Herrenlose Häuser

Viele Immobilien in Ostdeutschland sind umsonst zu haben – Experte warnt

  • Peter Sieben
    VonPeter Sieben
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Abseits schmucker Altstädte verfallen vielerorts einst hübsche Häuser. Jeder könnte sie kostenlos in Besitz nehmen. Doch Vorsicht ist geboten.

Erfurt – Die Altstadt von Meiningen im Süden von Thüringen sieht aus wie aus dem Bilderbuch: Häuser in bunten Pastellfarben schmiegen sich an den Marktplatz, in dessen Zentrum die schmucke Stadtkirche steht. Doch wer ein paar Straßen weiter wandert, findet schnell ganz andere Ecken: Halb verfallene Gebäude mit zugenagelten Fenstern in überwucherten Gärten. Oft sind die Häuser schon seit Jahrzehnten verlassen.

Lost Places und Geisterviertel in Ostdeutschland

Leerstehendes Gebäude bei Greiz in Thüringen.
Das Grundstück ist verwildert.
Lost Place in Thüringen
Verfallene Häuser in Thüringen
Lost Places und Geisterviertel in Ostdeutschland

Vor allem in den ostdeutschen Bundesländern gibt es immer mehr herrenlose Häuser. Mindestens 400 Grundstücke und Flurstücke – also Parzellen, auf denen mehrere Häuser Platz finden können – ohne Eigentümer gibt es in Thüringen. In Sachsen sind es mehr als 800. „In den Nuller-Jahren ist das immer schlimmer geworden. Immer mehr Wohnraum wurde vernichtet“, sagt Jörg Müller, Finanz- und Immobilienexperte an der TU Chemnitz.  

Lost Places: Fabriken stehen seit 80 Jahren leer

Einige der Häuser stehen schon seit 80 Jahren leer – vor allem Betriebsimmobilien, alte Werkstätten und Fabriken, die zu Lost Places wurden. Die einstigen Besitzer verließen sie nach dem Zweiten Weltkrieg oder wenig später, als die Teilung Deutschlands begann. Nach der Wiedervereinigung zogen dann viele junge Menschen weg – aus den Dörfern in die Großstädte und aus dem Osten in den Westen. „Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren schwierig, es gab Arbeitslosigkeit und wenig Perspektiven. Wir haben viele junge Leute verloren“, erzählt Müller.

Geblieben sind oft die Älteren. Nach deren Tod hatte niemand Interesse an den Häusern und Wohnungen, bald gab es zu viel Wohnraum für zu wenig Menschen. Und die Immobilien verloren an Wert. „Wenn ein Haus zehn Jahre leer steht, können Sie es vergessen. Dann sind die Abrisskosten höher als der Grundstückswert.“ Denn anders als in Großstädten wie Dresden, Leipzig oder Erfurt, fallen die Quadratmeterpreise in ostdeutschen kleineren oder mittelgroßen Gemeinden kontinuierlich.  

Herrenlose Häuser werden für die Städte im Osten Deutschlands zum Problem

In den Städten wird das zum Problem. Denn die verfallenden Gebäude verschandeln oft ganze Stadtviertel. Ein Teufelskreis: Die Wohnlagen außerhalb der sanierten Stadtkerne werden noch unattraktiver, und noch mehr Menschen verlassen die Orte.

Eine ganze Häuserzeile in Altenburg steht vor dem Verfall. Rund 50 Prozent der Gebäudeflächen in der ostthüringischen Stadt stehen leer. Ein Projekt namens „Hofhalten“ will die Gebäude retten.

Doch warum kümmern sich die Kommunen nicht selbst um die herrenlosen Häuser? Das habe mehrere Gründe, sagt Experte Müller. Häufig sind zum Beispiel die Eigentumsverhältnisse nicht eindeutig – sie zu klären, kann Jahre dauern. „Viele Gemeinden warten so lange, bis keine Grundsteuer mehr für die Grundstücke bezahlt wird. Dann geben sie die Häuser in die Zwangsversteigerung.“

Lost Place kaufen? Theoretisch kann jeder herrenlose Häuser übernehmen

Manchmal übernehmen die Städte die Immobilien dann selbst und nutzen sie um. Aber das ist kostspielig. „Die Kommunen halten sich zurück, wenn die Mittel nicht vorhanden sind”, sagt Müller. Und in vielen Kommunen sind die Kassen klamm. Meist stelle sich zudem die Frage, ob sich Investitionen dann überhaupt lohnen, denn: „Wenn Städte eine Weiternutzung in Betracht ziehen, brauchen sie weitere Verwendungsmöglichkeiten, zum Beispiel für Wohnraum oder Gemeinschaftsräume. Aber wenn immer weniger Menschen vor Ort leben, ergibt das wenig Sinn.“  

Wenn kein Eigentümer mehr im Kataster eingetragen ist und der Staat kein Interesse an den Immobilien hat, kann theoretisch jeder so einen Lost Place einfach übernehmen – kostenlos. Interessenten müssen sich dafür nur ins Kataster als neue Eigentümer eintragen lassen. Das regelt das Bürgerliche Gesetzbuch in Paragraf 928, erklärt Jörg Müller. Aber: „Man muss sich die Frage stellen, warum selbst der Fiskus das Gebäude nicht will. Es ist naheliegend, dass solche Immobilien nicht mehr zu Geld zu machen sind.“

Erste Lösungsansätze in den Kommunen – aber nur mit Fördermitteln vom Bund

Er rät davon ab, vermeintlich billige Häuser, die zuhauf auf Online-Plattformen zu finden sind, zu kaufen. In seiner früheren Tätigkeit als Immobilienberater habe er Kunden gehabt, die bei Ebay oder anderen Plattformen Immobilien für einen Euro gekauft hatten. „Die dachten hocherfreut, dass sie die als Kreditsicherheit angeben könnten. Da ist mir die Kinnlade runtergefallen“, erzählt Müller. „Das waren Schrottimmobilien, die sind nichts wert und machen nur Ärger.“  

Allmählich versuchen manche Städte, das Problem mit den herrenlosen Häusern in den Griff zu bekommen. Im thüringischen Altenburg etwa sind abseits der sanierten historischen Innenstadt teils ganze Häuserzeilen und Hinterhöfe verwaist. Mithilfe des Projekts „Hofhalten“ sollen die Gebäude gerettet und verborgene Gassen, von denen kaum noch jemand weiß, wieder sichtbar gemacht werden. Und im sächsischen Lunzenau-Göritzhain ließ die Stadt einen uralten verwaisten Gasthof abreißen und das Grundstück rekultivieren. In beiden Fällen waren die Kommunen allerdings auf sechsstellige Fördermittel von Bund beziehungsweise Land angewiesen.

Rubriklistenbild: © Peter Sieben