Wahlen in den USA

Ein Kennedy als Präsidentschaftskandidat? Für Biden könnte ein Alptraum wahr werden

  • Stefan Krieger
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Robert F. Kennedy Jr. könnte bei den US-Wahlen als unabhängiger Kandidat antreten. Das dürfte Joe Bidens Wiederwahlchancen schmälern.

Washington D.C. – Spekulationen über einen möglichen Austritt von Robert F. Kennedy Jr. aus der Demokratischen Partei könnten zum Problem für Joe Biden werden – zumindest, was die Chancen des Präsidenten für eine Wiederwahl im Jahr 2024 anbelangt.

Ein Wähler fragte Kennedy unlängst bei einer Veranstaltung in North Charleston, South Carolina, ob dieser eine unabhängige Kandidatur für das Weiße Haus in Betracht ziehe. Der Neffe von Präsident John F. Kennedy und Sohn des Generalstaatsanwalts Robert F. Kennedy schloss nichts aus – obwohl er betonte, dass er entschlossen sei, seine Bande zu den Demokraten beizubehalten. Einer Partei, die seit langem eng mit dem Kennedy-Clan verbunden ist.

Kennedy schränkte allerdings ein, die Demokraten versuchten, „sicherzustellen, dass ich überhaupt nicht am politischen Prozess teilnehmen kann, und deshalb werde ich mir alle Optionen offen halten“. Ein klarer Seitenhieb gegen die Partei des Amtsinhabers Biden.

Gefahr für Biden? US-Demokraten warnen

Die Demokraten befürchten schon seit einiger Zeit, dass ein Kandidat einer dritten Partei bei den Wahlen Joe Biden gefährlich werden könnte. Nicht direkt, aber doch, indem potenzielle Wähler sich nicht für Biden, sondern eben für einen anderen Kandidaten entscheiden könnten – und somit Biden Stimmen kosten. Die gleichen Befürchtungen wurden schon in der Vergangenheit geäußert, nachdem Cornel West angekündigt hatte, dass er als Kandidat der Grünen Partei antreten werde. Nun werden die Sorgen noch größer. Biden liegt in aktuellen Umfragen Kopf an Kopf mit dem führenden Kandidaten der Republikaner, dem ehemaligen Präsidenten Donald Trump.

„Das Letzte, was Biden braucht, ist Robert Kennedy Jr., der als liberaler Vertreter antritt“, sagte der politische Berater Jay Townsend dem Portal Newsweek. „Daraus dürfte nichts Gutes für Biden entstehen.“

Robert F. Kennedy Jr.: Entscheidung bis Mitte Oktober.

Eine Umfrage ergab zuletzt, dass ein Drittel der Demokraten für Kennedy stimmen würden, wenn er als Unabhängiger kandidieren würde. Ein Zuwachs gegenüber den 25 Prozent, die sagten, dass sie bei den Vorwahlen für ihn stimmen würden, wenn er als Kandidat für die Demokraten antritt.

Joe Biden - ein unpopulärer Kandidat

„Die Tatsache, dass Präsident Biden so unpopulär ist, dass ein Drittel der Demokraten bei den allgemeinen Wahlen für einen unabhängigen Kandidaten stimmen würde, unterstreicht die Bedeutung einer fairen und konkurrenzfähigen Vorwahl“, erklärte ein Sprecher von Kennedys Wahlkampfteam Newsweek und goss damit zusätzlich Öl ins Feuer.

Ähnlich äußerte sich Gary Johnson, der ehemalige republikanische Gouverneur von New Mexico, der 2012 und 2016 Präsidentschaftskandidat der Liberalen Partei war. Johnson wies darauf hin, dass eine unabhängige Kandidatur Kennedy helfen könnte, Wähler anzuziehen, die keinen Präsidenten wählen wollen, der mit der Demokratischen Partei verbunden ist. „Wenn Kennedy es schafft, den Prozess zu durchlaufen und der Kandidat der Liberalen zu werden, würde ich sofort für ihn stimmen, weil er nicht Biden und nicht Trump ist“, sagte Johnson der New York Times.

