Putin auf dem Vormarsch

Festgefahrene Front im Ukraine-Krieg: Kampf um Tschassiw Jar könnte Wendepunkt für Russland werden

  • VonSimon Schröder
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Tschassiw Jar, Schlüsselstandort im Ukraine-Krieg, steht unter großem Druck durch Putins Armee. Eine wichtige Brigade wird abgezogen. Kann die Stadt gehalten werden?

Kiew – Die Situation im Ukraine-Krieg ist festgefahren. Jetzt hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auch noch Probleme abseits der Front. Die ukrainische Stadt Tschassiw Jar wurde lange von der 67. mechanisierten Infanterie gehalten und verteidigt. Nun wird die Brigade plötzlich abgezogen – aufgrund von Differenzen zwischen dem Verteidigungsministerium in Kiew und rechten Extremisten der Gruppe.

Das Problem einzelner rechter Gruppen im Militär hatte die Ukraine bisweilen gut im Griff. Nach wochenlangem Hin und Her hat das Verteidigungsministerium nun entschieden: Die Brigade wird von der Stadt abgezogen und von der Front verlegt. Die 67. mechanisierte Brigade hielt die Stellung an der strategisch wichtigen Stadt Tschassiw Jar. Der Zeitpunkt hätte nicht unpassender sein können.

Denn: Die russischen Truppen sind auf dem Vormarsch – gerade jetzt benötige die Stadt mehr Feuerkraft, wie Forbes berichtet. Die regionale Brigade, die als Ersatz herhalten muss, ist der mechanisierten Brigade allerdings deutlich unterlegen. Nun müssen Drohnen die fehlende Sprengkraft kompensieren, um Wladimir Putins Truppen abzuwehren.

Ein Soldat bei der Verteidigung der Stadt Tschassiw Jar.

Geografisch wichtige Position macht Tschassiw Jar zum Schlüssel der Donezk Region im Ukraine-Krieg

Jetzt, da die Brigade abgezogen wurde, steht es schlecht um die Verteidigung. Bereits im Januar spaltete sich eine medizinische Versorgungseinheit und eine Angriffstruppe von der Brigade ab. Schon damals gab es Berichte von Differenzen zwischen der Führung und den untergeordneten Truppen. Nun waren die Probleme allerdings so gravierend, dass man die Brigade verlegen musste. Und das, obwohl sich der Kreml das Ziel gesetzt hatte, die Stadt bis spätestens zum 9. Mai eingenommen zu haben.

Und die Stadt an der ukrainischen Front ist in einer geografisch wichtigen Position. Auf einer Anhöhe überblickt Tschassiw Jar die Städte Kostjantyniwka und Kramatorsk. Vor allem der Kanal Distrikt muss verteidigt werden, um Russlands Armee langfristig aus der Stadt fernzuhalten. Frontelligence Insight, eine ukrainische Gruppe für Militäranalyse, ist sich sicher: „Sollte die Ukraine die Kontrolle über Tschassiw Jar verlieren, könnte das schwerwiegende Folgen haben.“

Die Ukraine braucht Verstärkung, um die Donezk Region halten zu können

Ein Sprecher des ukrainischen Militärs, Nazar Voloshyn, äußerte sich in einem Statement: „Wenn es den russischen Besatzern gelingt, diese Stadt einzunehmen, haben sie die Möglichkeit, eine Offensive auf Kostjantyniwka, Druzhkivka, Kramatorsk und Slowjansk zu starten.“ Und diese Städte seien die letzten Bollwerke der Ukrainer, in der Donezk Region, wie Voloshyn noch anmerkte. Sollte Tschassiw Jar fallen, könnte das somit einen Dominoeffekt für die gesamte Donezk Region auslösen, wonach die übrigen Städte nicht mehr gehalten werden können.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Bis auf 500 Meter sollen russische Truppen bisher an die Stadt herangekommen sein, wie auf Politico zu lesen ist. Zwar ist die ukrainische Stadt nach wie vor unter der Kontrolle Kiews, aber Tschassiw Jar brauche dringend Verstärkung. Und auch die Soldaten vor Ort haben schon bessere Tage gesehen. „Die Qualität der Ausbildung, einschließlich der moralischen und psychologischen Komponente, muss verbessert werden“, sagte Oleksandr Syrskyi, der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte.

Um die ukrainische Stellung besser zu verteidigen, sollen jetzt mehr Hightech-Drohnen und Roboter in Tschassiw Jar stationiert werden. Syrskyi kündigte an, dass die Garnison der Stadt zusätzlich mit „unbemannten Hightech Systemen für verschiedene Zwecke, mit geschultem Personal“ versehen werden soll. Ob das den russischen Vormarsch vorerst bremsen wird, bleibt zu hoffen. (SiSchr)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Hector Adolfo Quintanar Perez

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