des Präsidenten.

Von politischen Ambitionen distanziert er sich zwar, trotzdem gilt das Verhältnis zwischen Saluschnyj und dem ukrainischen Präsidenten schon seit Längerem als angespannt – wohl auch deshalb, weil der Oberkommandeur zu Selenskyjs politischem Konkurrenten aufsteigen könnte.

Ist der Streit zwischen Selensky und Saluschnyj echt oder inszeniert?

Im November 2023 forderte die Abgeordnete der Präsidentenpartei Diener des Volkes, Marjana Besuhla, Saluschnyjs Rücktritt, weil dieser zu planlos in das neue Jahr ginge. Ein echter Streitpunkt ist zudem die Mobilisierung: Einem Gesuch Saluschnyjs, die Armee aufzustocken, will Selenskyj nicht stattgeben.

Wolodymyr Selenskyj – Vom Komödianten zum Symbol des Widerstands

Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion. Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland.
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj kandidiert in der Ukraine
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig. Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland.
Wolodymyr Selenskyj – Vom Komödianten zum Symbol des Widerstands

Präsidialstab und Militärführung sind sich auch darüber uneinig, wie erfolgreich die Kämpfe verlaufen. Der Krieg befände sich in einem Patt, konstatierte Saluschnyj schon vor einigen Monaten in einem Essay für das britische Magazin Economist. Auch die aktuellen Dossiers des britischen Geheimdiensts teilen diese Einschätzung. Selensky hingegen distanziert sich von solchen Aussagen. Im Gespräch mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte er deutlich: „Es gibt keine Pattsituation.“

Der Journalist Denis Trubetskoy glaubt, dass „eine Personalentscheidung mittelfristig möglich sein könnte“ und dass es „unterschiedliche Argumente dafür und dagegen“ gebe. Insgesamt bleibe zu hoffen, dass sich alle Seiten noch auf konstruktive Zusammenarbeit einigen. „Ich schließe aber nicht aus, dass man einen Personalwechsel aus nicht ganz abwegigen Gründen für unausweichlich hält“, schrieb Trubetskoy auf der Online-Plattform X. (ah)

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