Auf die Frage nach einem dritten Herausforderer sagte ein enger Verbündeter Bidens NBC News: „Bei einer knappen Wahl zählt jede Stimme. Haben viele Leute das im Hinterkopf? Auf jeden Fall. Müssen wir vorsichtig sein, wenn wir uns auf den Weg machen? Ja, das müssen wir.“

Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

Joe Biden gehört seit vielen Jahren zum Establishment der Demokratischen Partei und blickt auf eine lange politische Karriere zurück. Bei der US-Wahl 2020 ist es ihm im dritten Anlauf endlich gelungen, sein großes Ziel zu erreichen: Biden ist zum 46. Präsidenten der USA gewählt worden. Es war die Krönung eines jahrzehntelangen Politikerlebens, in dem er auch schwere Schicksalsschläge zu verkraften hatte.
Joseph „Joe“ Robinette Biden, Jr. wurde am 20. November 1942 in Scranton (Pennsylvania) geboren. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften begann der Jurist Ende der 60er-Jahre, sich politisch zu engagieren. Zunächst ließ er sich im US-Bundesstaat Delaware als Unabhängiger registrieren – weil er weder den republikanischen Präsidenten Richard Nixon noch den demokratischen Gouverneur Charles Terry ausstehen konnte. Um die Lage nach der Ermordung von Martin Luther King im April 1968 zu beruhigen, hatte Terry die Nationalgrade zu Hilfe gerufen. Für Biden wurde die Bürgerrechtsbewegung zum Auslöser seiner Politisierung.
Im Jahr 1972 trat Biden im Alter von nur 29 Jahren bei der Wahl zum US-Senat an. Er besiegte den langjährigen republikanischen Vertreter Cale Boggs und zog als einer der jüngsten Senatoren in den Kongress ein. Der Triumph wurde allerdings von einem schweren Autounfall am 18. Dezember 1972 überschattet, bei dem seine erste Ehefrau Neilia und Tochter Naomi ums Leben kamen. Die Söhne Beau und Hunter überlebten verletzt. Seinen Eid legte Biden im Januar 1973 am Krankenbett von Beau ab, dessen Bein immer noch im Streckverband war. 1977 heiratete Biden die Lehrerin Jill Tracy Jacobs. Aus dieser Ehe stammt Tochter Ashley.
Von 1973 bis 2009 saß Biden 36 Jahre lang als Vertreter des Bundesstaates Delaware im Senat. Er wohnte allerdings weiterhin in Wilmington (Delaware) und pendelte jeden Tag per Bahn nach Washington, D.C. 1994 war er maßgeblich an einem heute kontrovers diskutierten Gesetz zur Reform des Strafrechts und der Inneren Sicherheit beteiligt. Mitte der 90er sprach er sich für die Nato-Intervention in Bosnien-Herzegowina und die Bombardierung Serbiens im Kosovo-Krieg 1999 aus. Im Jahr 2002 stimmte er für die Irak-Resolution.
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Kennedy: Entscheidung fällt bis Mitte Oktober

Umfragen zeigen, dass eine wachsende Zahl von Amerikanern mit der Auswahl der Kandidaten unzufrieden ist. Eine Studie des Pew Research Center vom September ergab, dass drei von zehn Amerikanern die Parteien der Demokraten und der Republikaner nicht gut finden und dass 63 Prozent mit den bisherigen Präsidentschaftskandidaten unzufrieden sind. Siebenunddreißig Prozent sagten, sie wünschten, es gäbe mehr Parteien zur Auswahl.

Die Zahlen kommen zu einem Zeitpunkt, an dem sich mehr als 15.000 Menschen in Arizona als Mitglieder von No Labels registriert haben, einer neuen politischen Partei, die eine politische Alternative zu Biden und Trump in Aussicht stellt. Auch wenn es sich noch um eine kleine Zahl von Wählern handelt, so ist sie doch groß genug, um die Präsidentschaftswahlen in einem wichtigen umkämpften Staat zu beeinflussen.

„Wir haben sehr deutlich gemacht, dass dritte Parteien bei knappen Wahlen sehr gefährlich sein können und dem Präsidenten mit ziemlicher Sicherheit schaden würden“, sagte Matt Bennett, Mitbegründer der zentristischen demokratischen Gruppe Third Way, der New York Times. „Das würde auch auf einen freien Kandidaten zutreffen – und es würde auf Kennedy zutreffen“.

Kennedy selbst hält sich noch weitestgehend bedeckt. Allerdings sagte er auch, er werde „vor dem 15. Oktober eine Entscheidung treffen“. Bis dahin wird Biden also mit der Ungewissheit leben müssen. (skr)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Ringo Chiu

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