Parallelen zu Bachmut
Putins Truppen reiben sich bei Awdijiwka auf – mit Folgen für den Kriegsverlauf?
VonFelix Durachschließen
Die russische Armee erleidet wohl starke Verluste bei der Schlacht um Awdijiwka. Militärexperten sehen Parallelen zu vergangenen Schlachten im Ukraine-Krieg.
Awdijiwka – Die nennenswerten Erfolge der russischen Streitkräfte im Ukraine-Krieg sind in den letzten Monaten rar geworden. Die Einnahme von Bachmut durch russische Soldaten und Wagner-Söldner Ende Mai 2023 stellt den letzten großen Erfolg für Präsident Wladimir Putin dar. In Bachmut kämpften russische Streitkräfte über Monate hinweg um die Einnahme der im Laufe der Kämpfe völlig zerstörten Stadt. Russische Rekruten und Wagner-Söldner wurden in den Kämpfen regelrecht aufgerieben. Ein ähnliches Vorgehen scheint die russische Militärführung nun auch beim Kampf um die Stadt Awdijiwka anzuwenden.
Kampf um Awdijiwka – Russland erleidet im Ukraine-Krieg hohe Verluste
Ukrainischen Angaben zufolge hat Russlands alleine in den letzten zweieinhalb Wochen 400 gepanzerte Fahrzeuge beim Kampf um die Stadt verloren. Über 5.000 russische Soldaten sind bei den Gefechten gefallen oder wurden verwundet. Auch wenn die ukrainischen Zahlen nicht unabhängig überprüft werden können, weisen auch Satellitenbilder darauf hin, dass Russland zumindest über 100 gepanzerte Fahrzeuge verloren hat.
Awdijiwka ist bereits längere Zeit von mehreren Seiten von der russischen Armee umzingelt. Russlands Militärführung hat eine Schlinge gebildet, die nun um die Stadt zugezogen werden soll. Bereits seit dem Aufflammen des Ukraine-Konflikts im Jahr 2014 liegt Awdijiwka an der Front zwischen den von der Ukraine verwalteten Gebieten im Westen und den zum Teil von Separatisten kontrollierten Gebieten im Osten. Für Präsident Putin soll die Stadt, in der vor dem Krieg über 30.000 Menschen gelebt hatten, zum Ort des neuen Triumphs werden.
Parallelen zu Bachmut – Putins Armee agiert bei Awdijiwka „ohne Rücksicht auf Verluste“
„Hier findet eine Schlacht statt, in die der Feind seine Hauptkräfte wirft“, schrieb der Journalist Jurij Butussow mit Blick auf die russische Armee bei Telegram. Dabei nehmen Putins Streitkräfte erneut hohe Verluste in Kauf, um Gebietsgewinne zu erzielen. „Russland setzt in der Region auf eine Taktik der absoluten Zerstörung“, beschreibt der Militärexperte Nico Lange das Vorgehen der Armee im Gespräch mit dem Portal t-online und sah Parallelen zur Schlacht um Bachmut. „Auch dieser Ort ist nun von drei Seiten durch Russland eingekreist, auch hier schickt Russland ohne Rücksicht auf Verluste Welle um Welle seiner Truppen in das Feuer der ukrainischen Armee“, sagte Lange weiter.
Berichte über Russlands Taktik der „menschlichen Wellen“ gab es seit Beginn des Krieges immer wieder. Gerade mit Blick auf die Söldner-Truppe „Gruppe Wagner“ erreichte das Vorgehen einen erschreckenden Höhepunkt. Der verstorbene Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin rekrutierte Häftlinge direkt aus russischen Gefängnissen für den Kampf an der Front. Dort wurden die Sträflinge in den vordersten Reihen regelrecht verheizt. Wer den Kampfeinsatz überlebte, wurde mit der Freiheit belohnt. Auch Russland soll sich diese Strategie mittlerweile zu eigen gemacht haben und in Gefängnissen neue Soldaten rekrutieren.
Auswirkungen auf Verlauf des Ukraine-Kriegs? Russlands Taktik bei Awdijiwka könnte schwere Folgen haben
Doch auch wenn die russische Armee mit ihrer Taktik Erfolg Awdijiwka haben könnte, dürften sie damit einen hohen Preis für den weiteren Kriegsverlauf zahlen. Das analysieren zumindest die Experten des US-Thinktanks „Institute for the Study of War“ (ISW) in ihrem täglichen Lagebericht zum Ukraine-Krieg am Donnerstag (26. Oktober). „Das russische Kommando wird wahrscheinlich Schwierigkeiten haben, die russischen Ausrüstungsverluste, insbesondere bei gepanzerten Fahrzeugen, auszugleichen“, heißt es in dem Bericht.
Die ISW-Experten sehen bei den Entwicklungen auch eine Parallele zu den Kämpfen um die Stadt Wuhledar Anfang 2023. Beim Vorrücken auf die Stadt südwestlich von Donezk verlor die russische Armee ebenfalls eine große Anzahl an gepanzerten Fahrzeugen. Bilder des Schlachtfelds zeigten damals einen regelrechten Panzerfriedhof vor Wuhledar. „Schwere Verluste rund um Wuhledar hinderten das russische Kommando wahrscheinlich daran, später in der Winter-Frühjahr-Offensive 2023 andernorts in der Ukraine anhaltende maschinelle Angriffe durchzuführen“, heißt es in dem Bericht des ISW.
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Russland verheizt seine Panzer – Militärexperten rechnen mit großem Ausrüstungsmangel für Putins Armee
Mit ähnlichen Konsequenzen rechnen die ISW-Experten nun auch durch die russischen Verluste bei Awdijiwka, die nach Ansicht des Thinktanks noch größer sein sollen als in Wuhledar. „Die jüngsten russischen Ausrüstungsverluste rund um Avdiivka werden wahrscheinlich zu einem noch größeren Mangel an russischer Ausrüstung und zu Rückschlägen für alle Fortschritte führen, die das russische Militär bei der Bewältigung der verschlechterten Fähigkeiten der mechanisierten Manöverkriegsführung gemacht hat“, prognostiziert das ISW.
Ein Erfolg in Awdijiwka wäre dennoch von großer Bedeutung für die russische Kriegspropaganda von Präsident Putin. Gerade auch mit Blick auf die im kommenden Jahr anstehenden Präsidentschaftwahlen in Russland. (fd)
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Rubriklistenbild: © Russian Defence Ministry/imago-iamges

