Hintergrund

Was eine mögliche Taurus-Lieferung so heikel macht

Taurus-Marschflugkörper
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Kampfjet Tornado IDS ASSTA 3.0, bestückt mit dem Lenkflugkörper Taurus.

Während Deutschland zögert, haben die Franzosen und Engländer längst an die Ukraine geliefert. Wie sich die Marschflugkörper unterscheiden, und was den Taurus im Vergleich besonders macht.

Berlin - Bei der Debatte um Marschflugkörper vom Typ Taurus für die Ukraine argumentieren Befürworter damit, dass Frankreich, England und die USA schon vergleichbares geliefert hätten. Wie sich die Waffensysteme unterscheiden und wo sie sich ähnlich sind:

Beim deutschen Taurus, der französischen Scalp und der fast identischen britischen Storm Shadow handelt es sich um Marschflugkörper, die von einem Flugzeug wie dem Eurofighter abgeschossen werden. Hinter den Waffen steckt der europäische Rüstungskonzern MBDA, im Fall von Taurus eine Tochterfirma unter anderem des deutschen MBDA-Ablegers. Bei den amerikanischen Atacms handelt es sich um Raketen.

Der Taurus schafft im Vergleich die doppelte Reichweite

Deutliche Unterschiede gibt es bei der Reichweite der Marschflugkörper, was beim Taurus auch zu den Streitigkeiten führte. Während die gelieferten Scalp/Storm Shadow nach Herstellerangaben etwa 250 Kilometer vor der Detonation zurücklegen können, kann der Taurus KEPD-350 mit rund 500 Kilometern doppelt so weit fliegen. Piloten müssen für das Abfeuern daher nicht in feindlichen Luftraum eindringen. Beim Taurus könnte daher russisches Territorium und gar Moskau als mögliches Ziel in Betracht kommen.

Die Angaben zur Reichweite sind für Markus Schiller nicht in Stein gemeißelt. Der Experte für Raketentechnik, der seit 2015 an der Universität der Bundeswehr zu Fernflugkörpern lehrt, vergleicht Marschflugkörper mit unbemannten Flugzeugen. „Mit einem zusätzlichen Tank könnte die Reichweite theoretisch erhöht werden“, erklärt Schiller auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Im Tiefflug mit zwei Sprengladungen an Bord

Wie der deutsche Taurus mit einem Tiefflug von weniger als 50 Metern Höhe bewegen sich auch das britische und französische Modell sehr niedrig und sollen deshalb nur schwer von der gegnerischen Flugabwehr getroffen werden können. Alle Modelle verfügen auch über zwei Sprengladungen. Im Fall vom Taurus können zuerst beim Aufschlag nach Angaben der Bundeswehr „stark gehärtete Zielstrukturen“ wie etwa Bunkeranlagen durchbrochen werden. Dort soll dann das 480 Kilogramm schwere Sprengkopfsystem Mephisto explodieren.

Experte: Taurus in der Zielgenauigkeit überlegen

So ähnlich sich die Marschflugkörper sind, könne der Taurus etwa durch ein genaueres Navigationssystem im Vergleich zielsicherer agieren, erklärt Schiller. Beim Angriff auf ein hartes Ziel wie die Schwachstelle eines Bunkers oder einen Brückenpfeiler mache es einen Unterschied, wie genau ein Ziel getroffen werde, sagt der Experte für Raketentechnik. Und da sei der Taurus mit einem nach Schillers Worten „sehr guten Paket an Bord“ überlegen.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Unklar bleibt, ob bei einem Einsatz des Taurus im Ukraine-Krieg deutsche Soldaten aktiv eingreifen müssten. Russland hatte jüngst ein mitgeschnittenes Gespräch hoher Bundeswehr-Offiziere veröffentlicht, in der sie Taurus-Einsatzszenarien erörterten, falls doch noch an die Ukraine geliefert würde. Die Offiziere kamen dabei zu dem Schluss, dass die Ukrainer mit Marschflugkörpern alleine zurechtkommen könnten, wenn man sie vorher lange genug ausbilde. Klar ist, dass die Ukraine Medienberichten zufolge ihre Kampfflieger vom Typ Suchoi Su-24 oder Su-27 auch mit dem pro Stück etwa eine Million Euro teuren Taurus bestücken könnte.

Schnelle Atacms-Raketen schwerer ins Ziel zu führen

Wie die Franzosen und die Engländer haben auch die USA ähnliche Waffen an die Ukraine geliefert - nämlich Atacms-Raketen. Nach Abschuss vom Boden fliegen sie eine ballistische Kurve und sollen wieder am Boden detonieren. Obwohl sie als schwer abzufangen gelten, sind sie im Vergleich zu Marschflugkörpern nicht annähernd so präzise.

Ein Grund ist nach Schillers Angaben die Geschwindigkeit. Im Vergleich zu den Marschflugkörpern sind sie um ein Vielfaches schneller und erreichen in der Spitze mehr als dreifache Schallgeschwindigkeit (Mach 3). Dieses hohe Tempo von rund 3700 km/h mache es auch deutlich schwerer, die Rakete im Vergleich zu einer weniger als ein Drittel so schnellen Taurus-Waffe zielgerichtet zu kontrollieren. Bisher haben die USA Atacms mit einer gedrosselten Reichweite von 165 Kilometern geliefert. Die Ukraine wünscht sich aber Atacms mit einer Reichweite von 300 Kilometern. (dpa)