Abschied im Oval Office

Tragisches Ende einer beeindruckenden Karriere: Biden verpasst trotz Rede den sauberen Abgang

  • Felix Busjaeger
    VonFelix Busjaeger
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Es wird eine schwere Rede für Joe Biden gewesen sein. Im Oval Office äußerte er sich erstmals zu seinem Rückzug und seiner Nachfolgerin Kamala Harris.

Washington, D.C. – „Es war das Privileg meines Lebens, dieser Nation über 50 Jahre lang zu dienen“ – Mit einer emotionalen Rede an die Nation hat sich Joe Biden aus dem Oval Office an die US-Bevölkerung gewandt. Ansprachen dieser Art waren in der Vergangenheit immer eines der mächtigsten Instrumente der US-Präsidenten, um wichtige Botschaften mit historischer Tragweite zu verkünden. Und auch der 81-Jährige nutzte es, um über die Kriege in Israel und der Ukraine, das Schuldengesetz und das Trump-Attentat zu sprechen und das amerikanische Volk zu vereinen.

Doch Bidens jüngste Rede war anders – vielmehr eine persönliche Botschaft und eine versuchte Rechtfertigung für den eigenen Rückzug vor der US-Wahl 2024: Hinter dem „Resolute Desk“ forderte der amtierende US-Präsident die Nation auf, zusammenzukommen und die US-Demokratie zu retten. Zugleich erläuterte der 81-Jährige, dass er keine weitere Amtszeit anstrebt und warum er Kamala Harris als würdige Nachfolgerin sieht. Fast wirkte die Biden-Rede bereits wie ein Abschied: Ein Abschied, der schon früher hätte erfolgen können und nun einen düsteren Schatten auf eine langjährige Politik-Karriere wirft.

Bidens Rede im Oval Office: Keine Begründung für Rückzug, aber Unterstützung für Kamala Harris

Biden vermied es während seiner Rede im Oval Office, eine konkrete Begründung für seinen Rückzug zu nennen, er sprach nicht vom Alter oder seinen Schwächen im Wahlkampf der US-Wahl 2024. Dass Bidens Gesundheit in den vergangenen Wochen immer wieder zentrales Thema der Republikaner-Rhetorik war, spielte ebenfalls keine Rolle. Mit einem hochtrabenden Redestil versuchte Biden indes, mit viel Pathos den Kampf um die „Rettung der Demokratie“ zu beschwören. Doch der Auftritt offenbarte erneut, dass Biden nicht mehr der Staatsmann ist, der er die letzten 50 Jahre war.

Joe Biden hat sich in einer Rede an die USA gewandt und Kamala Harris den Rücken gestärkt. Vor der US-Wahl 2024 hat er einen drängenden Appell.

Die Stimme war dünn und immer wieder vernuschelte er die Sätze. Doch nichtsdestoweniger war Bidens Rede an die Nation ein historischer Moment, der mit Sicherheit in Erinnerung bleiben wird. Doch es wird eine unfaire sein – die mit einer schriftlichen Botschaft am vergangenen Sonntag eingeleitet wurde. Der bedeutenden Rede aus dem Amtszimmer des Präsidenten, dem Oval Office, gingen chaotische Wochen im US-Wahlkampf voraus. Ende Juni versagte Biden in einem TV-Duell gegen seinen republikanischen Herausforderer Donald Trump kläglich. Für den Demokraten war es wohl der Anfang vom Ende seiner politischen Karriere.

Biden stärkt in Rede Kamala Harris – Umfragen könnten Grund für Rückzug sein

Dass sich Biden in den 50 Jahren Staatsdienst für die USA in verschiedenen Ämtern aufopferte, werden viele Beobachter des aktuellen Wahlkampfs der US-Wahl 2024 verdrängen. Doch tatsächlich war der amtierende US-Präsident auch vor seiner Zeit im Weißen Haus einer der wichtigsten und mächtigen Politiker des Landes, der in den vergangenen Jahrzehnten die Geschicke der USA mitgestaltete. Die jetzige Rede dürfte dem Vollblutpolitiker Biden allerdings nicht leicht gefallen sein. „Ich glaube, dass meine Leistungen als Präsident, meine Führungsrolle in der Welt und meine Vision für die Zukunft Amerikas eine zweite Amtszeit verdient haben“, gab Biden unverblümt zu, doch dazu wird es bekanntlich nicht mehr kommen.

Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

Joe Biden gehört seit vielen Jahren zum Establishment der Demokratischen Partei und blickt auf eine lange politische Karriere zurück. Bei der US-Wahl 2020 ist es ihm im dritten Anlauf endlich gelungen, sein großes Ziel zu erreichen: Biden ist zum 46. Präsidenten der USA gewählt worden. Es war die Krönung eines jahrzehntelangen Politikerlebens, in dem er auch schwere Schicksalsschläge zu verkraften hatte.
Joseph „Joe“ Robinette Biden, Jr. wurde am 20. November 1942 in Scranton (Pennsylvania) geboren. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften begann der Jurist Ende der 60er-Jahre, sich politisch zu engagieren. Zunächst ließ er sich im US-Bundesstaat Delaware als Unabhängiger registrieren – weil er weder den republikanischen Präsidenten Richard Nixon noch den demokratischen Gouverneur Charles Terry ausstehen konnte. Um die Lage nach der Ermordung von Martin Luther King im April 1968 zu beruhigen, hatte Terry die Nationalgrade zu Hilfe gerufen. Für Biden wurde die Bürgerrechtsbewegung zum Auslöser seiner Politisierung.
Im Jahr 1972 trat Biden im Alter von nur 29 Jahren bei der Wahl zum US-Senat an. Er besiegte den langjährigen republikanischen Vertreter Cale Boggs und zog als einer der jüngsten Senatoren in den Kongress ein. Der Triumph wurde allerdings von einem schweren Autounfall am 18. Dezember 1972 überschattet, bei dem seine erste Ehefrau Neilia und Tochter Naomi ums Leben kamen. Die Söhne Beau und Hunter überlebten verletzt. Seinen Eid legte Biden im Januar 1973 am Krankenbett von Beau ab, dessen Bein immer noch im Streckverband war. 1977 heiratete Biden die Lehrerin Jill Tracy Jacobs. Aus dieser Ehe stammt Tochter Ashley.
Von 1973 bis 2009 saß Biden 36 Jahre lang als Vertreter des Bundesstaates Delaware im Senat. Er wohnte allerdings weiterhin in Wilmington (Delaware) und pendelte jeden Tag per Bahn nach Washington, D.C. 1994 war er maßgeblich an einem heute kontrovers diskutierten Gesetz zur Reform des Strafrechts und der Inneren Sicherheit beteiligt. Mitte der 90er sprach er sich für die Nato-Intervention in Bosnien-Herzegowina und die Bombardierung Serbiens im Kosovo-Krieg 1999 aus. Im Jahr 2002 stimmte er für die Irak-Resolution.
Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

In US-Medien heißt es, dass Bidens Berater ihn letztlich mit Ergebnissen in Wahlumfragen konfrontiert hätten. Nach dem Debakel im TV-Duell und spätestens nach dem Attentat auf Donald Trump war angenommen worden, dass der 81-jährige US-Präsident kaum eine Chance gegen den republikanischen Herausforderer bleiben würde. Nicht ausgeschlossen wurde bereits, dass die Demokraten die US-Wahl 2024 bereits verloren hätten. Durch den Wechsel auf Harris scheint sich zuletzt allerdings eine Trendwende anzukündigen: Erste Umfragen sehen Harris gleichauf mit Trump.

