Trinkgelddruck an unerwarteten Orten
Mehr Trinkgeld am Kartengerät? Optionen sollen Kunden „manipulieren“
- VonBettina Menzelschließen
Bargeldlose Bezahlung wird langsam aber sicher auch in Deutschland beliebter. So mancher Betrieb versucht am Kartengerät mit ein paar Tricks für mehr Trinkgeld zu sorgen. Mit Erfolg?
Berlin – Trinkgeld ist eine kulturelle Sache. Wer viel reist, weiß das längst. In Deutschland hat sich über die Jahre fünf bis zehn Prozent des Rechnungsbetrags als Extra etabliert. Nur wenn der Service katastrophal war, bleibt das Trinkgeld schon mal demonstrativ aus. Doch die bargeldlose Zahlung wird hierzulande immer beliebter – das verändert auch die Trinkgeldkultur.
Manipulative Kartengeräte erobern Deutschland – auch an ungewohnten Orten
Mehr als die Hälfte (58 Prozent) aller Waren und Dienstleistungen zahlen die Deutschen noch immer bar. Das geht aus der jüngsten Studie der Deutschen Bundesbank zum Zahlungsverhalten in Deutschland von 2021 hervor. Allerdings mit sinkender Tendenz: Bei der vorherigen Erhebung im Jahr 2017 zahlten noch 74 Prozent in Banknoten und Münzen. Wer aber doch mit Karte oder Smartphone die Rechnung begleicht, hat vielleicht schon eine nun immer üblichere Funktion entdeckt: knallig blau unterlegte Optionen auf dem Touch-Display, die sieben, zehn oder sogar 20 Prozent Trinkgeld vorschlagen.
Erst beim genauen Hinsehen erkenne man auf den Geräten, dass es auch die Möglichkeiten „Freie Eingabe“ und „Kein Trinkgeld“ gäbe, berichtet die Deutsche-Presse Agentur (dpa) zum Thema. An einem hippen Hamburger-Stand kommunizierte das Kartengerät nur auf Englisch: „0 %“, „10 %“, „15 %“, „20 %“, „25 %“ sind laut dpa hier als Tip (also Trinkgeld) möglich. Die 25 Prozent dürften aus den USA inspiriert sein, wo die Trinkgelder während der Pandemie etwa in New York von sonst üblichen 19 auf 25 Prozent gestiegen waren, wie Capital berichtete. 25 Prozent am Hamburger-Stand ohne Bedienung sind für deutsche Verhältnisse doch recht unüblich.
Verhaltensmanipulation am Touch-Terminal: Die neue Macht der Kartengeräte
Selbst ohne Pandemie kletterten die Tips weiter, von „Tipflation“ ist gar die Rede. Und auch für die Trinkgeld-Vorschläge auf den Kartengeräten gibt es einen Fachbegriff: „Nudging“ heißt es in der Verhaltensökonomik, wenn man das Verhalten von Menschen „anstupsen“ wolle, „um es in bestimmte Richtungen zu lenken – man könnte auch bösartig sagen: zu manipulieren“, sagte der Ökonom Christian Traxler von der Berliner Hertie Scholl RBB24.
Die Standardwerte 10 bis 25 Prozent würden einen Rahmen kommunizieren, innerhalb dessen ein Trinkgeld erwartet wird. Schlägt ein Restaurant zu hohe Werte vor, läuft es Gefahr, gar kein Trinkgeld zu bekommen. Denn die Option, selbst einen abweichenden Betrag einzugeben, nutzen laut dem Ökonomen nur wenige. Die Optionen lassen sich auch positiv sehen: Für Menschen sei praktisch, dass sie nicht kopfrechnen müssen, was für manche Stress bedeute, sagte Wirtschaftswissenschaftler Sascha Hoffmann von der Hochschule Fresenius RBB24.
Das Problem: „Genau hier sind Menschen höchst manipulierbar“, so Hoffmann, „indem ich ihnen Alternativen unterjubele, die sie bei längerem Nachdenken gar nicht gewählt hätten.“ Denn die vorgeschlagenen Werte liegen in der Regel über dem, was in Deutschland als Trinkgeld gang und gäbe ist. Der aus der Psychologie bekannte „Hang zur Mitte“ oder Decoy-Effekt könnten hier zum Tragen kommen. Allerdings: Aus Sicht der Wirtschaftswissenschaft ist das Trinkgeld selbst ein Rätsel, denn mit ökonomischen Theorien lässt es sich kaum erklären.
Und was spricht für Trinkgeld-Vorschläge auf den Kartengeräten?
In der Regel gilt: Keine neue Maßnahme ohne Grund. Bei der Zahlung mit Karte vergessen selbst zufriedene Kunden oft Trinkgeld zu geben. Mit den abgebildeten Option weist der Dienstleister mehr oder weniger dezent darauf hin. In der Regel geben Menschen per Karte grundsätzlich auch weniger Trinkgeld. Das Argument, dass Menschen in der Serviceindustrie in Deutschland – im Gegensatz zu den USA – einen ausreichenden Grundlohn erhalten, ist nur halb richtig. Wenn eine Bedienung aufgrund der bargeldlosen Bezahlmethoden weniger Trinkgeld als vorher erhält, bedeutet das im Schnitt eine sinkende Entlohnung.
Andere Berufsarten erhalten ebenfalls kein Trinkgeld, so ein häufiges Argument. Trinkgeld war schon im 17. Jahrhundert bekannt. Als Menschen während des Industriebooms plötzlich mehr reisten und häufiger Restaurants besuchten, etablierte es sich auch hierzulande. Die Arbeiter im Dienstgewerbe waren meist Freiberufler und erhielten ein paar Groschen von jenen Menschen, für die sie Koffer oder Teller trugen. Mittlerweile gilt auch für Kellner und Kellnerinnen der Mindestlohn. Das Gastgewerbe bleibt aber weiterhin die am schlechtesten bezahlte Branche in Deutschland, wie der Stepstone Gehaltsreport 2023 zeigte.
Bei der Entscheidung für die Berufswahl spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Wer sich für das Gastgewerbe entscheidet, hat dabei sicherlich auch das Trinkgeld im Auge. Fällt dieser Faktor weg, stimmt die Rechnung nicht mehr. Das könnte den Arbeitskräftemangel in Serviceberufen weiter verschärfen, meint Wirtschaftswissenschaftler Sascha Hoffmann. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Die große Mehrheit (69 Prozent) der Befragten der Bundesbank-Studie gab an, auch zukünftig unverändert mit Bargeld bezahlen zu wollen. (bme)