US-Wahl 2024

„Biden muss aussteigen“: Schlappe im TV-Duell lässt Demokraten keine Ruhe

  • Nils Thomas Hinsberger
    VonNils Thomas Hinsberger
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Die Demokraten haben ein Problem. Der Partei schmilzt vor der US-Wahl im November die Basis weg – und Bidens verpatztes TV-Duell macht es nicht leichter.

Washington, D.C. – Der Schock sitzt tief in der demokratischen Partei der USA. Die Debatte zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten Donald Trump und Joe Biden lässt viele Menschen ratlos zurück. „Beide Kandidaten fühlen sich nicht wie brauchbare Option an“, sagt eine junge US-Amerikanerin gegenüber der Nachrichtenagentur Associated Press (AP).

„Du hattest einen, der lügt und einen, der kaum einen zusammenhängenden Satz zusammenbringen konnte“, urteilt eine weitere Frau aus Detroit. Dabei ist man von Trumps Taktik, so viele Unwahrheiten zu verbreiten wie möglich, weniger überrascht, als von der schwachen Leistung von US-Präsident Biden. Der 81-Jährige rang nach Worten, starrte bei Trumps Antworten auf den Boden und wirkte abwesend und schwach. Doch für die Demokraten in den USA bahnt sich eine weitere Gefahr vor der Wahl im November an.

Vor der US-Wahl 2024 – immer weniger Menschen sehen sich als Demokraten

Nun eröffnet eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup eine ganz neue Herausforderung für die demokratische Partei. Im Zuge einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts Gallup sollen sich nur noch 23 Prozent der Befragten als Demokraten bezeichnet haben, wie Newsweek berichtete. Das sei der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2004.

Kann er es noch? Nach dem TV-Duell sinkt die Zustimmung für US-Präsident Biden immer mehr. Doch auch vor dem Debakel gegen Trump sah es nicht gut für ihn aus.

Die Befragung, die im Zeitraum vom 3. bis zum 23. Juni unter 1005 erwachsenen US-Bürgern durchgeführt wurde, solle jedoch nicht zu ernst genommen werden, sagte Alan Abramowitz, Meinungsforschungsexperte und emeritierter Professor für Politikwissenschaften an der Emory University, gegenüber Newsweek. Er gibt zu bedenken, dass viele Wählerinnen und Wähler sich bei der US-Wahl 2024 als unabhängig betrachten und sich nicht auf Demokraten oder Republikaner festlegen würden.

Abramowitz verwies in diesem Zusammenhang auf eine Pew-Studie aus dem Jahr 2023, die zeigen soll, dass 97 Prozent der Wählerinnen und Wähler sich weder der demokratischen, noch der republikanischen Partei zugehörig fühlen würden. Unter diesen Umständen sei die Gallup-Studie nicht mehr so aussagekräftig, wie sie einmal war.

Studie nach TV-Duell: Demokraten haben ohne Biden bessere Chancen bei der US-Wahl 2024

Eine Umfrage von SSRS, im Auftrag von CNN, zeigt jedoch einen Zusammenhang zwischen den schlechten Werten für die Demokraten und ihrem Kandidaten Biden. 75 Prozent der Wählerschaft in den USA glaubt laut der CNN-Umfrage, dass die Demokraten ohne Biden eine bessere Chance auf einen Sieg bei den Präsidentschaftswahlen im November hätten. Unter den demokratischen Wählern sind es insgesamt 56 Prozent, die diese Meinung vertreten.

Zum Vergleich: unter den Anhängern der republikanischen Partei glauben 72 Prozent daran, dass sie mit Trump bessere Chancen auf einen Sieg haben, als mit einem anderen Kandidaten.

Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

Joe Biden gehört seit vielen Jahren zum Establishment der Demokratischen Partei und blickt auf eine lange politische Karriere zurück. Bei der US-Wahl 2020 ist es ihm im dritten Anlauf endlich gelungen, sein großes Ziel zu erreichen: Biden ist zum 46. Präsidenten der USA gewählt worden. Es war die Krönung eines jahrzehntelangen Politikerlebens, in dem er auch schwere Schicksalsschläge zu verkraften hatte.
Joseph „Joe“ Robinette Biden, Jr. wurde am 20. November 1942 in Scranton (Pennsylvania) geboren. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften begann der Jurist Ende der 60er-Jahre, sich politisch zu engagieren. Zunächst ließ er sich im US-Bundesstaat Delaware als Unabhängiger registrieren – weil er weder den republikanischen Präsidenten Richard Nixon noch den demokratischen Gouverneur Charles Terry ausstehen konnte. Um die Lage nach der Ermordung von Martin Luther King im April 1968 zu beruhigen, hatte Terry die Nationalgrade zu Hilfe gerufen. Für Biden wurde die Bürgerrechtsbewegung zum Auslöser seiner Politisierung.
Im Jahr 1972 trat Biden im Alter von nur 29 Jahren bei der Wahl zum US-Senat an. Er besiegte den langjährigen republikanischen Vertreter Cale Boggs und zog als einer der jüngsten Senatoren in den Kongress ein. Der Triumph wurde allerdings von einem schweren Autounfall am 18. Dezember 1972 überschattet, bei dem seine erste Ehefrau Neilia und Tochter Naomi ums Leben kamen. Die Söhne Beau und Hunter überlebten verletzt. Seinen Eid legte Biden im Januar 1973 am Krankenbett von Beau ab, dessen Bein immer noch im Streckverband war. 1977 heiratete Biden die Lehrerin Jill Tracy Jacobs. Aus dieser Ehe stammt Tochter Ashley.
Von 1973 bis 2009 saß Biden 36 Jahre lang als Vertreter des Bundesstaates Delaware im Senat. Er wohnte allerdings weiterhin in Wilmington (Delaware) und pendelte jeden Tag per Bahn nach Washington, D.C. 1994 war er maßgeblich an einem heute kontrovers diskutierten Gesetz zur Reform des Strafrechts und der Inneren Sicherheit beteiligt. Mitte der 90er sprach er sich für die Nato-Intervention in Bosnien-Herzegowina und die Bombardierung Serbiens im Kosovo-Krieg 1999 aus. Im Jahr 2002 stimmte er für die Irak-Resolution.
Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

Diese Einschätzung spiegelt sich auch in der Frage danach wider, für wen sich die Wählerinnen und Wähler als nächsten Präsident entscheiden würden. Dabei gaben 49 Prozent an, für eine zweite Amtszeit von Ex-Präsident Donald Trump zu stimmen. Biden kommt hier auf 43 Prozent – eine Differenz von 6 Prozent. In einer Umfrage vom 27. Juni, einen Tag vor der TV-Debatte, zeigte eine Studie der New York Times, dass Trump bei 48 Prozent und Biden bei 44 Prozent lag.

Demokraten wollen Biden vor US-Wahl 2024 ersetzen

Die New York Times berichtete, dass es bereits kurz nach dem TV-Duell zwischen Biden und Trump Gespräche in den Reihen der Demokraten gegeben habe. Dabei sei beraten worden, ob es zu spät sei, ihren Präsidentschaftskandidaten noch auszutauschen. Der demokratische Aktivist und Anwalt Jay Surdukowski wurde deutlich und sagte: „Biden ist erledigt“.

Laut Politico merkte ein wichtiger Spender der Demokraten an: „Biden muss aussteigen. Daran besteht kein Zweifel.“ Aber wer könnte sich gegen Trump bei der anstehenden Wahl behaupten? Die Demokraten könnten hier auf zwei weibliche Alternativen zurückgreifen.

Eine mögliche Alternative könnte die amtierende Vize-Präsidentin Kamala Harris sein, die jedoch aufgrund schlechter Umfragewerte nicht die erste Wahl sein dürfte. Nur 36 Prozent sind laut einer Umfrage von USA Today zufrieden mit ihrer Arbeit. Eine weitere, wesentlich beliebtere Option könnte Michelle Obama sein. Die Umfragewerte der Frau von Ex-Präsident Barack Obama sehen im Vergleich zu anderen Kandidaten sehr gut aus – ob sie die Kandidatur annehmen würde, ist jedoch fraglich. Bislang hat sie sich strikt dagegen gewehrt. (nhi)

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