Biden spricht in Rede über US-Wahl 2024 – Mitarbeiter den Tränen nahe

Am Mittwochabend (Ortszeit) versammelten sich zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Weißen Haus, um die Rede Bidens zu schauen. Es handle sich wohl um die wichtigste Rede, die Biden nie habe halten wollen, sagte CNN-Journalistin Dana Bash. Unter den Angestellten sollen Medien zufolge Tränen geflossen sein, am Ende habe es großen Applaus gegeben. Auch Bidens Familie verfolgte die Rede im Oval Office. Nach seinem Rückzug aus dem aktuellen Wahlkampf will sich US-Präsident Joe Biden ganz seinem Amt im Weißen Haus widmen. „In den nächsten sechs Monaten werde ich mich darauf konzentrieren, meine Aufgabe als Präsident zu erfüllen.“

Bilder einer Karriere: Kamala Harris strebt Präsidentenamt in den USA an

Mit dem Verzicht von Joe Biden auf die Kandidatur der Demokraten rückt seine Stellvertreterin Kamala Harris vor der US-Wahl 2024 in den Fokus.
Nachdem die Demokraten die Vizepräsidentin aufgestellt haben, hat Harris die Chance, als erste Frau in der Geschichte der USA das Präsidentenamt zu übernehmen. Damit wäre sie die mächtigste Frau der Welt.
Harris wurde am 20. Oktober 1964 in Oakland im Bundesstaat Kalifornien geboren. Ihr Vater war aus Jamaika in die USA eingewandert, um Wirtschaft zu studieren. Ihre Mutter, eine 2009 verstorbene Brustkrebsforscherin, kam aus Indien in die USA. Sie kam aus Indien und lernte Harris‘ Vater in den 60er Jahren in den USA kennen. 
Harris und ihre jüngere Schwester Maya wuchsen bei ihrer Mutter auf, zeitweise lebten sie im kanadischen Montreal. „Sie erzog uns zu stolzen, starken Schwarzen Frauen. Und sie hat uns beigebracht, unser indisches Erbe zu kennen und darauf stolz zu sein“, sagte Harris 2020 in einer Rede. Darin betonte sie auch, dass die USA einen Präsidenten brauchten, „der uns alle zusammenbringt – Schwarze, Weiße, Latinos, Asiaten, Indigene – um die Zukunft zu erreichen, die wir gemeinsam wollen“.
Bilder einer Karriere: Kamala Harris strebt Präsidentenamt in den USA an

Die Republikaner versuchten indes, während der Biden-Rede ihre eigenen Akzente zu setzen: Donald Trump nahm bei einem Wahlkampfauftritt in North Carolina seine neue politische Gegnerin Harris vor und nannte sie eine „linksradikale Verrückte“, die das Land zerstören werde. Auch Biden wurde erneut verbal angegriffen. „Die Rede des korrupten Joe Biden im Oval Office war kaum zu verstehen, und sooo schlecht!“, schrieb er.

„Ich verehre dieses Amt“: Biden spricht in Rede über US-Wahl und Harris

Für Biden aber schien die Mission seiner Rede klar: „Ich verehre dieses Amt. Aber mein Land liebe ich mehr.“ Aus diesem Grund wolle er nun „die Fackel an eine neue Generation“ weitergeben. Der Präsident lobte im gleichen Zuge Vizepräsidentin Kamala Harris: „Sie ist erfahren, sie ist hart im Nehmen, sie ist fähig.“ Die Übergabe der metaphorischen Fackel erfolgte dennoch nach Einschätzung vieler Fachleute zu spät und überschattet jetzt die Erfolge des US-Präsidenten: Biden diente der US-Politik fast vier Jahrzehnte als Vertreter des Bundesstaats Delaware im Senat, zog 2009 als Vizepräsident mit Barack Obama ins Weiße Haus ein. Schließlich wurde er US-Präsident.

Es ist eine lange Karriere, die in den vergangenen Monaten aufgrund seines Auftretens inzwischen nicht anhand von Bidens Leistungen, sondern an seinem persönlichen Auftreten bemessen wird. Über Monate hielt er an der Idee einer zweiten Amtszeit fest, obwohl seine Kandidatur schlussendlich auch in den Reihen der Demokraten kritisiert wurde. Am Ende gab er dann doch die Fackel überraschend schnell an Harris weiter, die nun die Hoffnung der demokratischen Partei ist. Doch am Ende entscheiden die US-Wähler, an die sich Biden am Ende seiner Rede mit einem eindringlichen Appell wendet: „Die Idee Amerikas liegt in Ihren Händen.“ (fbu)

Rubriklistenbild: © Evan Vucci/AP Pool/dpa

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